Interview

Andocken an neue Quellen der Kreativität

Persönlichkeits- & Gesundheits-Coach Frank Gerit Kaiser sagt: „Dauernde Sensationsmeldungen können der Psycho-Hygiene schaden.“

Persönlichkeits- & Gesundheits-Coach Frank Gerit Kaiser sagt: „Dauernde Sensationsmeldungen können der Psycho-Hygiene schaden.“

Foto: Privat

Iserlohn.  Persönlichkeits- & Gesundheits-Coach Frank Gerit Kaiser weiß auch um die Wirkung von Reizwörtern wie „Krise“ und „Pandemie“.

Ängste, Sorgen, Nöte auf der einen Seite, Hoffnungen, Initiativen, Selbstdisziplin auf der anderen Seite. Die Corona-Krise hat eben nicht nur massivste gesundheitlich und auch wirtschaftliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, sondern eben auch auf unsere Gefühlswelt, unser Empfinden und unser unterbewusstes Reagieren. Zu diesem Thema hat die Heimatzeitung dem Iserlohner Persönlichkeits- & Gesundheits-Coach Frank Gerit Kaiser diverse Fragen vorgelegt.

Herr Kaiser, natürlich spielen die Medien in Zeiten wie diesen eine wichtige Rolle. Sie können schließlich nicht Wissen vermitteln und fördern, sondern auch Stimmungen in der Gesellschaft offen und auch subtil steuern. Wofür ist der Mensch grundsätzlich empfänglicher – für die gute oder die eher schlechte, Angst machenden Nachricht?

Frank Gerit Kaiser Grundsätzlich möchte ich zunächst festhalten, dass die Medien nicht per se manipulativ steuern wollen. In einigen Fällen ist das sicherlich so, in anderen eher nicht. Ich bin davon überzeugt, dass den wenigsten Menschen wirklich bewusst ist, in welcher Art und Weise bzw. Tiefe Worte letztendlich beeinflussen. Da ist schnell etwas gesagt („dahingeworfen“) und mein Gegenüber deutet dies in seinem Verständnis-Kontext – will meinen in seinem Erfahrungs- und Erlebenszusammenhang. Das erklärt auch die schnell entstehenden Missverständnisse („das habe ich doch nicht gesagt…Du verdrehst meine Aussagen…“). Und dies alles gilt natürlich auch für die „Äußerungen“ der Medien. Selbstverständlich gibt es auch bewusst gesteuerte Manipulationen und Suggestionen. Ich denke hier speziell gerade auch an den populistischen Bereich. Generell denke ich, dass wir auf Grund unseres internen „Gefahren-Sensors“ eher schlechte Nachrichten registrieren bzw. fokussieren. Es ist aus Evolutionssicht schlauer, zunächst von Gefahr auszugehen und dann ggf. Entwarnung zu geben. Das sichert uns das Überleben. Es gibt natürlich auch die grundsätzlich verschiedene Grund-Einstellung der Menschen: einige sind eher Optimisten, andere eher Pessimisten. Dementsprechend ergibt sich auch die entsprechende Empfänglichkeit.

Eine Kollegin von Ihnen hat vor einigen Tagen in einem Beitrag gesagt: „Ich beobachte im Umgang mit dem Coronavirus und den öffentlichen und individuellen Reaktionen darauf die Phänomene einer Massen-Hypnose. Dies ist sicherlich nicht beabsichtigt, aber inzwischen ein Selbstläufer.“ Sehen Sie das ebenso?

Wie ich das ja schon gerade beschrieben habe, erzeugen Worte entsprechende Wirkungen und Wirk-Räume. Je nach dem, was durch Worte vorherrscht, wird Entsprechendes als Wirkung/Wirklichkeit erzeugt. Wenn ich also viele negative Worte verwende, entsteht eine negative Atmosphäre respektive Wirklichkeit und umgekehrt. Da Medien nun Massen ansprechen, erzeugen sie demzufolge Massen-Reaktionen. Wird nun ständig das gleiche Grundthema mit dem gleichen Grundtenor veröffentlicht, ergibt sich ein entsprechender „Wahrnehmungs-Raum“. Und da der Mensch nicht alles hinterfragt, gibt er sich diesem atmosphärischen Raum zum Teil unreflektiert hin und es entsteht so eine Art Trance. Im Übrigen sucht sich der Mensch ja aus der Vielzahl der Informationen speziell diese aus, die zu seinem Bild der Realität und zu seinen Vorerfahrungen passt. Dies ist die so häufig zitierte „selektive Wahrnehmung“.

