Frauentag

Von Emanzen, Einkommen und Erreichtem

Anja Ihme (li.), Annegret Simon (2. v. li.), Eva Kitz (3. v. re.), Martin Luckert und Doris Rickert (re.) haben am Samstag auf dem Wochenmarkt rote Rosen an Passantinnen und Passanten verteilt.

Anja Ihme (li.), Annegret Simon (2. v. li.), Eva Kitz (3. v. re.), Martin Luckert und Doris Rickert (re.) haben am Samstag auf dem Wochenmarkt rote Rosen an Passantinnen und Passanten verteilt.

Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn.  Die heimische SPD erinnert mit Rosen an die Frauenbewegung und wünscht sich mehr Geschlechtergerechtigkeit.

An die Errungenschaften der Frauenbewegung – vom Frauenwahlrecht bis zur Wahl der ersten Frau an der Staatsspitze der Bundesrepublik haben die Iserlohner Sozialdemokraten erinnert, indem sie im Vorfeld des Internationalen Frauentages bereits am Samstag auf dem Wochenmarkt rote Rosen verteilten. Mit von der Partie waren auch „Quotenmann“ Martin Luckert, der Bürgermeisterkandidat der SPD, Ratsfrau Annegret Simon sowie die Genossinnen Eva Kitz, Anja Ihme und Doris Rickert, die über Wünsche und Hoffnungen mit Frauen und Männern ins Gespräch kamen.

„Das ist ein Tag, an dem die Arbeit der Frau gewürdigt wird“, erläuterte Doris Rickert (60). Die ehemalige Bankkauffrau kritisierte die Ungleichbehandlung in vielen Bereichen. „Frauen leisten viel, aber das wird zu wenig gewürdigt. Als Frau musst du doppelt so viel leisten, um anerkannt zu werden.“ Da pflichten ihre Gesprächspartnerinnen in der Innenstadt bei. Silke Schulte (48): „Frauen verdienen bei gleicher Arbeit weniger und sollten endlich gleich behandelt werden“, betonte die gelernte Industriekauffrau. Margret Mämecke-Schulte (85) lobte die Aktion: „Das ist wunderschön. Wir sind langsam vorangekommen, aber einiges ist erreicht“, verweist die ehemalige Krankenschwester, die sich lange in Hemer für die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) engagierte, auf soziale Errungenschaften.

Verbesserte Kinderbetreuung brachte mehr Freiräume

Annegret Simon (71) stimmte ihr in Bezug auf verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu, die berufstätigen Müttern mehr Freiräume ermöglicht haben. „Wir haben damals Neuland betreten, als wir vor 45 Jahren mehr Freizeit und Zeit für Familien forderten“, blickte die SPD-Ratsfrau zurück auf die Kampagnen der AsF. „Da wurden wir beschimpft als Emanzen.“ Annegret Simon erhielt im Jahr 2017 stellvertretend für ihre Mitstreiterinnen aus der Iserlohner Frauenbewegung den Fanny-van-Hees-Preis.

„Die Erziehung ist nicht nur ein Frauenthema, sondern ein gesamtgesellschaftliches“, unterstrich ­Anja Ihme (49), die auf einen Image- und Bewusstseinswandel hinwies, der sich auch darin zeige, dass Väter und Großväter mit Kinderwagen unterwegs sind und Väter Erziehungszeiten nehmen.

Eva Kitz (43) und Annegret ­Simon kritisierten, dass immer noch zu wenig Frauen in Spitzenpositionen zu finden seien. Ob in der Industrie, bei der Stadt Iserlohn oder beim Land. Männer hätten die besseren Netzwerke. Annegret ­Simon hält es für „skandalös, dass vielen Frauen die Altersarmut droht, weil sie oft kein auskömmliches Geld verdienen oder sie durch Erziehungszeiten nicht genug fürs Alter vorsorgen konnten. Deshalb ist die Grundrente so wichtig.“ Die Lebensleistung von Frauen müsse gleichwertig honoriert werden.

Martin Luckert (31) verwies darauf, dass die SPD mit den meisten Ratsfrauen im Stadtparlament Politik gestalte. Von 51 Ratsmitgliedern sind 14 weiblich: „Die Hälfte aller Ratsfrauen sind bei uns.“ Er wünsche sich bei der Stadt eine strategische Personalplanung, um Frauen mehr Chancen zum Aufstieg zu ermöglichen.

