Gedenken

Stolpersteine in Kleve erinnern an jüdische Schicksale

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine auf der Kolpingstraße in Kleve.

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine auf der Kolpingstraße in Kleve.

Foto: Andreas Daams / NRZ Kleve

Kleve.  Gunter Demnig verlegte neun weitere Stolpersteine in Kleve. Es sind nun insgesamt 94, die an geflohene und ermordete jüdischen Bürger erinnern.

„Mein Großvater erzählte viel aus alten Zeiten, aber davon hat er nie gesprochen.“ Davon: Das ist für Daniel Rütten ein Stück Familiengeschichte. Hulda Koopmann war eine Schwester seiner Großtante. Während seine Großtante, als Jüdin verheiratet mit einem „Arier“, den Holocaust überlebte, starb Hulda Koopmann im jüdischen Ghetto von Riga oder im KZ Stutthof.

Das Geschäft wurde in der Reichspogromnacht verwüstet

Die 1892 geborene zog 1939 als Haushaltshilfe an den Prinzenhof nach Kleve. Zuvor hatte sie in Goch ein Weißwarengeschäft, das in der Reichspogromnacht verwüstet wurde. Im November 1941 besuchte sie ein letztes Mal ihre Schwester und Schwager Rütten in Bremen. Dorthin waren sie gezogen, weil er in Kleve seine Arbeit verlor: Er hatte sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen wollen.

Geschichten wie diese sind es, an die die Stolpersteine erinnern. Zum sechsten Mal verlegte Gunter Demnig die kleinen Messingtafeln vor den ehemaligen Wohnungen der jüdischen Bürger, denen die Nationalsozialisten ihre Existenzberechtigung absprachen. „Die Stolpersteine sollen uns wachsam machen“, sagte Ron Manheim vom Verein Haus Mifgash, der die Verlegung in Kleve organisiert. „Auch in Kleve gibt es eine Partei, die Hetze und Hetzer etabliert und meint, dass alle, die das Hetzen nicht erlauben, keine Demokraten seien.“

Detlev Koken hatte seinen persönlichen Stolperstein mitgebracht: ein Foto vom Kaufhaus Koken, das sich an der Stelle der heutigen Commerzbank befand. Als Kind war er stolz darauf, dass sein Opa ein Kaufhaus besessen hatte. Erst später erfuhr er, dass das Geschäft ursprünglich Olga und Friedrich Nathan gehört hatte, die es schon 1933 ihrer Mitarbeiterin Marianne Koken verkauften.

Verkauf war eher ein Pseudogeschäft

Eher ein Pseudogeschäft: „Sie glaubten, dass sie es wieder zurückkaufen könnten, wenn der politische Irrsinn sich gelegt haben würde.“ Doch starb die gutwillige Marianne Koken ein Jahr später, und deren Verwandte wollten das Kaufhaus weiterführen. Die Nathans bekamen zwar noch Geld von ihnen. „Aber war das ein gerechter Preis?“, fragte Koken. „Nein, denn ohne die Nazis hätten sie ihr Geschäft doch niemals verkauft.“ Jedenfalls überlebten die Nathans, sie konnten noch 1939 nach Palästina fliehen.

Philip Wijnand Philips und seine Tochter Jeanette, die an der Kolpingstraße wohnten, hatten dieses Glück nicht. Zwar zogen die gebürtigen Niederländer nach Arnheim, aber dort kamen sie nach dem Einmarsch der Deutschen zunächst ins KZ Westerbork und dann ins Vernichtungslager Sobibor, wo sie direkt nach ihrer Ankunft am 30. April 1943 ermordet wurden. An der ehemaligen jüdischen Schule neben dem Synagogenplatz, erinnern weitere vier Gedenksteine an die Familie Mannheimer, die 1936 nach Palästina fliehen konnte. Helga Ullrich-Scheyda hatte einen bizarren Rechtsfall ausfindig gemacht, in den der Lehrer und Kantor Emil Mannheimer verwickelt war. Ob die ihm zur Last gelegten sexuellen Übergriffe nun wahr oder erfunden waren – die Justiz reagierte zutiefst rassistisch. Da wurde allen Ernstes von der starken geschlechtlichen Triebhaftigkeit der jüdischen Rasse fabuliert.

„Das rassistische Gedankengut blieb oft auch nach dem Ende des Krieges noch erhalten“, sagte Edmund Verbeet vom Haus Mifgash. Und Bürgermeisterin Sonja Northing ermahnte die Klever, Position zu beziehen: „Wir sind näher am Nazitum als je zuvor in den letzten Jahrzehnten.“

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