Interview

Wotan Wilke Möhring kritisiert Egoismus in Deutschland

Er liebt den Ruhrpott-Charme: Schauspieler Wotan Wilke Möhring (51).

Er liebt den Ruhrpott-Charme: Schauspieler Wotan Wilke Möhring (51).

Foto: Stephan Eickershoff

Herne.   Der Herner Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist gerade in „Parfum“ zu sehen. Im Interview beklagt er den Verlust des sozialen Denkens.

Der in Herne aufgewachsene Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist nun als ehrgeiziger Staatsanwalt in dem TV-Sechsteiler „Parfum“ zu sehen. Im Interview spricht er über seine neue Rolle.

Herr Möhring, die Fernsehserie „Parfum“ transformiert die Essenz des historischen Romans von Patrick Süskind in die Jetztzeit. Funktioniert die Geschichte heute noch?

Möhring: Unbedingt. Und das ist ja das Faszinierende: Wir wollen auch heute noch – vielleicht sogar noch mehr als früher – „geliked“ werden. Wir wollen etwas sein. Auf allen möglichen Plattformen. Wir wollen geliebt werden.

Die Crime-Serie erzählt diese düstere Geschichte zwar auf moderne Weise – aber ähnlich beklemmend.

Das ist in der Tat keine leichte Kost, sondern eher eine visuelle Irrfahrt, die an menschliche Abgründe führt und in tiefe psychologische Bereiche vordringt. Doch mit jeder Szene wird der Zuschauer mehr in die Geschichte hineingezogen und entdeckt neue Geheimnisse.

Auf eine moderne Art zerrissen

Obwohl die Serie Gewalt thematisiert, kommt sie fast ohne Gewaltszenen aus . . .

Genau das macht diese Serie so packend. Bilder von Gewalt werden nicht zu Ende erzählt, sondern entstehen im Kopf des Zuschauers. Die Story entwickelt sich sehr langsam und gediegen. Das facht die Fantasie natürlich umso mehr an.

Welche Rolle spielt Ihre Figur, Staatsanwalt Joachim Grünberg, in dieser Erzählung?

Grünberg ist das Bindeglied zwischen der ermittelnden Polizei und der Politik. Grünberg ist ein Antreiber, ein Karrierist, auf dem aber auch selbst ein großer Druck lastet. Er braucht eine gewisse Kälte und Härte, um dieses Abartige, dem er auf der Spur ist, zur Strecke zu bringen. Gleichzeitig schlummert auch in ihm etwas Archaisches, was sich langsam Bahn bricht. Dadurch ist er auf eine moderne Art zerrissen.

Egoismus ist heute legitim

Was beunruhigt Sie gegenwärtig ganz besonders?

Erschreckend finde ich, wie schnell sich gesellschaftspolitische Themen wiederholen, von denen man dachte, das kann nie wieder passieren bei uns – das ist doch erst 70 Jahre her. Mich beunruhigt auch, wie die Realität mit der Schnelllebigkeit des Internets mithält oder sie sogar noch überholt.

Welche „Dinge“ meinen Sie konkret?

Die Individualisierung hat in unserer Gesellschaft so stark zugenommen, dass es inzwischen ganz normal ist – früher war das verpönt –, nur an sich selbst zu denken. Egoismus ist heute leider legitim. Der ist sogar oft Voraussetzung für das eigene Vorankommen. Und das finde ich schlimm bis dramatisch. Moralisches Empfinden und soziales Denken sind weitgehend verloren gegangen. Auch in der Politik.

Ruhrpott-Mentalität

In „Parfum“ werden Gefühle mit Düften manipuliert. Denken Sie, dass das tatsächlich möglich ist?

Das machen wir doch tagtäglich: Jeder, der ein Parfum benutzt, möchte entweder eine Seite von sich hervorkehren oder nach was anderem riechen oder auf eine bestimmte Weise wirken – zum Beispiel kühl, moschushaltig oder blumig. Der Geruchssinn ist ein ganz archaischer Sinn, der ganz weit zurückgeht in die Kindheit, tief in uns liegt und teils nebulöse Erinnerungen weckt. Ein Geruch prägt auch ganz entscheidend den ersten Eindruck, den ich mir von meinem Gegenüber mache: Ob man jemand mag oder nicht, ob Beziehungen funktionieren, liegt mit am Geruch.

Die Serie wurde in NRW gedreht. Sie sind im Ruhrgebiet aufgewachsen. Ist Ihnen die Liebe zum „Pott“ geblieben, obwohl Sie heute in Köln leben?

Auf jeden Fall. Nach wie vor fühle ich mich da super wohl. Und ich finde, dass viel zu wenig aus dem Pott kommt. Dass wir eine eigene Pott-Förderung haben müssten. Außerdem mag ich diese Ruhrpott-Mentalität. Das ist ein anständiger Menschenschlag. Dort fanden übrigens auch die ersten Begegnungen mit Flüchtlingen statt – damals noch Spätaussiedler und Gastarbeiter. Im Pott hat das alles funktioniert.

Kinder sind der Mittelpunkt

Sie sind inzwischen dreifacher Familienvater. Inwieweit hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie selber Kinder haben?

Meine Kinder sind der Mittelpunkt in meinem Leben, die Zeit mit ihnen ist für mich ganz wichtig. Es ist toll zu beobachten, wie unterschiedlich jedes Kind ist, wie es sich zu seinen Geschwistern verhält. Wie Kleinigkeiten, die man als Eltern vorlebt, funktionieren – oder nicht.

Viele Eltern scheinen ihren Smartphones mehr Aufmerksamkeit zu schenken als ihrem Nachwuchs. . .

Das ist wirklich erschreckend. Ich kann nicht von meinen Kindern verlangen, dass sie ihr Handy ausschalten und halte selber so ein Ding in der Hand. Deshalb habe ich berufliche Sprechzeiten bis 14 Uhr, danach schalte ich das Handy aus und bin nur noch für meine Kinder da.

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