„Ich finde es nach wie vor wichtig, sich für die Frauenrechte einzusetzen“, unterstrich die frühere Erzieherin und alleinerziehende Mutter Hildegard Steiner (71). „Ich bin in den 80er Jahren für diese Forderungen auf die Straße gegangen. Ich bin froh, dass ich eine Frau bin, wir sind kreativ und spontan.“ Sie hält den Frauentag nach wie vor für wichtig, ebenso wie den Weltgebetstag der Frauen, bei dem die Lebensbedingungen in anderen Ländern im Mittelpunkt stehen. Als Mutter zweier erwachsener Töchter, die in Sozialberufen arbeiten, kritisiert sie zu schlechte Bezahlung in diesen Bereichen. Das sei Ausdruck mangelnder Wertschätzung für diese gesellschaftlich so wichtige Arbeit.

Kurt Blank und seine Frau Bärbel lobten die Rosen-Aktion in der Innenstadt. „Früher wurde in Erfurt, wo ich früher gearbeitet habe, aus Anlass des Internationalen Frauentages mit roten Nelken an die Frauenrechtlerin Clara Zetkin erinnert“, erinnerte Kurt Blank. „Für die Frauen war das ein Feiertag. Unsere Tochter kennt das gar nicht.“

Auch Valentin Dostan (40) freut sich über die Rosen, ebenso wie seine Begleiterinnen Michelle (15) und Leonie (12) Mai. Die Gesamtschülerinnen kennen zwar den Internationalen Frauentag nicht, finden aber „Gleichberechtigung gut und wichtig“. Der selbstständige Fußbodentechniker Dostan betonte: „Bei uns zu Hause sind beispielsweise Hausarbeit und Erziehung gleichmäßig verteilt.“ Er kennt in seinem Umfeld wenige Frauen in Führungspositionen, hält sie aber für genau so kompetent, diese Rollen auszufüllen.

„Für mich persönlich ist das nicht so wichtig, weil ich seit 27 Jahren selbstständig bin“, ist für Brigitte Brantsch (62), deren Berufsbezeichnung Textilreiniger lautet, der Internationale Frauentag fast ein Tag wie jeder andere. „Ich bin in den 70ern aufgewachsen. Da haben sich die Frauen richtig emanzipiert. Wir haben es ja mit der Gleichstellung fast geschafft. Aber für die Frauen in anderen Ländern ist er total wichtig. Es zeigt ihnen: Wir denken an Euch.“

In einer Männerdomäne behauptet sich Fleischer-Meisterin Ulrike Bührmann (64) schon seit 17 Jahren. In ihrer 47-jährigen Berufstätigkeit war sie zunächst als Reisebürokauffrau tätig. „In Deutschland geht es uns vergleichsweise gut“, beschreibt sie die Stellung der Frauen hierzulande. „Als Mitglied bei ­Zonta international weiß ich um die Zustände in anderen Ländern. Man muss dran bleiben“, hält sie es für wichtig, Gleichberechtigung immer wieder einzufordern. Dass Frauen in Saudi-Arabien neuerdings Auto fahren dürfen, sei bei uns seit langem eine Selbstverständlichkeit.

Work-Life-Balance im Einzelhandel ist schwierig

„Im Einzelhandel ist es schwierig, es kostet viel Zeit. Man macht viele Dinge nicht. Ich gehe freitags nicht ins Theater, es kann noch so schön sein“, verweist Ulrike Bührmann auf das Problem der „Work-Life-Balance“ zwischen Familie und Beruf. Sie freut sich, dass ihre Nichte bereits in den Startlöchern steht, um die Fleischerei Bührmann zu übernehmen. Die 24-jährige Fleischer-Meisterin Dorit Sobbek berichtet von Vorurteilen, denen sie während ihrer Ausbildung an der Meisterschule begegnete, wo sie zu den seltenen Frauen in diesem Beruf zählte. Das habe sie aber nicht abgeschreckt, weil sie diesen Beruf liebe. „Diese Vorurteile konnte ich immer wieder ausräumen.“

Ihre Tante weiß, dass vielfach angeführt wird, dass Frauen weniger Kraft mitbringen. Dem hält sie entgegen: „Ich brauche in dem Beruf nicht den Wettbewerb im Gewichtheben zu gewinnen. Dafür haben wir Maschinen.“

Die Iserlohner Kabarettistin ­Ulrike Böhmer, die aus Anlass des Internationalen Frauentages beim Frauenfest im Varnhagenhaus auftreten sollte, kritisierte: „Der Anteil der Frauen in Pflegeberufen und in den Kitas und Grundschulen ist immer noch viel höher als der Männeranteil, und Frauen leisten die meiste Familienarbeit. Von der Kirche ganz zu schweigen.“ Oder doch nicht? Heute seien auch die Frauen von „Maria 2.0“ auf der Straße oder vor den Domen, zum Beispiel in Köln und Münster. „Wenn der Auftritt heute nicht so kurzfristig abgesagt worden wäre, hätte ich mich auch auf den Weg gemacht, um für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche zu demonstrieren und zu beten. Es gibt viel zu tun – im Großen und im Kleinen, gesellschaftlich und privat. Weiter geht’s!“

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