Kultur

Komplexem Charakter nicht gerecht geworden

Anja Klawun als Hauptdarstellerin hat eine beeindruckende Frau ebenso beeindruckend zum Leben erweckt. Dennoch waren so manche Zuschauer ermüdet.

Anja Klawun als Hauptdarstellerin hat eine beeindruckende Frau ebenso beeindruckend zum Leben erweckt. Dennoch waren so manche Zuschauer ermüdet.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Die Inszenierung von „Hildegard von Bingen – Die Visionärin“ war auf Dauer ermüdend.

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Die gute Nachricht zuerst: Stehende Ovationen gab es nach der Aufführung des multimedialen Schauspiels „Hildegard von Bingen – Die Visionärin“ im Parktheater – ein Beifall, der lange nicht enden wollte. „Das ist das Beste, das wir seit 15 Jahren im Parktheater gesehen haben“, erklärte ein begeisterter Zuschauer. Eine Dame pflichtete ihm bei: „Ich lerne Hildegard von Bingen auf eine andere, überraschende Weise kennen. Ich kenne sie bislang eher als Kräuterheilkundlerin.“ Aber es gab auch andere Stimmen: „Viel zu langatmig. Das Stück drehte sich im Kreis. Als dann im zweiten Teil auch noch der Konflikt zwischen Politik und Kirche hinzukam, wirkte es völlig überladen und aufgeblasen.“

Keine Kritik an der Leistung der Hauptdarstellerin

Und, um es gleich vorwegzunehmen, die Kritik betrifft nicht die Leistung von Hauptdarstellerin Anja Klawun, die eine beeindruckende Frau genauso beeindruckend zum Leben erweckt hat, die Kritik betrifft nicht das überaus schlichte, aber wirkungsvolle Bühnenbild aus sieben halbtransparenten mobilen Stellwänden, und erst recht nicht den Gesang und die berauschende Musik von Cornelia Mélian, die ihren Part trotz Erkältung meisterte. Und die Kritik betrifft nicht das Licht- und Sounddesign, bei dem durchaus neue Wege beschritten wurden. Die Kritik richtet sich gegen das Gerüst, gegen die Inszenierung: Die 140 Minuten mit Pause werden zu m immer gleichen Rausch aus Visionen, Monologen, Selbstzweifeln, innerer Zerrissenheit und dem Hadern mit der besonderen Gabe.

Geht es nach Regisseur Thomas Luft, so hätte eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters den Namen „Hildegard, die Zauderin“ tragen können. Das Theaterstück zeichnet das Bild einer vergeistigten, gleichsam aus der Welt gefallenen Frau. Das ist schade, und wird ihrem komplexen Charakter nicht gerecht. Natürlich ist die Benediktinerin viel mehr als Dinkelkleie und Rohkost, viel mehr als die blutreinigende Mispel-Kur oder der Aderlass, den sie als Rezept für ein langes Leben em­pfahl, aber sie war eben nicht nur Visionärin und Mystikerin, sondern stand mitten im Leben und erarbeitete sich als „Forscherin Gottes“ ein beeindruckendes Wissen in der Natur- und Heilkunde. Ihre Weisheit ist der Universalgelehrten nicht in den Schoß gefallen. Sie hat es nicht durch göttliche Eingebung erhalten, sondern geforscht und studiert – Tätigkeiten, die im Mittelalter Männern vorbehalten waren. Das Schauspiel von Autorin Susanne Felicitas Wolf reduziert Hildegard zu sehr auf die Visionärin. „Seit meiner Kindheit schaue ich. Dann wird alle Angst und Traurigkeit von mir genommen, und ich fühle mich wie ein junges Mädchen und nicht wie eine alte Frau“, rezitiert Anja Klawun zu Beginn. Positiv ist, dass Hildegards Einfluss auf das damalige Klosterleben im Stück erwähnt wird: Sie wendet sich gegen zerstörerische Askese und Abstinenz, denn: „Gott will Barmherzigkeit und nicht Opfer.“ Nach einer Stunde lässt Regisseur Thomas Luft seine Hauptperson mit dem Klosterneubau auf dem Rupertsberg beginnen.

Schwer durchschaubares Sammelsurium

Wenn bei einem Theaterstück die Frage aufkommt, „Wann ist Pause?“, dann ist es schon zu spät. Der zweite Teil beginnt mit moderner Musik und scheint Fahrt aufzunehmen. Es treten auf: die schwangere Agnes, die von ihrem Mann misshandelt wurde, Kaiser Friedrich Barbarossa, der ohne Erklärung als Lachnummer inszeniert wird, etliche Päpste und Bischöfe, ein wütender Ehemann, der Mönch Volmar, von Hildegard „die Feile“ genannt, diverse Randfiguren, die das Geschehen aus dem Hintergrund kommentieren („Das Weib ist des Mannes untertan“) – daraus wird ein schwer zu durchschauendes Sammelsurium aus politischen und kirchlichen Ränkespielen und Machtkämpfen.

Dazwischen immer wieder Hildegard mit ihren licht- und musikumfluteten Visionen und Monologen – das ist einfach zu viel des Guten und wirkt auf Dauer ermüdend. Das Stück begleitet die große Kirchenlehrerin bis zum Tod. Erst jetzt findet sie Erlösung: „Herr ich bin bereit. Nimm deine kleine Feder zu dir.“ Darauf Schweigen im Publikum, dann ernster, langer Applaus.

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