Stadtleben

Mahnwache nach Tat in Iserlohn: Gedenken mit Beigeschmack

Rund 30 Personen kamen zur „Mahnwache“ am Bahnhof.

Rund 30 Personen kamen zur „Mahnwache“ am Bahnhof.

Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn.  Rund 30 Personen nahmen am Sonntag nach dem Tötungsdelikt am Bahnhof in Iserlohn an einer „Mahnwache“ teil, angemeldet von einem AfD-Mitglied.

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Die Mahnwache am Sonntag am Bahnhof – nach dem Tötungsdelikt dort am vergangenen Wochenende – war nur im Internet beworben worden. Ebendort hatte es auch Streit gegeben. Unter anderem, weil die Anmelderin, Claudia Bungard aus Hemer, AfD-Mitglied ist und Nutzer ihre Motive in Frage stellten. Dies als Randnotiz.

Am Sonntag jedenfalls versammeln sich rund 30 Menschen ebendort, wo in der vergangenen Woche ein Mann und eine Frau niedergestochen und tödlich verletzt wurden. Geplant sind am Stadtbahnhof Ansprachen, Gedenken und Austausch. Im Vorabgespräch sagt Claudia Bungard, dies sei keine politische Veranstaltung.

Sie habe einen Querschnitt der Gesellschaft ansprechen wollen. Sie sagt aber auch: „Auch wenn es kalt klingt: Mein Augenmerk geht nicht auf die Tat, sondern auf die Rechtsprechung. Egal, wo der Täter herkommt. Die Gesetze sind zu lasch.“ Man müsse mehr für die Sicherheit in diesem Land tun. Darum auch der Titel „Mahnwache“. „Um die Sicherheit steht es nicht so toll. Dies wollen wir anmahnen.“

Bei der Mahnwache ging es um Sicherheit in Deutschland

Bei politischen Kundgebungen, so kündigt sie an, werde die Veranstaltung abgebrochen. Diese – zumindest in eindeutig parteipolitischer Sicht – bleiben dann aus. Es bleibt friedlich. Über die Inhalte des Gesagten und deren Angemessenheit am Ort der Tat dürften die Meinungen aber auseinandergehen, geht es in der Ansprache, die folgt, doch vornehmlich um das Thema Sicherheit. Beziehungsweise darum, dass man sich nicht mehr sicher fühlen könne.

Dazu verteilen sie und ihre Begleiterinnen auch Schilder mit Forderungen für mehr Sicherheit im Land. Und Buttons mit der Aufschrift „Es reicht!“ und schwarzem Trauerflor.

„Seht auf dieses Land, dessen Bürger hilflos und ratlos sind“, spricht Claudia Bungard am Gleis 2, wo bereits mehrere Grabkerzen brennen. Mit Blick auf die Opfer aus der vergangenen Woche und andere sagt die Hemeranerin: „Auch ich fühle mich hilflos. Lasst uns dafür käm­pfen, dass sowas nicht mehr passiert.“ Unter anderem fordert sie einen stärkeren Rechtsstaat.

Bei der Live-Übertragung der Veranstaltung durch die Heimatzeitung auf Facebook monieren mehrere Nutzer, dass es bei dem Gesagten doch wenig um die Opfer gehe. Claudia Bungard spricht später von Nervosität. Die folgende Rede von Seelsorgerin Gudrun Siebert hingegen wird gelobt. „Als leitende Notfallseelsorgerin war ich mit anderen bei dem Geschehen dabei. Wir haben mit Menschen gesprochen, die als Zeugen sehr schockiert waren“, berichtet sie, dass einige auch noch an den Tagen danach weiter betreut werden. „In der Seelsorge gibt es noch andere Möglichkeiten, mit solch schrecklichen Dingen umzugehen. Wir können im Gebet das Unfassbare an Gott abgeben. Indem wir beten und es aussprechen, lassen wir los und befehlen uns in andere Hände.“ Sie betet für „die zwei Menschenleben, die so sinnlos ausgelöscht wurden“: „Wir beklagen das unschuldige Baby, das nun ohne leibliche Eltern aufwächst. Wir beklagen, dass ein Mann solche Rachegedanken hatte. Wir beklagen, dass so viele Menschen Zeugen dieser Tat wurden und aus ihren Plänen herausgerissen wurden.“

Kirchenvertreter fühlen sich instrumentalisiert

Gudrun Siebert, Superintendentin Martina Espelöer und Pastoralverbundsleiter Johannes Hammer dankten den Einsatzkräften der Polizei und Feuerwehr, dass sie so besonnen am Tatort gehandelt hätten. Die Vertreter des Kirchenkreises und des Pastoralverbundes erklärten nach den Ansprachen, von der AfD-Mitgliedschaft Claudia Bungards nicht gewusst zu haben. „Wir reden grundsätzlich auch mit jedem in Not“, sagt Gudrun Siebert.

Allerdings fühle man sich nun in gewisser Weise politisch instrumentalisiert. Johannes Hammer stellt nach den Ansprachen klar: „Ich fühle mich in dieser Stadt sicher. Es war eine Beziehungstat. So lange es Menschen gibt, gibt es Verbrechen.“ Er kritisiert die reflexartigen Kommentare in den sozialen Medien und habe das auch seiner Sonntagspredigt in der Kirche gegeißelt.

Die Kirchenvertreter beten auf dem Bahnsteig für die Einsatzkräfte, dass sie das Geschehen gut verarbeiten und Kraft für ihren weiteren Dienst haben. Sie schließen Täter und Opfer mit ein, und wünschen, dass das kleine Mädchen liebevolle neue Eltern bekommt.

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