Transgender

Warum Otto-Normal-Verbraucher das Sternchen nicht braucht

Helen Kirchhoff (li.) mit Dina Quasdorf

Helen Kirchhoff (li.) mit Dina Quasdorf

Foto: Michael May

Letmathe.  Zwei Transfrauen haben klare Ansichten zur Debatte über genderneutrale Sprache.

Früher war die deutsche Sprache einfacher, da gab es „er“, „sie“ und im Zweifel den generischen Maskulin. Die Dinge haben sich geändert – zuletzt hat sich sogar die Dudenredaktion mit der Frage befasst, ob die Sternchen-Schreibweise (Leser*In) Teil des offiziellen Rechtschreibkanons werden soll. Vorerst wird es dazu wohl nicht kommen, die Variante mit Schrägstrich („Leser/in“), etwa aus Stellenanzeigen längst vertraut, ist hingegen legitim. Kann das eine sinnvolle Lösung für Fließtexte wie in der Zeitung sein? Was ist mit der mündlichen Kommunikation?

Die korrekte Ansprache ist Transidenten sehr wichtig

Helen Kirchhoff hat dazu eine klare Meinung: „Für uns ist es wichtig, richtig angesprochen zu werden.“ Wenn sie „wir“ sagt, meint sie Menschen wie sie selbst, die „aus einer Laune der Natur“ im falschen Körper geboren worden sind. In dem kleinen Dorf bei Menden, in dem sie aufgewachsen ist, kommen manche immer noch durcheinander, aber ihren alten Bekannten verzeiht sie das. „Schließlich haben die mich 50 Jahre lang als Hendrik gekannt“, verweist sie nachsichtig auf ihr spätes Outing – bis sie sich 2012 zur „Transition“ entschloss, hatte sie erfolglos versucht, das Problem in Alkohol zu ertränken.

Bis 2018 hat sie mit der 58-jährigen Dina Quasdorf, die aus Lüdenscheid stammt und heute in der Iserlohnerheide lebt, die Ortsgruppe des Selbsthilfevereins „Gendertreff“ in der Rübezahl-Baude geleitet. Um die vorläufig anerkannte Gemeinnützigkeit des Vereins nicht zu gefährden, bietet Dina Quasdorf ihre psychologische Einzelberatung inzwischen separat an. Beide engagieren sich für die Rechte der Menschen, die meist als „Transsexuelle“ bezeichnet werden, und schon diese Bezeichnung wirft ein Problem auf. „Dieser Begriff lenkt die Aufmerksamkeit auf das Sexualverhalten, aber darum geht es gar nicht. Deshalb bevorzugen wir ‘transident’“, erklärt Helen Kirchhoff.

Objektivere Berichte und aufgeschlossenere Bürger

Ob Transmänner und -frauen – genannt wird stets das gefühlte Geschlecht (Gender) – heterosexuell sind oder nicht, spielt demnach keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, dessen körperliche Merkmale sie genetisch besitzen. Betroffenen ist wichtig, dass ihre Gender-Identität offiziell anerkannt wird und sie auf den Kosten für Therapien und Operationen nicht sitzen bleiben. „Die Medien berichten objektiver, die Menschen sind aufgeschlossener“, zieht Dina Quasdorf positive Bilanz zu den letzten Jahren. Politisch jedoch hinke Deutschland anderen Nationen hinterher, das Transsexuellengesetz (TSG) bedürfe einiger Überarbeitung: „Dabei liegt seit 2017 beim Familienministerium ein guter Entwurf von der Humboldt-Universität.“

Mit Forderungen nach gendergerechter Sprache könne man es übertreiben, finden die beiden und reden unbefangen vom „Otto-Normal-Verbraucher“. Helen Kirchhoff räumt ein, die Gestaltung von Broschüren mit genderneutralen Formen bedeute einen großen Aufwand und erschwere das Lesen der Texte. „Man kann nicht einfach die ganze Sprache über den Haufen schmeißen, zumindest nicht die Umgangssprache. Wenn man zu einer Minderheit gehört, muss man immer auch selbst Toleranz mitbringen“, erklärt sie. Die besonderen Probleme im Deutschen müsse man einfach akzeptieren.

In Iserlohn und Umgebung lasse es sich als Transidenter übrigens gut leben, findet Dina Quasdorf: „Betroffene haben hier vielleicht mehr Angst, sich zu outen, als im Rheinland. Aber ich hatte selbst nie Probleme und habe die Menschen hier als sehr entspannt erlebt.“

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