Wirtschaft

Megatrend „Klimaneutral“ wird alle einholen

Poly-Pack-Inhaber Achim Schmitt (li.) – hier mit Mitarbeiter Torsten Mann – setzt auf hohes technisch-ökologisches Verarbeitungs-Niveau.

Poly-Pack-Inhaber Achim Schmitt (li.) – hier mit Mitarbeiter Torsten Mann – setzt auf hohes technisch-ökologisches Verarbeitungs-Niveau.

Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.  Es gibt eine ökologische Verbindung zwischen Poly-Pack und Bäumen in Togo. Inhaber Achim Schmitt will das genau so.

Klimaneutrale Produktion – das klingt ja in diesen Tagen vielleicht erst einmal wie ein umweltpolitischer Pauken- oder Befreiungsschlag, kann aber unter Umständen auch bedeuten, dass an der einen oder anderen Stelle nur das PR- und Beruhigungs-Trömmelchen geschlagen wird. Das, was die Iserlohner Firma Poly-Pack vermeldet, ist aber dann doch schon eher in der Abteilung „Pauke“ angesiedelt, denn das Unternehmen konnte als eines der ersten der Region die klimaneutrale Zertifizierung erreichen. Über den Weg dahin, Firmenphilosophie und die letztlich ausschlaggebenden Gründe sprach die Heimatzeitung mit dem Geschäftsführenden Poly-Pack-Gesellschafter Achim Schmitt (52).

Herr Schmitt, möchten Sie Ihr Unternehmen kurz vorstellen?

Achim Schmitt Sehr gerne. Die Firma Poly-Pack wird im Juli 2019 50 Jahre alt, seit neun Jahren bin ich Inhaber. Ich bin selbst allerdings auch schon 30 Jahre im Betrieb. Vor drei Jahren haben wir am Standort „Zollhaus“ neu gebaut. Zuvor war das Unternehmen in Gerlingsen angesiedelt. Primär sind wir Konfektionär von Folienverpackungen. Heißt, wir kaufen die Folie ein, schneiden sie zu und schweißen sie auf Kundenwunsch. Von kleinen Beuteln bis zu großen Hauben zur Ladungssicherung. Unsere Kundschaft ist, wie wir auch, stark im Mittelstand verankert. Wir sind eben nicht mit diesen Riesenmengen unterwegs, wir können dadurch auch individuelle Wünsche kurzfristig erfüllen. Dabei hilft uns übrigens auch unser extrem großes Lager. Mit unseren Teilzeitkräften sind am Standort insgesamt 28 Frauen und Männer in der Verwaltung und im Zwei-Schicht-Betrieb für uns tätig.

Gehört zum Beispiel auch der gerade viel diskutierte Aldi-Plastik-Obst-Beutel ins Sortiment?

Das ist zwar auch unser Werkstoff, also Polyethylen, aber das ist nicht unser Markt. Für diese hauchdünnen Dinger gibt es extra Spezialisten. PE hat schließlich ein unglaublich großes Spektrum.

Sagen Sie mir mal ein Beispiel. Wer verpackt etwas mit von Ihnen konfektionierten PE-Folien?

Bekannte Kunden im Lebensmittelbereich sind zum Beispiel Katjes oder Storck. Da geht es um große Transport-Säcke für Bruchware. So weit, so interessant.

Nun wollen wir ja aber über Ihre vollzogene Klimaneutralität sprechen. Was verbinden Sie in diesem Zusammenhang mit den Namen Atiyi, Sokpo Copé, Woutegblé, Damade, Adina Copé und Seva?

Dahinter steckt ein Kompensations-Projekt im westafrikanischen Togo, für das wir uns entschieden haben, weil es stark mit sozialen Verbesserungen für die Bevölkerung einhergeht. Beim „Projekt Togo“ wird der auch in Westafrika stark zurückgehende Naturwald wieder mit einheimischen Bäumen aufgeforstet. Das Projekt unseres Vor-Ort-Partners „natureOffice“ umfasst die von Ihnen genannten Kleinstädte sowie einige umliegende Dörfer. Es bietet den Menschen dort Arbeitsplätze sowie bedarfsorientierte Strukturen zur Verbesserung ihrer Lebensumstände, wie Zugang zu sauberem Wasser, Bildung und medizinischer Versorgung.

Für mich noch einmal zum Verständnis: Ihr Unternehmen erzeugt über das Jahr eine Menge Kohlendioxid. Und die haben Sie mittels eines Gutachtens ermittelt. Wobei entsteht denn bei Ihnen eben dieses CO2?

An allen möglichen Stellen. Logischerweise direkt in der Produktion, in der Mobilität, im Wärmebedarf unserer Gebäude, Energie, Papier, Druckerzeugnisse. Alles ist erfasst.

Ihr jährlicher Ausstoß liegt demnach bei 22,79 Tonnen, was übrigens schon jetzt deutlich unter vergleichbaren Branchenwerten liegt. Als Laie muss ich mich aber zugegebenerweise erst einmal daran gewöhnen, dass man CO2, also etwas Gasförmiges, überhaupt nach Gewicht erfassen kann.

