Parktheater

Wo die Meinung nicht ganz frei ist

Der Journalist Can Dündar lebt im Exil in Freiheit – und doch wie ein Gefangener. Das Westfälische Landestheater hat dafür das Bild vom goldenen Käfig gewählt.

Der Journalist Can Dündar lebt im Exil in Freiheit – und doch wie ein Gefangener. Das Westfälische Landestheater hat dafür das Bild vom goldenen Käfig gewählt.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Das Westfälische Landestheater hat das Stück „Verräter“ über den türkischen Journalisten Can Dündar auf die Parktheater-Bühne gebracht.

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So weit ist dieses Thema gar nicht entfernt. Klar: Can Dündar ist ein türkischer Journalist. Und sein Schicksal, für einen regimekritischen Artikel zu einer Haftstrafe verurteilt zu werden und schließlich ins Exil zu fliehen, wo er bis heute bedroht und verfolgt wird, klingt für deutsche Ohren unglaublich. Seine Geschichte berührt fundamentale Dinge: Demokratie, Menschenrechte, freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit, die bei uns doch alle eine Selbstverständlichkeit sind.

Oder doch nicht? „Natürlich wird die Meinungsfreiheit bei uns nicht vom Staat eingeschränkt“, sagt Julia Brenner. Dafür werde Meinungsfreiheit in gewisser Weise aber von der Gesellschaft beschnitten. Ihre beiden Freundinnen Jessica Felinger und Lavinia Fitkau pflichten ihr bei. Die drei Schülerinnen vom Stenner-Gymnasium beobachten eine Verschärfung der Meinungsvorgaben, dessen, was man sagen darf und was nicht, ohne Ärger zu bekommen. Und sie beklagen einen Niedergang der Diskussionskultur. „Meinungen werden heute auf sehr extreme Weise vertreten und prallen nur noch aufeinander, ohne dass sachliche Argumente ausgetauscht werden“, sagt Lavinia Fitkau. Und Jessica Felinger ergänzt, dass es oft kaum mehr möglich sei, einfach so bestimmte Themen zu sprechen. „Jeder nimmt alles gleich persönlich. Die meisten Gespräche über echte Themen würden zu schnell emotional und liefen nicht sonderlich konstruktiv. Klingt fast so, als wäre es derzeit wirklich nicht ganz so einfach mit der Meinungsfreiheit und der Demokratie.

Das Westfälische Landestheater hat die Geschichte von Can Dündar aufgegriffen und sein Buch in ein Jugendtheaterstück verwandelt, mit dem es gestern im Parktheater zu Gast war und nicht nur diesen drei Stenner-Schülerinnen, sondern vielen der 200 Schülerinnen und Schülern vom Stenner und von der Gesamtschule Iserlohn einen Denkanstoß und einen ganz anderen Blick auf dieses schwierige Thema geliefert. Denn das zwar sehr textlastige eineinhalbstündige Stück (das alle 200 Jugendlichen sehr konzentriert verfolgt haben) wirft als lose und abstrakte Szenenfolge mit Licht, Musik, großartigem Bühnenbild und starken Schauspielern ein anderes, fesselnderes Licht auf diese Geschichte, als es Nachrichten, Diskussionen und Texte können.

Die Meinung der Jugend muss stärker gehört werden

Davon waren auch die drei Mädchen vom Stenner begeistert. „Das Bild war einfach toll“, sagt Lavinia Fitkau und meint den großen goldenen Vogelkäfig, in dem Can Dündar in seinem Berliner Exil lebt – frei und doch gefangen. In die abstrakte Darstellungsweise habe man sich erst einfinden müssen. Aber gerade die ist es dann natürlich, die die Ängste, die Einsamkeit und die Verwerfungen dieser Geschichte plastisch machen. Kritikpunkt: „Die andere Seite fehlt“, sagt Julia Brenner. Die Geschichte werde zu einseitig erzählt, die Sicht der türkischen Bevölkerung, die Can Dündar für einen Verräter hält, komme gar nicht vor.

Grundsätzlich – da sind sich aber alle einig – sei es extrem wichtig, dass sich Jugendliche schon früh mit solchen gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzen. Alle drei verspüren bei sich, aber auch generell ein wachsendes politisches Interesse, und das müsse noch weit über das von der Fridays-Bewegung angestoßene Umweltthema hinausgehen. Alle drei sparen nicht mit Lob für den Sozialwissenschaft-Unterricht an ihrer Schule, in dem mit ihrem Lehrer Stephanos Vaghidas immer wieder aktuelle Themen aufgegriffen und diskutiert werden. Das habe einen sehr großen Einfluss auf sie und ihr Leben. Und: Die Meinung der Jugendlichen müsse noch viel stärker gehört werden.

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