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Weiter, immer weiter: Iserlohner Hotel will Krise trotzen

Hereinspaziert, aber bitte Abstand halten: Barbara Kinne und Marcel Rüb halten im Hotel Sauerländer Hof die Stellung. Immerhin gewerbliche Gäste dürfen sie noch empfangen.

Hereinspaziert, aber bitte Abstand halten: Barbara Kinne und Marcel Rüb halten im Hotel Sauerländer Hof die Stellung. Immerhin gewerbliche Gäste dürfen sie noch empfangen.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.  Corona hat Iserlohn fest im Griff, doch gibt es überall Menschen, die wie Barbara Kinne und Marcel Rüb im Sauerländer Hof fest zusammenstehen

Während man auf der Straße am Vormittag die Stille fast greifen kann, lacht drinnen Barbara Kinne laut auf. Blumen und Info-Broschüren auf einer Landhauskommode, ein Schild mit einer Fürbitte: „Schütze unser Haus („Bless our Home“)“. Ein freundliches Hallo, erstmal ein Käffchen. Marcel Rüb serviert, die beiden verstehen sich, das merkt man gleich.

Ein Ortstermin im Sauerländer Hof, einem von zahlreichen Hotels in Iserlohn, die derzeit unter der Coronakrise leiden. Touristische Reisen sind untersagt, einige Hotels haben darum geschlossen. Immerhin darf man Handwerker, Monteure und andere gewerblich Reisende aufnehmen. Doch Messen und Fortbildungen ruhen ebenfalls, fünf von 14 Betten waren in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag belegt. „Im Schnitt sind es vielleicht drei“, erzählt Marcel Rüb, 33, der das Hotel im Juli vergangenen Jahres übernommen hat.

Vorgängerin Barbara Kinne, 67, die seit 1973 die Inhaberin war, arbeitet immer noch mit. Quasi als Herz oder Seele des Hauses. Wobei: „Er ist auch sehr herzlich, das sagen auch alle Gäste“, schränkt sie ein.

„Sowas habe ich noch nicht erlebt“

Nun also die schwerste Situation nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wie die Kanzlerin kürzlich sagte. Klar, da war die Ölkrise in den 70ern, Blitzeis, die Wirtschaftskrise... „Aber sowas habe ich noch nicht erlebt,“ sagt Barbara Kinne. Immerhin: „Jetzt hat man noch mehr Zeit für die Gäste“, sagt Marcel Rüb.

Die Gäste – die sind an diesem Morgen bis auf einen schon wieder ausgeflogen. Wie es weiter geht, entscheidet sich manchmal von Tag zu Tag. Noch vor drei Wochen hatte Marcel Rüb den Rückgang bei den Gastzahlen auf etwa 25 Prozent beziffert. Ärgerlich. Aber für eine Weile verkraftbar. „Zwei oder drei Tage später kam die große Welle“, sagt er. Firmen, die Stammkunden sind, stornieren ihre Buchungen. Auch Alt-Iserlohner, die sonst zum Schützenfest kommen, das auf der Kippe steht. „Es ist schade, wir haben so nette Gäste“, sagt Barbara Kinne.

Coronaangst überall – das merkt man natürlich auch hier. Noch höherer Hygienestandard, im Flur riecht es blumig nach Reinigungsmitteln. Es wird sich um Abstand bemüht, das Gespräch findet über drei Tische verteilt statt. Auch wenn für das Frühstück gedeckt wird, bleibt zwischen zweien immer ein Tisch frei. Doch die Laune ist gut. „Wir machen das Beste daraus. Es liegt ja nicht in unserer Hand“, sagt Barbara Kinne, und spricht aus, was sich dieser Tage wohl Ärzte, Pflegekräfte, Verkäufer, Müllmänner, Busfahrer und viele andere Berufsgruppen tagtäglich selbst zuflüstern, bevor es zur Arbeit geht.

Die Zeit nutzen, um sauber zu machen, etwas zu renovieren. „Das macht mehr Sinn, als sich zu bemitleiden, auch wenn es manchmal schwerfällt“, sagt der 33-Jährige.

Und wenn mal ein Gast nicht die gebotene Distanz einhält? Sie hebt die Hände. „Dann lache ich ihn an, und sage: Abstand.“ Man kann sich vorstellen, dass ihr das keiner der Gäste übel nehmen würde.

Trotz allen positiven Denkens ist das Ganze aber auch eine Belastung. „Ich bin drei Tage hintereinander durch vier oder fünf Supermärkte gezogen, um Toilettenpapier zu kaufen“, erzählt er.

„Man sollte sich sozial verhalten“

Hamstern wollen sie trotzdem nicht. „Man sollte sich sozial verhalten“, meint er. Und wenn man eben mal nicht alles bekomme, „dann gibt es beim Frühstück eben mal Gurke statt Tomate“, sagt sie.

Für die Gäste bedeutet die neue Situation nun oft abends den Anruf beim Pizzadienst statt schick essen zu gehen. „Manche erzählen von einer Geisterstadt“, sagt Rüb. Auffällig sei aber, dass die Gäste insgesamt mehr reden wollten. „Sie suchen das Gespräch, um ihren Alltag aufzuarbeiten.“

Nicht nur beruflich – auch privat bringt die Krise für beide Veränderungen mit sich. Marcel Rüb hat eine Tochter, die Frau ist schwanger. „Wenn ich nach Hause komme, desinfiziere ich mir praktisch zehn Minuten die Hände.“ Von einem Besuch des Opas sieht er derzeit ab.

Barbara Kinne, die in der Versöhnungskirchengemeinde aktiv ist, trifft sich mir ihrer Frauengebets-Gruppe statt einmal monatlich nun täglich – und zwar im Chat bei Whatsapp. Zehn Minuten lang. Lieder, ein Vaterunser zum Schluss. „Man spürt die Kraft dahinter.“

Wirtschaftlich, so viel ist klar, könnte das Ganze für den Betrieb noch eine Herausforderung werden. „Wir haben gut gewirtschaftet“, sagt Marcel Rüb. Doch sei die Ungewissheit natürlich eine Belastung. „Ohne ein Polster geht es ums nackte Überleben.“ Ein Grund, warum er auf Hilfe vom Staat für die Branche hofft. Irgendwie werde es sich schon fügen, das hat ja schon einmal geklappt.

2013 nämlich fragt der damalige International-Management-Student bei Barbara Kinne wegen eines Praktikums an. „Ich dachte, er hat sich vertan“, sagt sie. „Ich wollte nicht in ein Haus mit 150 Betten“, sagt er. Zu anonym. Man blieb in Kontakt. Die Übergabe kam dann „Holterdiepolter“, wie sie sagt. Der Sohn wollte beruflich in eine andere Richtung. Bürokratie und Verordnungen, „das wurde mir zuletzt zu viel“, sagt sie.

Zum Schluss wieder freundliche Worte, das Gespräch hat länger gedauert als geplant. Die gute Laune und der Enthusiasmus sind geblieben. Es wird sich schon fügen. Man möchte es glauben. Darüber, dass ihr Nachfolger einst als Praktikant unvermittelt bei ihr an die Tür klopfte, kann sie sich noch heute freuen. „Ich hatte ja nicht mal nach ihm gesucht.“

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