Recht

Was den Mord vor Gericht vom Totschlag unterscheidet

Der Iserlohner Strafverteidiger Andreas Trode weiß, wie verwirrend die juristische Differenzierung von Totschlag und Mord für Menschen sein kann.

Der Iserlohner Strafverteidiger Andreas Trode weiß, wie verwirrend die juristische Differenzierung von Totschlag und Mord für Menschen sein kann.

Foto: Wronski / IKZ

Iserlohn.  Juristen und Laien reden oft aneinander vorbei, wenn es um Mord und Totschlag geht. Wir haben Strafverteidiger Andreas Trode gefragt.

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„Für mich ist das ganz klar Mord.“ Diese Aussage zur Bluttat vom Stadtbahnhof findet sich in verschiedenen Varianten in den so genannten Sozialen Medien, im Minutentakt kommen neue dazu. Auch persönliche Gespräche landen in diesen Tagen vielfach an diesem Punkt. Fachleute, Journalisten und juristisch Bewanderte widersprechen – nicht selten vergeblich. Die abweichenden Ansichten liegen allerdings weniger, wie die meisten anzunehmen scheinen, in einem moralischen Disput begründet.

Vielmehr löst der Fachbegriff „Totschlag“ aus der Rechtsprechung bei Laien falsche Assoziationen aus, zudem ist der Begriff „Mord“ in der Alltagssprache sehr viel weiter gefasst als der juristische. Zur Klarstellung haben wir mit dem Iserlohner Strafverteidiger Andreas Trode gesprochen. „Die Tötung eines Menschen mit Vorsatz gilt als Totschlag“, räumt dieser zunächst mit dem weit verbreiteten Missverständnis auf, dieser Tatbestand schließe eine gezielte Tötungsabsicht aus. Für solche Fälle hat der Gesetzgeber andere Formulierungen gefunden, etwa „Körperverletzung mit Todesfolge“.

Fachbegriff Totschlag entspricht meist dem „Mord“ der Umgangssprache

Für Juristen bedeutet der „Totschlag“ also schon mehr oder minder das, was in der Alltagssprache mit „Mord“ gemeint ist. „Vor Gericht müssen dafür jedoch ganz spezifische Merkmale dazu kommen. Erst durch zum Beispiel niedere Beweggründe wird ein Totschlag zum Mord“, erklärt Andreas Trode. Als niedere Beweggründe kennt das Strafgesetzbuch unter anderem Heimtücke, Mordlust, Habgier oder Befriedigung des Geschlechtstriebs. Heimtücke ziele darauf ab, ein argloses Opfer zu töten: „Etwa wenn man sich unbemerkt von hinten nähert.“ Von Mordlust würden Juristen sprechen, wenn Täter aus „Freude am Töten“ handeln. Die Identität des Opfers sei dabei oft nachrangig. „Entscheidend ist hierbei, ob es darum geht, einen Menschen sterben zu sehen, damit anzugeben oder ein sportliches Vergnügen daraus zu machen“, erklärt der Jurist.

Als weiteres Mordmerkmal nennt Trode Grausamkeit, ebenfalls ein Begriff, der bei Diskussionen über die Bluttat von Samstag für Verwirrung sorge: „Gerade für viele Zeugen des Geschehens scheint jetzt klar, dass eine solche Tat doch nur als ‘grausam’ bezeichnet werden könne. Juristisch ist damit aber gemeint, dass ein Täter sein Opfer über die reine Tötung hinaus quält, etwa indem er den Vorgang in die Länge zieht.“ Brutales Vorgehen ist demnach nicht gleichzusetzen mit Grausamkeit, im Gegenteil kann ein solches eher darauf abzielen, das Opfer schnell zu töten oder sicherzustellen, dass dieses nicht überlebt.

Eine Waffe mitzunehmen, macht noch keine „Heimtücke“ aus

Auch der Einsatz von „gemeingefährlichen Mitteln“ gelte als Mordmerkmal, also solche, bei denen Täter in Kauf nehmen, eine unabsehbare Zahl von Menschen zu treffen, etwa durch Sprengsätze – auch wenn die meisten dabei zunächst den Tatbestand des Terroranschlags vor Augen haben dürften. Vermutlich noch weniger bekannt ist dieses Kriterium: „Wenn mit der Tötung Straftaten ermöglicht oder verdeckt werden sollen“ – auch eine solche Motivlage könne aus einem Totschlag einen Mord machen.

Mit einer Waffe im Gepäck das Haus zu verlassen, beweise für sich genommen noch keine Heimtücke, erläutert Trode weiter. Ebenso wenig sei der bei aktuellen Debatten häufig herangezogene Umstand, dass der mutmaßliche Täter seine fliehenden Opfer verfolgte, für die juristische Unterscheidung von Mord und Totschlag relevant.

Lebenslänglich heißt bis zum Lebensende – im Schnitt trotzdem nur gut 20 Jahre

Der Tatbestand des Mordes erfülle die Funktion, „besonders verachtenswerte“ Taten härter bestrafen zu können: Während Totschlag mit einer Freiheitsstrafe von fünf bis 15 Jahren geahndet wird, erhalten verurteilte Mörder die Höchststrafe: lebenslänglich. „Gemeint ist damit auch wirklich bis zum Lebensende“, betont Andreas Trode, merkt jedoch an: „Nach 15 Jahren kann, frühestens, ein Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt werden.“

Diese Möglichkeit müsse offen bleiben, um die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen nicht zu verletzen. Nach deutschem Rechtsverständnis sei das ultimative Ziel von Freiheitsstrafen schließlich die Resozialisierung. „Im Durchschnitt verbringen Täter, die von einem deutschen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden sind, etwas mehr als 20 Jahre im Gefängnis“, zitiert Andreas Trode statistische Erkenntnisse.

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