Serie „Nachhaltig leben“

Ein bisschen Utopie wagen – lokal, kreativ und lebendig

Florian Artmann vor einem Aquaponiksystem, einem Urbanistenprojekt. In einem Gewächshaus werden dabei Pflanzen kultiviert und gleichzeitig Fische aufgezogen.

Florian Artmann vor einem Aquaponiksystem, einem Urbanistenprojekt. In einem Gewächshaus werden dabei Pflanzen kultiviert und gleichzeitig Fische aufgezogen.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn/Dortmund.   Zum Abschluss dieser Serie ein kleiner Blick über den Tellerrand: Ein Besuch bei den Urbanisten in Dortmund – ein Vorbild für Iserlohn?

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Mit Abrissbaggern rücken sie den alten Industriebauten auf dem HSP-Gelände in Dortmund zu Leibe. Platz für Neues muss her, ein ganzer Stadtteil soll hier entstehen. Gleich nebenan liegt der „Union Gewerbehof“, Büros, Ateliers und Werkhallen in alten Ziegelbauten, kein schlechter Standort für „Die Urbanisten“, ein Verein, der sich damit beschäftigt Neues zu schaffen, neue Lebensräume, der die Stadt mit Hilfe der Bürger nachhaltig gestalten will. Und ein Verein, von dessen Struktur sich möglicherweise auch Impulse für Iserlohn ableiten lassen.

Der „Union Gewerbehof“ ist in den 80er Jahren auf Initiative arbeitsloser Menschen entstanden. Heute gibt es hier 90 Unternehmen, es ist ein Ort ökologischen und sozialen Arbeitens, eine Keimzelle nachhaltiger urbaner Transformation. Schon rein optisch gibt es bei den Gebäuden Parallelen zu Kissing & Möllmann und Christophery, wo nicht wenige hoffen, dass hier Vergleichbares entstehen könnte.

Florian Artmann ist Sozialpädagoge und Erzieher, außerdem Vorstandsmitglied bei den „Urbanisten“. Er sagt: „Wir verstehen uns als Schnittstelle in vielen Bereichen.“

Gegründet wurde der Verein vor zehn Jahren. Den Kern bildet ein hauptamtliches Team aus acht Personen. Stadtplaner, Architekten, Pädagogen und vieles mehr. Ehrenamtler stoßen projektbezogen hinzu. Finanziert wird das Ganze hauptsächlich über Fördergelder, die für einzelne Projekte eingeworben werden,

Stadtplanung, Fassadengestaltung Kunst, Urban Gardening – im April ist zunächst für drei Jahre das „Labor für urbane Zukunftsfragen und Innovationen“ angelaufen, in einer Halle mit Raum, um gemeinsam zu arbeiten, sich mit lokalen Unternehmen zu vernetzen, um Ressourcen zu teilen und später Veranstaltungen durchzuführen. Auch Unterrichtskonzepte sollen dabei entstehen.

„Erst braucht man Leute. Und dann einen Ort“

Was kryptisch klingen mag, verfolgt im Wesentlichen das Ziel, Menschen, die etwas bewegen wollen, zu vernetzen. Kreative, aber auch jeden, der sein Umfeld mitgestalten will. Im Grunde die Essenz dessen, worum es den Urbanisten geht. „Erstens braucht man Menschen, die etwas machen wollen“, sagt Florian Artmann. „Und dann braucht man einen Ort, damit Leute partizipieren können.“

„In Iserlohn“, sagt IGW-Quartiersmanagerin und Drobs-Streetwork-Mitarbeiterin Sabine Plücker angesprochen auf das, was die Urbanisten tun, gebe es durchaus Potenzial, Vergleichbares auf die Beine zu stellen. Das Niveau ehrenamtlichen Engagements ist gut, allerdings weiß kaum einer, was die anderen machen. „Es mangelt an einem Ansprechpartner“, sagt Sabine Plücker.

Jemanden also, der Fäden zusammenführen kann. „Die Leute haben spürbar mehr Lust, etwas Konstruktives zu machen“, erklärt sie weiter. „Sie wissen aber oft nicht, wo sie ansetzen sollen, wen sie ansprechen können, um sich einzubringen.“

In Iserlohn gibt es den Weltladen, der sich seit 40 Jahren für fairen Handel stark macht. Es gibt Kultur und Natur Drüpplingsen. Es gibt Gemeinden und Vereine, die Projekte für Nachhaltigkeit anschieben. Doch die große Klammer fehlt.

