Glauben

Gisela Althaus gehört zum Inventar der Thieringhauser Kirche

Gisela Althaus: Die Kapelle ist mein zweites Wohnzimmer

Gisela Althaus: Die Kapelle ist mein zweites Wohnzimmer

Foto: Birgit Engel / WP

Thieringhausen.  Gisela Althaus (80) kam als 6-jähriges Kind in den Kriegswirren aus Schlesien nach Thieringhausen. Seit 50 Jahren ist sie Pförtnerin der Kapelle.

Sanft legt Gisela Althaus ihre Hand auf die strahlend weiße Altardecke, fährt langsam über das kühle, gestärkte Leinen mit rundum laufender Filetspitze. „Die Kapelle ist mein zweites Wohnzimmer“, lächelt die 80-Jährige und lässt ihren Blick durch das kleine Gotteshaus, in dem sie jeden Winkel kennt, schweifen.

Man spürt, wie die Jahre ihres Lebens vor ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Ob sie wohl einen besonders starken Glauben hat? „Ich spüre eine große Dankbarkeit“, sagt sie. Gisela Althaus, ihr Geburtsname ist Grammel, stammt aus Schlesien. Vertrieben aus ihrer Heimat südlich von Breslau war sie sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter in das kleine Höhendorf unweit von Olpe kam. Dort wuchs sie auf, ging zur Schule und heiratete schließlich Robert Althaus, der direkt neben der Kapelle wohnte.+

Dienst von Schwiegervater übernommen

Man schrieb Anfang der 1960er Jahre. Schwiegervater Ferdinand Althaus war zu dieser Zeit der Glöckner, läutete täglich die Glocke in der heute rund 500 Seelen zählenden Ortschaft. Von Hand, mit einem Seil. Dieser Dienst ging auf die junge Gisela über und damit auch das Auf- und Abschließen der Kapellentüren. Tag für Tag, bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang, von Januar bis Dezember.

Und so ist es noch heute. Mit der Geschichte der Thieringhauser Kapelle beschäftigt sich zurzeit Bruno Breidebach. „Mir ist es wichtig, das Wissen für zukünftige Generationen zu erhalten“, sagt er. Und auch wenn seine Recherchen noch nicht abgeschlossen sind, hat er doch schon einiges zusammengetragen. Erstmals urkundlich erwähnt wird der Kirchenbau mit seiner barocken Innenausstattung 1658. Im Jahr 1682 wird der erste Altar und die erste Glocke geweiht.

Hadamarer Bildhauerschule

Aus 1787 stammt indes die heutige Bronzeglocke. Von besonderer Bedeutung ist das Altarretabel aus der Hadamarer Bildhauerschule mit den Figuren des Johannes vor der Lateinischen Pforte, der heiligen Barbara und der heiligen Agatha. Im Jahr 1701 für die Olper St. Martinus-Kirche errichtet - gestiftet von dem Fürstbischof von Hildesheim Jobst Edmund von Brabeck, dem, unternehmerisch unterwegs im Erzbergbau und der Erzverhüttung, unter anderem das Kupferbergwerk Rhonard gehörte – kam es wahrscheinlich um 1810/11 nach Thieringhausen. Im Laufe der Zeit hat die Johannes-Kapelle, die 1880 neu erbaut wurde, wobei der alte Grundstein erhalten blieb, so einige Renovierungen erlebt.

1961 bekam sie beispielsweise ein Deckenfresco, gestiftet von dem aus Thieringhausen stammenden Peter Grebe, Widerstandkämpfer gegen den Nationalsozialismus und bis zu seinem Tod Pfarrer in Kohlhagen. Umfassend war dann die Restaurierung und Umgestaltung Anfang der 1970er Jahre, unter anderem infolge des Zweiten vatikanischen Konzils. Mit den Beschlüssen des wohl berühmtesten Treffens der Kirchengeschichte wurde die Tridentinische Messe abgeschafft, bei der die Priester das Messopfer mit dem Rücken zur Gemeinde feiern.

Die Kapelle hat seither also einen Tischaltar. Schreiner Busse aus Lütringhausen verbaute darin die alte Kommunionbank. Eine Erleichterung brachte die Elektrifizierung des Geläuts.

Seither genügt das Drücken eines Knopfes, um die Glocke zum Klingen zu bringen, zu Gottesdiensten einzuladen, zu Taufen und zu Beerdigungen zu rufen. Oder auch, um einen Sterbefall anzuzeigen, nach Läuterordnung dreimal fünf Minuten. „Die Pausen bete ich das Ave Maria. Das passt von der Taktung. Wie früher, als das Seil noch hing“, sagt Gisela Althaus.

Gut erinnert sie sich an Lehrer Heinz Urner, der bis zur Schließung der örtlichen Volksschule 1968 immer die Kirchenwäsche wusch. Die Verantwortung für die Paramente, die Gewänder, Antependien und Altartücher, auch die übernahm sie mit seinem Weggang. Keine leichte Arbeit in Zeiten, in denen noch jeden Tag eine Messe gehalten wurde, statt wie heute alle zwei Wochen, in denen die Stoffe empfindlich waren und das Leinen in der Sonne trocknen musste.

Mai- und Erntedankaltar

In den 1970er Jahren begann sie, auch für den Blumenschmuck zu sorgen, richtet seither den Mai- und Erntedankaltar, bindet Gestecke und Sträuße aus den Blüten und Pflanzen, die sie aus den Gärten des Dorfes bekommt. „Die Frauen rufen mich an oder bringen die Blumen vorbei.“

Seit mehr als 50 Jahren ist Gisela Althaus nun Pförtnerin der Thieringhauser Kirche. Und sie ist es mit Herz und mit Seele. Wenn sie in der Frühe des Tages die Türen aufgeschlossen, überall nach dem Rechten und dem Ewigen Licht geschaut hat, führt sie ihr Weg zur Gottesmutter Maria. „Dann zünde ich eine Kerze an und denke an alle“, lächelt sie. Genauso wie abends, wenn sie die Türen wieder schließt. „Dem Mütterchen muss ich Guten Morgen und Auf Wiedersehen sagen.“

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