Ein Portrait

Eine Frau hilft bei der Verfüllung Gocher Leerstellen

Ruth Warrener hat sich mit der Nazizeit in Goch beschäftigt.

Ruth Warrener hat sich mit der Nazizeit in Goch beschäftigt.

Foto: Andreas Daams / NRZ

Goch.  Ruth Warrener erhielt den Rheinlandtaler für ihre engagierte Arbeit zur Geschichte der Gocher Juden vor und während der Nazizeit.

Ruth Warrener lächelt. „Ich bin ein fleißiges Mäuschen“, sagt sie. Das Gespräch handelt gerade von ihren Berufswünschen nach dem Abitur. Geschichte und Latein wollte sie studieren, aber für Latein hätte sie erst noch das Graecum machen müssen. Zugetraut hätte sie sich das. Aber es hätte zwei weitere Jahre Finanzierung durch ihre Eltern bedeutet. Und weil sie noch zwei jüngere Geschwister hatte, war das nicht möglich. Also studierte sie Geschichte und Textilgestaltung auf Lehramt. „Aber das war sowieso egal, denn mein ganzer Jahrgang ging nach dem Referendariat geschlossen in die Arbeitslosigkeit“, erinnert sie sich.

Im Kloster St. Bernardin als Erziehungshelferin gearbeitet

Weil sie in Kapellen bei Geldern aufgewachsen war und in den Semesterferien immer im dortigen Kloster St. Bernardin als Erziehungshelferin gearbeitet hatte, dachte sie, vielleicht in dieser Branche eine Stelle zu bekommen. „Aber entweder war ich unter- oder überqualifiziert.“ Das Arbeitsamt schulte sie zur EDV-Dozentin um, denn Mitte der 80er Jahre begann der Siegeszug der Computertechnologie. Sie arbeitete dann in verschiedenen Städten, später im Projektmanagement. Nach sieben Jahren ging sie zurück an die Schule, zunächst nach Duisburg-Walsum, dann 2001 zur Gesamtschule Goch.

All die Umwege ergeben für sie einen Sinn

Während sie aus ihrem Leben erzählt, wird klar: all die Umwege ergeben für sie einen Sinn. Weil sie sich mit EDV auskannte, konnte sie an der Schule die Systeme betreuen. Und weil sie sich schon immer für Geschichte interessiert hatte, bemerkte sie in Goch eine seltsame Leerstelle. Über die Juden im sogenannten Dritten Reich war wenig bekannt. Es gab auch keine Gedenktafel. Der jüdische Friedhof war fast vergessen. Mit einer Schulklasse reinigte sie mit Genehmigung der jüdischen Gemeinde Krefeld die Grabsteine. Vorher hatte sie sich über die jüdischen Familien informiert. Sie fasst den Entschluss, eine Webseite zu den jüdischen Familien aus Goch zu erarbeiten.

Es gibt Kontakte bis Australien und Argentinien

Was nun passiert, ist eine Art weltweiter Kontaktaufnahmen. Eine Frau aus den USA entdeckt das Foto ihres Großvaters auf der Internetseite, sie und ihre Verwandten teilen Ruth Warrener ihr Familienwissen mit. Da sie mit einem Engländer verheiratet ist, spricht sie sehr gut Englisch. Später helfen spanischsprechende Gocher, denn die Sache zieht weitere Kreise. Es gibt Kontakte bis Australien und Argentinien, Nachfahren jener Juden, die es ins Exil geschafft haben, besuchen Goch. Sie bringen Fotografien und Erzählungen mit. Damit einher geht die Verlegung von Stolpersteinen – insgesamt sind es 103 in Goch. Und Ruth Warrener hat ein Buch geschrieben.

Die Geschichten einzelner Personen berühren die Menschen

Gelernt hat sie vor allem eines: Dass es die Geschichten einzelner Personen sind, die berühren. Wie „Goch“ für eine Familie ein Schimpfwort war, weil die Mutter die einzige Holocaust-Überlebende ihrer Familie war und darum die Stadt ihrer Kindheit hasste. „Aber ihre Kinder sind gekommen, und es hat dann auch so etwas wie Aussöhnung stattgefunden“, berichtet Ruth Warrener.

Lesungen sollen die Erinnerungen wach halten

Mit Lesungen zu Gedenktagen bemüht sie sich gemeinsam mit Gleichgesinnten, die Erinnerung wachzuhalten. „Ein kleines Sendungsbewusstsein hatte ich vermutlich schon am Anfang“, sagt sie. Sie hat es geschafft, Leben, Vertreibung und Ermordung der Gocher Juden im kulturellen Gedächtnis der Stadt Goch zu verankern. Dafür erhielt sie nun den Rheinlandtaler. „Stellvertretend für die vielen, die mitgeholfen haben“, wie sie betont.

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