Teil des Urbanisten-Konzepts ist auch eine offene Werkstatt. Mit Beratung oder allein, aus Altem und Resten kann hier Neues entstehen. „Pack was an, mach was“ – auch das bedeutet Nachhaltigkeit, sagt Florian Artmann. Auch in Iserlohn, in einem Raum der Drogenberatung (Drobs), gibt es zwei Mal die Woche eine offene Werkstatt. Die Erfahrungen sind gut. Sabine Plücker würde das Angebot gerne ausweiten.

Das Fertigen in einer Werkstatt, das Errichten von Insektenhotels, das Gestalten von Fassaden oder Stromkästen, das Nachdenken über Lebensmittelversorgung – „es geht darum, dass sich die Leute mit ihrer Stadt und der Natur um sie herum beschäftigen und für ihre Umgebung sensibilisiert werden. Es geht um das Erleben von Selbstwirksamkeit“, bringt es Florian Artmann auf den Punkt. „Und man muss schnell vom Reden ins Machen kommen.“

Doch wo ansetzen? Wie bringt man Leute zusammen, die dann gemeinsam etwas bewirken wollen?

Räume neu erleben, Vernetzung auf Augenhöhe

Der „Urbanist“ empfiehlt Kulturveranstaltungen. Mit Kunst. Mit Musik. Mit Vernetzung auf Augenhöhe. Mit „Bierchen“ statt Rundem Tisch. Am besten direkt dort, wo etwas angestoßen und verändert werden soll. „Damit man den Raum anders erleben kann, damit man Utopien schaffen kann.“

Wenn nämlich Behörden das Ganze in die Hand nehmen, mit „Pseudobeteiligungsverfahren“, wie Florian Artmann sagt, sei dies selten effektiv. Im letzten Jahr organisierten die Urbanisten beispielsweise das You-Do-Festival mit Vorträgen, Workshops und Exkursionen.

In Bezug auf die Zukunft nachhaltiger Stadtentwicklung in Iserlohn sagt Sabine Plücker: „Bei den Kooperationspartnern des Quartiersmanagements gibt es großes Interesse, die Projekte hier auszubauen.“

Konkret werde gerade über die Ausrichtungs eines „Marktes der Möglichkeiten“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit nachgedacht – mit ähnlichem Ansatz, wie bei den Urbanisten beschrieben.

Ob all dies in ferner Zukunft zu einer Belebung bei Christophery oder „Kissing & Möllmann“ führen könnte, ist Spekulation. „So etwas muss langsam wachsen“, glaubt Sabine Plücker. „Aber die Möglichkeiten sind auf jeden Fall da.“