Soweit ich weiß, funktioniert Hypnose doch nur, wenn ich mich darauf einlasse. Reicht hier schon die Wiederholung von Schlüsselbegriffen wie „Pandemie“ oder „Krise“, um eine reizende Wirkung zu entfalten?

Die Worte „Pandemie“ und „Krise“ sind an sich ja schon Reiz-Worte. Erhöhe ich die Präsenz dieser Worte, erhöht sich automatisch der Grad der Reizung bzw. auch die Sensibilität in der Wahrnehmung gegenüber dieser „Trigger“.Worte erzeugen im Gehirn gemäß meiner Vor-Erfahrung entsprechende Assoziationen. Ob ich will oder nicht. Das läuft zunächst unbewusst ab. Und diese Assoziationen sind letztendlich nach meinem Verständnis auch schon so eine Art Vor-Trance. Intensiviere ich entsprechend die Präsenz dieser Worte, beeinflusse ich immer(!) – auch gegen den Willen meines Gegenübers – den Wahrnehmungs-Raum des Zuhörers in diese Richtung.

Stimmt aus Ihrer Sicht die vielfach geäußerte Ansicht, dass der angstmachende und Beunruhigung und Ohnmachtsgefühle auslösende Umgang vieler Medien und der Politik mit dem Coronavirus zuverlässig zu einer Schwächung des Immunsystems und der Gesamtgesundheit eines jeden einzelnen Menschen führen?

Es gibt dazu viele wissenschaftliche Untersuchungen und Bestätigungen: Negative Impulse, Wirkräume, Erlebnisse, ja sogar „nur“ einfache Gedanken aktivieren im Gehirn entsprechende Botenstoffe, die die im Körper dazugehörigen Reaktionen auslösen. Dies beschreibt auch gerade die neuere Psycho-Neuro-Immunologie (Prof. Dr. Christian Schubert, Universität Innsbruck). Schon nach kurzem Aufenthalt in einem „schlechten“ Wirkraum/ Umfeld wird das Immunsystem geschwächt. Deshalb ist Ausgleich ja auch so immens wichtig!

Ist eine Informations-Diät wirklich die einzige Möglichkeit, sich einer unerwünschten Nebenwirkung auf die Gesundheit von Körper und Seele zu entziehen?

Das kann in der Tat helfen. In einem festgelegten, standardisierten und kürzeren Zeitraum einmal am Tag Informationen aufnehmen und diese dann aus gesicherten seriösen(!) Quellen, das hilft vor einer krankmachenden Flutung – und natürlich der wohltuende Ausgleich mit positiven Dingen, Erlebnissen und Beschäftigungen.

Alle Welt, auch und gerade die Politik, ruft in diesen Tagen immer wieder, man solle auf jeden Fall einen „klaren Kopf“ behalten. Ist das wirklich so einfach?

Kann man das denn überhaupt selbst steuern? Das mit dem Steuern ist sicherlich schwieriger. Aber, ich kann selber eine Menge tun. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch durchaus spürt, was ihm guttut und was nicht. Eigentlich weiß jeder, ob er ggf. auch in Sachen „Sensationslust“ unterwegs ist. Hier kann und sollte er unterscheiden, ob er diesen Pfad weiter beschreiten will oder nicht. Meine Empfehlung im Sinne der Psycho-Hygiene ist, dass zu unterlassen. Auch wenn es sehr verführerisch ist, die „tollsten“ und aufmerksamkeitsstärksten Infos – als erster – zu besitzen und diese dann weiterzugeben. Bei Sensationsmeldungen gerade mit Katastrophen-Inhalt ist das im Sinne eines ausgeglichenen Seelen-Haushalts nicht unbedingt hilfreich.

Versammlungsverbot, Ausgehbeschränkungen – verschlimmert die Tatsache, dass der Mensch sich nicht oder nur mit Hindernissen mit anderen austauschen kann, gerade noch einmal die eigene Angst? Wie gefährlich ist Isolation für den Menschen?

Virtuell und digital haben wir ja aktuell viel mehr Möglichkeiten, uns mit anderen auszutauschen, als Generationen vor uns. Insofern kann von einer Isolation nicht gesprochen werden. Isolation in der Grundbedeutung ist viel radikaler und ausschließlicher. Aber natürlich macht es Angst, wenn ich meinen alten Gewohnheiten nicht nachgehen kann. Klug beraten ist derjenige, der sich an die vielen Quellen der neuen Kreativität andockt, um hier das Geeignete für sich selber zu übernehmen. Hier gibt es enorme Wachstums- und Entwicklungs-Möglichkeiten. Heißt, der Einzelne kann, wenn er will, eine Menge tun. Eine kleine Anmerkung: Alleine das Wort „Isolation“ erzeugt – häufig verwendet – im aktuellen Moment eben auch die Trance des Isolations-Erlebens, wobei der Einzelne in der Regel ja wie beschrieben nicht wirklich isoliert ist.

Gibt es wirksame Techniken, wie ich mich selbst ablenken kann? Sie sind ja ein großer Läufer. Kann man beim Laufen zum Beispiel wirklich abschalten, kommen andere Gedanken dabei wirklich von ganz allein?

Auch hier wieder: Es kommt darauf an. Ziel muss es sein, die gedanklich eingeschliffenen Pfade zu verlassen und sich auf Entspannendes, Lösendes und Nährendes zu konzentrieren. Letztendlich sind also die Konzentrations-Fähigkeit und der Wille zu Veränderung entscheidend. Nur so kann ich destruktive Gedanken-Schleifen verlassen.

Wir leben in einer Stadt, die sich „Waldstadt“ nennt. Kann der Wald mit seiner Ruhe, seinen Gerüchen, Eindrücken und Bewegungsmöglichkeiten uns in der Tat helfen, unseren ganz persönlichen Krisenmodus auf Kurs zu halten?

Kurz und knapp: ja – in jedem Falle. Die Bäume geben erwiesenermaßen gesundheitsfördernde Stoffe ab, und die haben eine wirklich heilende Wirkung auf unseren Organismus! Das wusste schon Hildegard von Bingen, und auch die Japaner propagieren seit langem das „Wald-Baden“. Also: Raus in die Natur.

Ich habe gerade diesen Satz oder Rat gelesen: „Genießen Sie die Fähigkeit der Tiere im Hier und Jetzt zu leben und sich „keinen Kopp zu machen“. Das Säugetier in uns darf sich da ganz dringend was abgucken.“ Das gefällt mir natürlich. Stimmen Sie dem zu?

Unbedingt! Vergangenheit kann belastend sein und Zukunft in einigen Fällen sorgen-geschwängerte Bilder erzeugen. Wenn wir unsere Sensoren auf Risiko, Probleme, negative Perspektiven getaktet haben, nehmen wir fast ausschließlich dieses Negative war und verlieren den Blick für das Positive. Also habe ich dann wie gesagt auch wieder negative Wirkräume erzeugt, die dann negative Botenstoffe erzeugen, die dann wieder negative Auswirkungen im Organismus hervorrufen usw., usw. Insofern ist es in diesem Sinne zieldienlich, im Hier und Jetzt zu leben und den Blick auf Gutes und Förderliches zu lenken. Das beschreibt ja auch der Buddhismus sehr schön. Ein englischer Schriftsteller hat bei einer Auflistung üblicher Sorgen Folgendes herausgefunden: 40% der Sorgen betreffen Ereignisse, die überhaupt nicht eintreffen oder ihren Schrecken verlieren, wenn man sie aus der Nähe betrachtet. 30% der Sorgen betreffen längst vergangene Ereignisse. Aber vorbei ist vorbei, man sollte nicht auf den Sorgen hocken bleiben wie auf einem Sofa, die Vergangenheit sollte besser ein Sprungbrett sein. Es ist wichtig für eine gute Fahrt, ab und zu in den Rückspiegel zu schauen, aber vor allem müssen wir die Wegstrecke beachten, die vor uns liegt. 12% sind grundlose Sorgen um unsere Gesundheit, die das Gegenteil bewirken. Wer sich dauernd selbst beobachtet und immerzu an drohende Krankheiten denkt, wird leichter krank. 8% unserer Sorgen sind berechtigt.

