Serie „Architektur in Iserlohn“

Iserlohn, wie schön sind deine Kurven

Leider (fast) nur noch Fassade: das Alte Stadtbad.

Leider (fast) nur noch Fassade: das Alte Stadtbad.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Als die Kunst in den Alltag kam: Die Zeugnisse des Jugendstils in Iserlohn sind eher Stückwerk – aber dennoch sehenswert

Anders als der Historismus, der als prägender Architekturstil noch heute in der gesamten Wermingser Straße präsent ist, finden sich Zeugnisse des Jugendstils in Iserlohn eher als Stückwerk. Vor allem im Bereich Gartenstraße/Stennerstraße fielen einige alte Villen der Abrissbirne zum Opfer. Doch auch aus dieser Epoche finden sich spannende Bauwerke in Iserlohn, die bis heute überdauert haben.

Jugendstil

Der Jugendstil ist eine Richtung der Architektur, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte und den damals ausklingenden Historismus ablöste. Es sollte allerdings nicht übersehen werden, dass der Jugendstil um 1900 keineswegs eine so geschlossene Bewegung war, wie die Bezeichnung heute den Anschein zu erwecken vermag.

Es handelt sich beim Jugendstil um eine Reihe von teilweise divergierenden Strömungen innerhalb Europas, die sich allenfalls in der Abkehr vom Historismus wirklich einig waren – also in der Ablehnung der bis dato gängigen Praxis der Nachahmung historischer Formvorbilder.

Merkmale des Jugendstils

Typisch für den Jugendstil sind geschwungene Linien und Kurven, dekorative Ornamente etwa mit Blumen- und Tiermotiven, dekorative Flächen sowie die Aufgabe von Symmetrien. Architekten wie auch Künstler suchten nach neuen Formen, die sich von dem abhoben, was vorher war. Stilprägend sind unter anderem auch große gesamtkünstlerische Gestaltungen, in der alles vom äußeren Bauwerk bis zur dekorativen Innenausstattung im einheitlichen Sinne durchgestaltet wurde.

Damit wurde auch die Forderung nach der großen Verschmelzung von „Kunst und Leben“ verknüpft, der Wiedereinbeziehung der Kunst in das Alltägliche, im Sinne einer umfassenden künstlerischen Neugestaltung aller alltäglichen Dinge, wobei den dekorativen Künsten ein ganz besonderes Gewicht zukam.

Zur Programmatik des Jugendstils gehörte aber auch die Forderung nach Funktionalität und Ausdruck der Funktion in der Erscheinung der Dinge, dass also die Funktionen eines Gebäudes auch dessen Gestaltung sichtbar bestimmen sollte. So beispielsweise sollten die Fassaden nicht länger symmetrisch und von axialen Aufteilungen bestimmt sein müssen, sondern einer aus dem Grundriss entwickelten Raumvorstellung folgen dürfen. Insgesamt gehört die Abkehr von den historischen Bauformen und die intensive Suche nach neuen dekorativen Gestaltungsmöglichkeiten in Architektur und Kunstgewerbe zum erklärten Programm vieler Künstler des Jugendstils. (Quellen: Architekt.de/deutsche-digitale-bibliothek.de).

Bekannte Gebäude

Die wohl bedeutendsten Jugendstilbauten Iserlohns sind die heutige Wohnanlage „Altes Stadtbad“ am Poth und das Kaufhaus „B&U“ in der Unnaer Straße. Der Teilabriss des alten Stadtbades 1986 konnte damals von einer Bürgerinitiative nicht verhindert werden. Gebaut wurde es zwischen 1906 und 1908. Erhalten sind lediglich die Westfassade sowie das dahinterliegende Treppenhaus. Der Westaufriss mit schwerem Hausteinmauerwerk gilt als wohl schönstes Beispiel einer in sich geschlossenen Jugendstilfassade in Iserlohn.

Das B&U-Gebäude von 1903 ist der erste repräsentative Bau Iserlohns, der im Jugendstil errichtet wurde. Durch eine Purifizierung der Fassade, das heißt einer Befreiung von Änderungen und vermeintlichen Fehlern anderer Stilepochen, gingen in den 70ern allerdings Schmuckelemente des Jugendstils verloren.

Auch der Lichthof im Inneren wurde zugunsten einer Rolltreppenanlage 1984 zerstört und ist nur noch in Resten erkennbar. Die für den Jugendstil typische weiche Linienführung, Bogensegmente und Dekors sind aber noch erhalten.

Ein weiteres „prominentes“ Beispiel für den Jugendstil ist die heutige „Schauburg“ an der Hans-Böckler-Straße 20. Fertiggestellt wurde das Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts. Prunkstück ist dabei der Festsaal mit 25 Mal 16 Metern Fläche. Beteiligt am Schauburg-Bau war erneut Otto Leppin sowie für die Bürgergesellschaft unter anderem Rudolph Wichelhoven. Der Saal war für 800 Personen und die Galerie für weitere 300 Personen berechnet. Die 14 Meter hohe Runddecke, 279 Quadratmeter Fläche, Malereien, Stuck, Kronleuchter und vier Logen machen den Goldsaal einmalig in Iserlohn (Quelle: Iserlohn-Lexikon/tanzwelt-schauburg.de).

Schönheiten in zweiter Reihe

Schönstes und wohl spektakulärstes Beispiel für Jugendstilelemente an einer weniger frequentierten Stelle ist an der Südstraße 27 die ehemalige Villa Geck, die beinahe schon den Charakter eines Schlosses aufweist. Gelegen auf einem parkähnlichen Grundstück, verläuft der Zugang zu dem 1902/03 errichteten Gebäude ob der Geländesteigung über eine geschwungene Freitreppe.

Architekt Otto Leppin, ebenfalls verantwortlich für zahlreiche historistische Gebäude (Alte Post, Villa Wessel) in Iserlohn, kombiniert für den Bau Neubarock- und Jugendstilelemente. Turm, Bögen und Risalitgiebel, üppige Ornamente über Portal und der Achse darüber machen das zweigeschossige Haus zu einem der wohl schönsten in Iserlohn überhaupt.

Spektakulär sind ebenfalls das ehemalige Goethe-Institut an der Stennerstraße 4 sowie die ehemalige Villa Weydekamp an der Stennerstraße 12. Schön und den meisten wenig bekannt sein dürfte das Haus in der Bergwerkstraße 20, ehemals Elisabeth-Krippe (1905). Zunächst Kinderkrippe, dann Töchterheim, verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes mit den Jahrzehnten, bis es von der IGW 2005 saniert wurde. Auch hier finden sich formschöne Ornamente an der Portalachse sowie Rundbogenfenster.

Weitere Beispiele für den Jugendstil sind vor allem im Gebiet um Stenner- und Gartenstraße zu sehen.

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