Aus der Not eine Tugend

Bürger für Bürger – und für Nachhaltigkeit: Einen guten Überblick bietet das Portal mehrwert.nrw. Hier werden Initiativen von Bürgern und Ideen vorstellt, dazu an einer Gründung Interessierte mit Infos und Anregungen versorgt. Außerdem können in einer Karte Initiativen stadtbezogen gesucht – und sich so vernetzt werden. Ein Überblick: Gemeinschaftsgärten (Urban Gardening): Bei einem Gemeinschafts- garten tun sich Menschen zusammen, um gemeinsam Flächen fürs Gärtnern zu nutzen. Das Säen, Pflanzen, Pflegen und Ernten lässt nicht nur Obst, Gemüse und Blumen wachsen, sondern soll auch Gemeinschaft fördern. So sollen sich nachhaltige Oasen entwickeln, die für alle zugänglich sind. Viele Gruppen wollen durch Eigenanbau und Verwertung von Lebensmitteln auch die Wertschätzung für Essen fördern, Wissen vermitteln und alte Obst- und Gemüsesorten erhalten.
Beispiel: Gemeinschaftsgarten von Bildung, Wald und Garten (Hagen), Südstadtgärten Iserlohn. Lebensmittelretter (Foodsharing, Lebensmittel verschenken): Tonnenweise genießbarer Lebensmittel landen in Deutschland im Müll. Warum nicht teilen oder verschenken, was über ist? Seit 2012 engagieren sich meist unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins foodsharing mehrere Gruppen dazu. Über eine Internetplattform können Lebensmittel von privat an privat abgegeben werden. Ehrenamtliche Helfer sammeln zudem Produkte von Betrieben ein, zum Beispiel Supermärkten oder Bäckereien, und geben diese kostenlos weiter.
Beispiel: Foodsharing Iserlohn. Solidarische Landwirtschaft: Bei Solidarischer Landwirtschaft (SoLaWi) schließen sich Verbraucher mit einem landwirtschaftlichen Betrieb zusammen, finanzieren nach einem gemeinsam festgelegten Wirtschaftsplan die Jahreskosten der Produktion und erhalten dafür die Produkte. Verbraucher wissen so genau, wie ihre Lebensmittel produziert wurden. Oftmals packen sie auch selbst auf dem Acker mit an. Für den Erzeuger bietet das Modell wirtschaftliche Sicherheit.
Beispiel: Die Solidarische Landwirtschaft Schwalmtal-Eicken. Lebensmittel-Einkaufsgemeinschaften (Food-Coops): Bei einer Food-Coop handelt es sich um eine Gemeinschaft von Privatpersonen oder Haushalten, die gemeinsam bei Landwirten und Produzenten Lebensmittel ordern. Preise werden direkt vereinbart, Kosten für Zwischenhandel entfallen. Die Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich bei Bestellung, Abholung und Verteilung der Lebensmittel und erhalten so gesunde regionale Lebensmittel.
Beispiel: nur privat. Teilen, Tauschen, Schenken: Schenk-Initiativen (Umsonstladen, Givebox, öffentlicher Bücherschrank): abgeben, was man selbst nicht mehr braucht. Aussortierte Dinge weiter nutzen statt immer Neues zu kaufen. Ob eine Telefonzelle zum öffentlichen Bücherschrank wird, ein begehbarer Schrank zur „Givebox“ oder gleich ein ganzer Laden mit gespendeten Dingen entsteht – stets geht es um bedingungsloses Geben und Nehmen, Abfallvermeidung und Ressourcenschonung. Ehrenamtliche Initiativen kümmern sich um die Organisation, halten die „Verschenk-Orte“ in Ordnung und pflegen Kontakte über die sozialen Medien.
Beispiel: Bücher-Tauschschrank im Rathaus und Friedrich-Kaiser-Straße 22 in Iserlohn. Produkte leihen und verleihen (Leih-Laden, Verleihzirkel): Die meisten Bohrmaschinen sind in ihrem gesamten Produktleben nur wenige Minuten lang im Einsatz. Ebenso viele andere Dinge. Ziel von Leih-Läden oder -Initiativen ist es, private Geber und Nehmer zusammenzubringen, damit Gegenstände intensiver genutzt werden. Die Leihgaben zirkulieren kostenfrei oder gegen einen Mitgliedsbeitrag, organisiert zum Beispiel online.
Beispiel: Leihladen Bochum. Tausch-Initiativen (Tauschring): Tauschringe sind Netzwerke der organisierten Nachbarschaftshilfe, des Gebens und Nehmens. Die Tauschaktionen werden meist über einen Internet-Auftritt koordiniert und sind lokal begrenzt. Die Tauschaktionen werden mit Hilfe einer fiktiven Währung verrechnet. Ziel ist es, sowohl Gegenstände als auch Dienstleistungen auszutauschen. So können Beteiligte unterschiedliche Fähigkeiten einbringen, etwa Backen gegen Gartenarbeit tauschen.
Beispiel: Tauschring Hagen; der Verein Hönnetal im Wandel (Balve) lädt regelmäßig zu Tauschbörsen. Reparatur und Upcycling (Repair-Café, FabLab, offene Werkstatt): In Reparatur- und Upcycling-Initiativen treffen sich Menschen, um gemeinsam kaputte Gebrauchsgegenstände vom Toaster bis zum Fahrrad zu reparieren, aufzuwerten oder Neues zu erschaffen. So bleiben Rohstoffe im Nutzungskreislauf. In Repair-Cafés stellen handwerklich Begabte ihr Wissen gratis zur Verfügung und helfen dabei, Dingen ein „zweites Leben“ zu geben. In offenen Werkstätten oder FabLabs (F­abrikationslaboren) werden Maschinen und Arbeitsplätze für jedermann bereitgestellt.
Beispiel: Repair-Café im Bürgerraum am Fritz-Kühn-Platz oder von Hönnetal im Wandel (Balve); Wiederherstellbar – Reparatur- und Upcycling-Initiative Hagen. Klimafreundliche Mobilität:Initiativen für gemeinschaftliche Fahrradnutzung (Lastenräder): Lastenrad-Initiativen verfolgen das Ziel, in ihrer Stadt Transporträder verfügbar zu machen und damit einen klimaschonenden Nahverkehr zu fördern. Die Gruppen verfolgen keine kommerziellen Zwecke und stellen das Lastenrad unentgeltlich oder gegen eine freiwillige Spende zur Verfügung. Die Anschaffung wird häufig mithilfe von Sponsoren bewältigt, die Buchung läuft online. Beispiel: Rudolf Lastenfahrrad, Dortmund.

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