Interview mit Restaurator

Meinolf Kleffmann: Alte Möbel haben Geschichten zu erzählen

Meinolf Kleffmann restauriert Möbel aus Leidenschaft. 

Meinolf Kleffmann restauriert Möbel aus Leidenschaft. 

Foto: Volker Eberts

Flape.  Restaurator Meinolf Kleffmann aus Flape hat ein Herz und ein Händchen für alte Möbel.

Selbst der Laie sieht auf den ersten Blick, dass es sich um ein besonderes Möbelstück handeln muss, das in der Werkstatt von Meinolf Kleffmann in Flape steht und dem der Restaurator den Glanz früherer Zeiten zurückgegeben hat. Es handelt sich um einen 260 Jahre alten, 2,15 Meter hohen und 1,15 Meter breiten Barock-Schreibschrank von 1759 aus Schöningen bei Braunschweig, mit unsichtbarem Geheimfach. Warum ihm sein Beruf nach 33 Jahren immer noch Freude macht und er moderne Möbel „von der Stange“ nicht mag, erzählt er im Interview.
Der Schrank sieht fantastisch aus, es ist sicher ein Unikat, oder?
Meinolf Kleffmann: Ja, dies war mit Sicherheit eine Auftragsarbeit für eine Hochzeit oder vielleicht ein Jubiläum. Der Untergrund ist aus Kiefer und Fichte, das Furnier aus Nussbaum und Eschenholz mit eingearbeiteten Blüten aus Elfenbein. Das ist schon etwas ganz Besonderes, abgesehen davon, dass er 260 Jahre alt ist.


Und was fehlte dem guten Stück?
Zunächst habe ich an vielen Stellen lockere Furniere wieder fest verleimt und Schubladen und Türen wieder gängig gemacht. Die Schreibklappe musste innen neu furniert werden, diese war mit Leder überzogen. Ich habe den Schellack erneuert und es waren nur noch zwei Beschläge dran. Bei den Möbeln, die ich zur Aufarbeitung bekomme, fehlen oft die Beschläge. Ich vermute, dass sie in Kriegszeiten aus Materialmangel abgegeben werden mussten, weil Messing sehr knapp war.


Wo bekommt man den passenden Ersatz her?
Zunächst erstelle ich eine Schablone aus Papier, um die richtige Größe zu ermitteln. Dann wird die Form aus einem Messingblech ausgesägt und per Hand angefast. Anschließend wird das Blech ziseliert, das heißt, alle sichtbaren Rillen werden mit einer Punze, eine Art Minimeißel, von Hand eingeschlagen.


Das muss ja eine wahnsinnige Arbeit sein. Wer macht und kann denn so etwas noch?
Ich arbeite hier mit einer 70-jährigen Dame aus Süddeutschland zusammen, die diese Handarbeit noch beherrscht. Für alte Schlösser bemühe ich oft einen 80-jährigen Schlossermeister aus Berlin. Solche Experten sterben leider aus.


Das bedeutet, man muss in Ihrem Job die richtigen Leute kennen...
Ja, ein gutes Netzwerk ist das A und O in diesem Beruf.


Der Lack an dem Schrank glänzt wie neu. Wie haben Sie diesen wieder hinbekommen?
Ich versuche immer, historische Materialien einzusetzen, zum Beispiel Glutin-Leime, die aus Tierknochen und -häuten hergestellt werden. Diese sind haltbar und hochwertig und werden heute auch noch produziert. Der Lack ist Schellack. Das Ausgangsmaterial ist Harz, das von Schildläusen abgesondert wird. Der Lack wird mit der Hand in ganz dünnen Schichten aufpoliert, bis der Hochglanz entsteht. Diese Lacke sind äußerst langlebig. Die Synthetiklacke, die es seit den 60er- und 70er Jahren gibt, wären Gift für das Holz.


Noch eine Frage zu diesem wunderschönen Schrank. Wie konnten Sie die genaue Herkunft und Jahreszahl ermitteln.
Das war in diesem Fall einfach. Der Schreiner hatte in dem Schrank an einer unsichtbaren Klappe eine papierbezogene Holztafel mit einer Inschrift angebracht. Darauf steht „fertig worden am 9. Mai 1759“, der Ort Schöningen und der Name des Schreiners, Andreas Rifling.



Ist der Raum Braunschweig eine typische Region für derartig hochwertige Handwerkskunst?
In vielen deutschen Regionen gab es typische Möbel mit spezifischen Details, die es nur dort gegeben hat, und in allen großen Residenzstädten wie zum Beispiel Dresden, Braunschweig oder in der Pfalz mit stark französischem Einfluss haben sich bestimmte Stile entwickelt. Es gab damals eine unglaubliche Vielfalt, im Gegensatz zum Einheitsbrei von heute. Ich finde den heutigen Einrichtungsstil erschreckend.


Ich vermute, Sie wohnen selber auch mit alten Möbeln.
Ja, bis auf die Küche haben wir alte Möbel in der Wohnung. Diese Möbel geben viel mehr Wärme und Atmosphäre und haben Geschichten zu erzählen. Mit zunehmender Industrialisierung wurden immer mehr Details mit Maschinen, zum Beispiel Drechselmaschinen, hergestellt. Damit ging das Individuelle verloren. Das kann man gut sehen.


Sie haben Schreiner gelernt, wie wird man dann Restaurator und was treibt Sie an?
Alte Möbel haben mich eigentlich schon immer interessiert. Ich habe mich nach der Meisterprüfung weitergebildet. Ich versuche immer, das Schönste aus den Möbeln herauszuholen. Es gibt nicht mehr viele, die so etwas noch machen, und das Handwerk wird von vielen Leuten nicht mehr geschätzt.


Wie kommt das denn? Die Objekte sind doch wunderschön, echte Hingucker?
Junge Leute haben heute einen anderen Blick aufs Leben, viele interessieren alte Möbel nicht. Ältere können sich unter dem Handwerk noch etwas vorstellen, weil sie es von früher kennen. So geht ein gutes Stück Kulturwissen verloren, ich halte dagegen.


Wer sind Ihre Kunden und woher stammen die Objekte, die in Ihrer Werkstatt landen?
Oft kommen Kunden mit Erbstücken. In der Regel arbeite ich für Privatkunden, aber auch für Museen. Manchmal kaufe ich auch Objekte an, restauriere und verkaufe sie.


In welchem Zustand sind die Antiquitäten, die bei Ihnen landen und wie läuft eine Restaurierung in der Regel ab?

Ich bekomme Objekte in allen Erhaltungszuständen, von total beschädigt bis zu gut erhalten, bei denen eine Aufarbeitung ausreicht. Ich entwickele dann mit dem Kunden ein Konzept, wie das Stück restauriert werden kann. Wenn ich mit einem Möbelstück beginne, arbeite ich möglichst kontinuierlich daran. Man muss sich immer in das Objekt einarbeiten und darauf konzentrieren.


Gibt es auch bei Antiquitäten Möbeltrends?

Ja. Was immer geht, ist Biedermeier. Diese Möbel aus der Zeit von 1815 bis 1835 sind Klassiker. Sie haben klare Linien, so gut wie nichts Verspieltes, gespiegelte Furniere und symmetrische Formen. Die Möbel sind zeitlos und lassen sich deshalb gut mit modernen Möbeln kombinieren.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben