Samstags-Interview

„Wir sind immer noch die absolute Ausnahme in Deutschland“

Im Gesamtentwurf der offenen Psychiatrie seien geschlossene Türen eher störend, so der Ärztliche Direktor Dr. Peter W. Nyhuis.

Foto: Rainer Raffalski

Im Gesamtentwurf der offenen Psychiatrie seien geschlossene Türen eher störend, so der Ärztliche Direktor Dr. Peter W. Nyhuis. Foto: Rainer Raffalski

Herne.   Die offene Psychiatrie im St. Marien Hospital Eickel wird 40 Jahre alt. Im Interview erläutert Chefarzt Dr. Peter W. Nyhuis das Konzept.

Die offene Psychiatrie am St. Marien Hospital Eickel feiert 40-jähriges Bestehen. Dr. Peter W. Nyhuis ist dort seit zehn Jahren Chefarzt und Ärztlicher Direktor. Der 50-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit Jennifer Humpfle sprach er über die Anfänge der Klinik und darüber, warum sie so einzigartig ist.

Warum ist das Jubiläum ein besonderes?

Nyhuis: Das Besondere ist, dass es 40 Jahre offene Psychiatrie sind. Unter offener Psychiatrie verstehen wir den Verzicht auf geschlossene Stationen. Das ist immer noch die absolute Ausnahme in Deutschland, weltweit sowieso. Es gibt 420 psychiatrische Abteilungen und Fachkliniken in Deutschland, davon firmieren nur 20 als offen – in Krisensituationen oder nachts sind sie meist trotzdem geschlossen. 400 haben mindestens eine geschlossene Station. Das ist also die Standardversorgung.

Was bedeutet offene Psychiatrie?

Wir haben ausschließlich offene Stationen, obwohl wir schwerkranke Patienten behandeln – auch solche, die gegen ihren Willen bleiben müssen, weil sie schwerstkrank sind, aber gleichzeitig keine Krankheitseinsicht haben. Auch das schaffen wir auf offenen Stationen. Es geht aber nicht nur um die offene oder geschlossene Tür, vielmehr bedeutet offene Psychiatrie einen Gesamtentwurf: Nämlich ein Behandlungsmilieu zu etablieren, das eine geschlossene Tür nicht nur überflüssig macht, sondern sie sogar störend werden lässt. Das ist das Entscheidende. Ein weiterer Indikator, dass es eine gute Versorgungsform ist, zeigt sich am Beispiel von Gewaltvorkommnissen in Kliniken. Wenn Sie schauen, wie viel noch zwangsmediziert oder festgebunden werden muss, gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Kliniken. Eine Klinik dieser Größe mit 2700 vollstationären Patienten pro Jahr hat im Bundesdurchschnitt knapp dreistellige Fixierungszahlen. Wir hatten im letzten Jahr vier Fixierungen.

Warum wurde die Klinik mit diesem Konzept eröffnet?

Ausgang waren zwei Ereignisse: Die Kommunalreform, Wanne-Eickel und Herne kamen zusammen, und dieses Haus, damals ein kleines, allgemeinmedizinisches Haus, war von der Schließung bedroht. 1975 fand zudem die Psychiatrie-Enquête statt, ein großer Gesamtentwurf, wie man sich in Zukunft psychiatrische Versorgung vorstellen wollte – weg von der Anstaltspsychiatrie mit Bettensälen und jahrelangen Verweildauern hin zu wohnortnaher Versorgung. Damals haben die Politiker eine weise und weitreichende Entscheidung getroffen, das Haus nicht zu schließen, sondern es als psychiatrisches Krankenhaus genau in dieser Konzeption zu führen – weg von der vorwiegend kustodialen, also bewachenden und bewahrenden Versorgung der Anstaltskliniken. 1977 wurden die ersten Menschen mit psychischer Erkrankung behandelt. Vorher gab es in Herne keine Anlaufstelle. Die standardmäßige akutpsychiatrische Versorgung war in Lippstadt/Eickelborn.

Gab es Bedenken der Anwohner?

Mein unmittelbarer Vorgänger hat die Klinik aufgebaut. Sie können sich vorstellen, dass das nicht ganz leicht war. Noch heute haben wir eine relevante Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. Das war in den 70er-Jahren nicht besser, sondern eher noch schlechter. Die Gemeinde war sehr eng verbunden mit dieser Klinik, und dann plötzlich sollten hier psychisch kranke Menschen behandelt werden und dann noch mit offenen Türen. Das war ein Verdienst meines Vorgängers in der Zusammenarbeit mit dem Träger, der Kirchengemeinde St. Marien, das hier so zu etablieren.

Welche Patienten behandeln Sie?

Wir behandeln alle psychischen Erkrankungen des Erwachsenenalters. Etwa 80 Prozent aller Patienten teilen sich auf drei Erkrankungsgruppen auf: Die sogenannten affektiven Störungen, vorwiegend depressive Erkrankungen, Substanzabhängigkeiten, vorwiegend von Alkohol, und psychiatrische Alterserkrankungen, vorwiegend Demenz. Die milderen depressiven Erkrankungen haben deutlich zugenommen in den letzten Jahren. Tiefgreifende psychische Erkrankungen hingegen nicht. Zum Beispiel Schizophrenie hat weiterhin eine Prävalenz von 1 zu 100, mit der medizinischen Besonderheit, dass dies über alle Kulturkreise hinweg auftritt. Das gibt es sonst bei keiner anderen Erkrankung.

Wie funktioniert das im Alltag, z.B. bei Patienten mit Gewaltpotential?

Mit speziell geschultem Personal. Offene Psychiatrie bedeutet, dass man an den Schwerstkranken besonders eng dran ist. Nicht selten scheitern Aufenthalte daran, dass die Patienten für sie wichtige Kleinigkeiten erledigt haben möchten, etwa ihren Schlafanzug von zu Hause holen. Wir lösen so etwas variabel und kreativ. Je mehr die Patienten sehen, wie sehr wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen, desto besser ist die therapeutische Beziehung. Absprachefähigkeit vorleben, ist ein wichtiger Punkt. Was Sie vom Patienten einfordern, müssen Sie als erstes vorleben.

Mit welchen Vorurteilen werden die Patienten konfrontiert?

Die Menschen haben die meist unberechtigte Sorge, dass Gefahr von Patienten mit psychischer Erkrankung ausgeht. Das war damals auch die Hauptsorge der Anwohner und die, dass das Quartier durch die offene Psychiatrie geprägt wird.

Haben sich die Vorurteile geändert?

Es gibt Randbereiche wie Demenz und einige depressiven Erkrankungen, da hat die Stigmatisierung nachgelassen. Was psychotische Erkrankungen anbelangt wie Schizophrenie oder wahnhafte Störungen, nehme ich keine substantielle Änderung der Stigmatisierung wahr. Sie werden immer noch sehr schnell mit Gefährdung verbunden. Was man aber sagen muss, ist, dass die Psychiatrie selbst viel zur Stigmatisierung beigetragen hat, allein durch ihre Versorgungsstruktur. Wie weit die Angst vor Stigmatisierung gehen kann, zeigt der Fall des ehemaligen Nationaltorwarts Robert Enke. Er nahm sich an dem Tag das Leben, an dem er einen Aufnahmetermin in einer Klinik hatte. Er fürchtete die Stigmatisierung durch den Klinikaufenthalt.


Was sagen sie zu Befürchtungen, dass die offene Psychiatrie höhere Suizidraten begünstigt?
In der Fachwelt ist dies immer noch einer der am häufigsten vorgebrachten Gründe, warum man weiterhin geschlossene Stationen haben müsste. Aus meiner Sicht völlig hanebüchen, da durch die Behandlung in der offenen Psychiatrie die Suizide auf keinen Fall ansteigen. Wir haben sehr niedrige Suizidzahlen. Bundesweiter Durchschnitt in Kliniken unserer Größe sind etwa zwei Suizide pro Jahr. Wir liegen deutlich darunter.

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Die Patientenzahlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

In der offenen Psychiatrie werden jährlich 2700 Patienten vollstationär, weitere 700 in der Tagesklinik behandelt.

Hinzu kommen eine allgemeinpsychiatrische Ambulanz mit etwa 1300 Patienten sowie eine Substitutionsambulanz mit 350 Patienten pro Tag.

In der ambulanten psychiatrischen Pflege werden 280 Patienten versorgt, weitere 180 sind im ambulanten betreuten Wohnen.

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