Das kann und muss man in der Tat. Und auch, dass nicht nur stinkende Autos vor uns den Stoff erzeugen, sondern, dass er eben an jeder anderen Stelle auch entstehen kann.

Reicht das, wenn die Erkenntnis des Um- und Weiterdenkens bei der Geschäftsleitung angesiedelt ist, oder muss das auch gezielt in die Belegschaft getragen werden?

Da muss in der Tat richtig und aktiv Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden. Allerdings war das auch bei der Planung der neuen Gebäude hier am Standort bereits ein riesiges, konsequent durchdachtes Thema. Ich wüsste im Moment nicht einmal, was wir heute noch verbessen könnten. Wir nutzen die Abwärme der Kompressoren für unsere Heizungen, haben eine Drei-plus-eins-Verglasung, haben eine Aktiv-Lüftung, Photovoltaik auf dem Dach, zertifizierten Öko-Strom. Aber es gibt natürlich auch zukünftig immer noch Dinge, die man aufnehmen kann. Wir bekommen demnächst zum Beispiel ein E-Fahrzeug, haben eine Ladesäule.

Haben Sie denn festgestellt, dass all das nicht nur das grüne Gewissen beruhigt, sondern sich auch in barer Münze auszahlt?

Natürlich. Neben den geringen Gebäude- und Betriebskosten gibt es inzwischen auch die ersten Anfragen von Kunden, sie signalisieren, dass sie nicht mehr bei uns kaufen würden, wenn wir nicht so viel für die Umwelt tun würden. Plastik in den Weltmeeren, Plastik an den Stränden, Plastik am Wegesrand.

Hilft Ihnen das auch in diesen Tagen etwas, über die aktuelle Image-Klippe von Kunststoff generell zu kommen?

Auf jeden Fall. Die Menschen werden zum Glück immer sensibler. Wir haben zwar nichts mit dem Endkundengeschäft zu tun. Aber indirekt natürlich doch, denn die Lampe, die Sie im Laden kaufen, könnte in einer PE-Verpackung von uns stecken. Und da ist es natürlich gut, wenn auch unser Kunde seinen Kunden signalisieren kann, dass es sich um ein klimaneutrales oder auch Recycling-Produkt handelt.

Spielt Recycling in Ihrem Fall auch eine große Rolle?

Unbedingt. Folien, die wir verarbeiten, sind zu fast 90 Prozent Rezyklate. Leider nicht aus dem Bereich „Grüner Punkt“. Die sind einfach nicht hochwertig genug und eignen sich eher für Gartenbänke. In der Produktion fallen große Mengen hochwertiger Folien an, die dann wieder in den Prozess gebracht werden können. Aber auch da hat bei den Kunden ein Umdenken stattgefunden. Früher musste man den Kunden viel eher von Rezyklaten überzeugen, heute fragt er sie selbst nach. Es wird zwar auch nach unseren Folien gefragt, die aus Biomasse hergestellt werden, aber die sind am Ende in der Realität immens teuer und derzeit leider nicht verkaufbar.

Würden Sie sich als Verarbeiter ein höheres Niveau bei Recycling-Produkten wünschen?

Eigentlich schon. Aber auch bei den rechtlichen Rahmenbedingungen sollten wir in Deutschland bei unseren hohen Anforderungen nachdenken.

Muss es bei unterschiedlichen Verpackungen beim Ausgangsstoff wirklich immer Pharma-Qualität sein? Zum Beispiel, um eine Schraube zu verpacken? Und die Qualität könnte wahrscheinlich gesteigert werden, wenn der Bürger sauberer trennen würde.

Unbedingt.

Merken Sie bei Mittelstands-Kollegen in der Region ein Interesse an dem Handeln, so wie Sie es vorantreiben, oder ist man eher noch der Exot?

Das Interesse ist auf jeden Fall da, aber wir sind dennoch auch eher noch der Exot. Da würde ich mir doch noch mehr Aktive wünschen. Der Megatrend wird am Ende aber so oder so alle einholen, weil die Märkte eben darauf reagieren.

Sind die Kunden bereit, auch mehr zu zahlen?

Im Hochpreisbereich auf jeden Fall. Da ist das dann schon fast ein „Must-have“. In den Märkten, in denen nur der Preis zählt, ist das am Ende eher hinderlich. Mir fehlt aber in dem Bereich auch die objektive Information in den Medien. Da wird die PE-Tragetasche, die ich mehrfach benutzen kann, verteufelt, und die Papiertasche, die in der Herstellung durchweg mehr Wasser und Energie verbraucht als ein PE-Sack, hochgelobt.

Stimmt es denn, dass PE noch – Herr Harbeck wird sich schütteln – der „grünste“ unter den Kunststoffen oder Plastik ist?

Es stimmt, denn die Umweltbilanz von PE ist sehr gut. Es ist recycelbar oder rückstandslos verbrennbar. Plastik ist nun mal nicht immer einfach Plastik. Da wird eben sehr vereinfacht kommuniziert.

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