Wie schaffen wir es, eine weltweite Problematik nicht zu unserer persönlichen Krise werden zu lassen?

Gute persönliche Kontakte und Verbindungen leben, Bewahrung des Blicks auf das Gute, was es ja immer gibt(!) und auf der Suche nach Positivem bleiben. Letztendlich hilft auch nach meinem Verständnis, wieder mehr echte Demut zu entwickeln.

Der aus der PC-Welt bekannte Reset-Knopf wird in diesen Tagen immer wieder gern genannt. Er steht stellvertretend für die tatsächliche oder angebliche Chance, unseren Körper und Geist einmal runterzufahren und dann eben auch wieder hochzufahren. Funktioniert das automatisch oder braucht es auch dafür eine Anleitung? Und vor allem auch eigene Mega-Kräfte? Und gibt es dafür auch Risiken?

Reset meint nach meiner Vorstellung, Ansprüche, vermeintlichen Besitz-Stand - und damit meine ich jetzt nicht in erster Linie die materiellen Dinge – feste Positionen und eingefahrene Egoismen aufzulösen. Damit wird eine notwendige Neuausrichtung möglich. Wir Menschen sind ja in Grunde eine anpassungsfähige Spezies. Und das können wir für uns wieder nutzen, um uns von Überkommenen, Destruktiven und Eingeschliffenem zu lösen. Mega-Kräfte braucht es dazu nicht. Lediglich den festen Willen, auch Veränderungen wieder zuzulassen, Veränderung zu wollen. Die Chinesen haben für den Begriff „Krise“ ein Schriftzeichen, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil symbolisiert Gefahr bzw. Risiko, der zweite Teil Chance!

Letzte Frage: Wie halten Sie selbst Gemüt und Gesundheit in Form?

Austausch mit Menschen, die wissen, wie wichtig die Sicht auf Positives ist und nicht nur destruktive Kritik üben. Aufspüren von Möglichkeiten und Chancen sowie Gespräche, Anschauen von Filmen, Reportagen, Dokumentationen, Literatur mit konstruktivem Inhalt lesen. Diese schönen Dinge gibt es ja noch nach wie vor. Und natürlich Aufenthalt im Wald bzw. der Natur, Entspannungsübungen praktizieren, Ausgleichsbewegungen vornehmen und Unterstützen von Menschen, die Hilfe benötigen. Das kann wirklich bereichern. Und hier ein wirkvoller Tipp aus der Verhaltenstherapie, den auch ich nutze, wenn wir uns einmal in einem schwierigen Moment „festgefahren“ zu haben scheinen. Damit können wir aus Gedankenschleifen und mentalen Krisen-Momenten (Gedankenkarussell) „aussteigen“ und wieder Abstand gewinnen: Schritt 1: So wie Sie gerade sind, einen Moment innehalten. Bleiben Sie genau dort, wo sie sind und beginnen Sie zu beobachten. Schritt 2: Nehmen Sie fünf Dinge wahr, die Sie in Ihrem Blickfeld sehen können. Die Farbe der Wand, die Wolken am Himmel, eine Tasse auf dem Tisch. Jetzt hören: Hören Sie hin und konzentrieren sich nacheinander auf vier Geräusche, die Sie hören können. Nun konzentrieren Sie sich auf Ihre Körperwahrnehmung. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf drei körperliche Sensationen, die Sie spüren können. Lenken Sie Ihre Achtsamkeit jetzt auf zwei Gerüche, die Sie gerade bemerken. Und zu guter Letzt - was können Sie gerade mit Ihrem Geschmackssinn wahrnehmen? Es ist nicht nötig, diese Wahrnehmung benennen zu können, sondern einfach nur die Aufmerksamkeit darauf zu richten. Zuletzt Schritt 3: Sind Sie Ihre Hauptsinne nacheinander durchgegangen, dann registrieren Sie die nächsten fünf Atemzüge ganz bewusst und beobachten Sie die natürliche Atembewegung in Ihrem Körper. Wo genau spüren Sie diese Bewegung, wo lässt sie sich verorten? Kehren Sie anschließend wieder in Ihren Alltag zurück.

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