Bautätigkeiten

Viele zuckersüße Erinnerungen

Abschied vom Brückencafé am 31. Juli: Gül Öztürk, Karin Gehrig, Rita Trattner, Olaf Pestl, Bernd Bücker und Thorsten Grote.

Abschied vom Brückencafé am 31. Juli: Gül Öztürk, Karin Gehrig, Rita Trattner, Olaf Pestl, Bernd Bücker und Thorsten Grote.

Foto: Frank Jungbluth / IKZ

Iserlohn.  Nach 45 Jahren und sechs Monaten schließt das Brückencafé am 31. Juli für immer.

1200 am Tag? So viele Fußgänger, Passanten, Innenstadtbesucher waren das früher in der Stunde. Rita Trattner und Karin Gehrig haben sie alle erlebt. Die Laufkundschaft, die Stammkunden, die Rituale derer, die immer wieder zur selben Zeit kamen, ungezählte Torten und Wurstbrötchen, viele zuckersüße Erinnerungen. „Sehen und gesehen werden“, das war hier ein großes Thema bei uns auf der Brücke“, sagt Rita Trattner (61), seit 39 Jahren hier oben als nimmermüde Bedienung.

Hier, wo tout Iserlohn zu sehen ist, wenn man sich auf einem der freien Stühle niederlässt und den Blick schweifen lässt. Zu sehen war, muss man vom 1. August an sagen. Die 70er-Jahre-Betonbrücke zwischen Rathaus und Schillerplatz muss weg, sie reißt – sinnbildlich – das Spetsmann’sche Brückencafé mit in die Tiefe, weil ihr Beton inzwischen bröselig ist wie Mürbeteig.

Als man Joseph Bücker, dem Vater des heutigen Inhabers Bernd Bücker, nach dem Bau des Schillerplatzes in alter Beton-Glückseligkeit den Betrieb des ersten Iserlohner Straßencafés anbot, da zählt der Senior die Fußgänger noch selbst, um kalkulieren zu können, ob sich das Geschäft einer Filiale nahe des damals neuen Karstadt-Kaufhauses und in Richtung Rathaus lohnen würde. Es lohnte sich, Familie Bücker eröffnete am 31. Januar 1974. „Wir haben es nie bereut“, sagt Bernd Bücker, damals sechs Jahre jung und noch lange kein Konditor. Die Erinnerung an die Anfangszeit ist verblasst, aber Karin Gehring und Rita Trattner, die auf der Brücke auch in diesen letzten Tagen bis zum zitronenbitteren Ende mit schnellem Schritt die Torten balancieren und den Kaffee platzieren, wissen noch sehr genau, dass man hier oben flanierte und auch kam, um zu sehen und gesehen zu werden. Alles vorbei am 31. Juli. Eine Attraktion weniger in der Innenstadt. „Es kann nur besser werden“, hofft Bernd Bücker auf den neuen Schillerplatz, während er auf den alten, grauen blickt.

Der Abriss des Brückencafés ist deshalb der Auftakt für den Bau des neuen Schillerplatzes. „In Handarbeit“, wie Stadtbaurat Thorsten Grote sagt, denn die Brücke, die danach an der Reihe ist, trägt keine schweren Maschinen. An drei Wochenenden in den Herbstferien wird nach dem Brückencafé dann die Brücke zwischen Schillerplatz und Rathaus zu Betonkrümeln.

Damit der Übergang zwischen Rathaus und Schillerplatz, und damit eine wichtige Verbindung der Bürger zwischen Nordstadt und Innenstadt, erhalten bleibt, wird – je nach Kalkulation eine neue Übergangsbrücke aus Metallteilen gemietet oder gekauft. Die soll im ersten, spätestens im zweiten Quartal des Jahres 2020 rechts vom heutigen Brückencafé den Heuss-Ring überspannen, 3,50 Meter breit. Wie wichtig die Brücke ist, rechnet Olaf Pestl, Geschäftsführer der Schillerplatz GmbH, vor. Mindestens 1500 Menschen, an Markttagen sogar 5000, queren sie.

Ob die Familie Bücker, respektive das Haus Spetsmann, eines schönen fernen Tages wieder mit einer Filiale am Schillerplatz das Sahnehäubchen aufs neue Zentrum setzen wird, muss sich ergeben. „Wir führen Gespräche“, sagt Bernd Bücker. Wir sind eine Institution hier. Wir werden die Kunden vermissen, und die Kunden uns“, sagt er.

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