Abschied vom Bergbau

Wie die ersten Griechen zu den Zechen im Ruhrpott kamen

Maria Laftsidis-Krüger mit ihrem Roman.

Foto: Klaus Pollkläsener

Maria Laftsidis-Krüger mit ihrem Roman. Foto: Klaus Pollkläsener

Herne.   Die Bergbaugeschichte ist auch eine Geschichte der Gastarbeiter. Maria Laftsidis-Krüger hat eine von ihnen in einem Roman nachgezeichnet.

Die Geschichte des Bergbaus - sie ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Gastarbeiter. Als der Bergbau in den frühen 60er-Jahren boomte, warben die Zechen dringend benötigte Arbeitskräfte im Ausland an. In Portugal, der Türkei, Italien - oder in Griechenland.

Einer dieser Arbeitskräfte war Jannis Laftsidis. Maria Laftsidis-Krüger hat die Geschichte ihres - inzwischen verstorbenen - Vaters in ihrem historischen halbbiografischen Roman „Vom Pontos in den Pott“ nachgezeichnet. In diesem Frühjahr hat sie ihn veröffentlicht.

Allerdings sei ihr Roman keine Gastarbeiter-Saga, erzählt die 54-Jährige. „Mein Vater war geschichtlich sehr interessiert und wollte, dass jemand die Geschichte des pontischen Volkes aufschreibt“, schildert Laftsidis-Krüger den Impuls für dieses Buch. Ihre Familie - die Endung -idis verrate es - gehöre selbst zu den pontischen Griechen. Die lebten an der türkischen Schwarzmeerküste, wurden jedoch im Osmanischen Reich verfolgt und 1923 nach Griechenland zwangsdeportiert. Für die historischen Abläufe und Details holte sich die Wanne-Eickelerin Rat und Hilfe bei einem Historiker, darüber hinaus recherchierte die Bankangestellte vor Ort in

Griechenland.

Schilderungen mit viel Lokalkolorit

Für jenen Teil der Handlung, der sich Richtung Pott bewegt, kramte Laftsidis-Krüger in ihren eigenen Erinnerungen, ließ sich aber auch viele Dinge von ihrer Mutter schildern, um Details nachzuzeichnen.

Liest man die entsprechenden Kapitel, entfaltet sich eine Familiengeschichte, die in dieser Form vielfach stattgefunden haben dürfte.

Am Anfang stand Laftsidis-Krügers Onkel Georgios. Als er 1961 nach Wanne-Eickel kam, gehörte er zur ersten Gastarbeitergeneration. Als er ankam, hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten würde, „was es bedeuten würde, in den Schlund der Erde zu fahren. Aber es war der bestbezahlte Job jener Tage“, schreibt Laftsidis-Krüger in ihrem Roman. Zum ersten Mal unter Tage, erlitt Georgios eine Panikattacke und musste sich übergeben.

Die Schilderungen enthalten viel Lokalkolorit. So ist vom Wohnheim die Rede, das am Eickeler-Bruch in der Nähe des Bahnübergangs stand, auch von ratterenden Zügen liest man. Die legendäre Pommesbude von Oma Kühn in der Märkischen Straße spielt in der Schilderung ebenso eine Rolle wie ein Lokal Tulpe in der Gartenstadt, ein Lebensmittelgeschäft auf der Kurhausstraße oder das Kino Astoria. Sonntags spazierten die Gastarbeiter im Eickeler Park.

Die Neuankömmlinge hätten sich gefühlt wie auf einem anderen Planeten. Viele Dinge kannten sie nicht - wie verschlossene Türen oder eine Toilette mit Dusche in der Wohnung.

1962 reiste Jannis Laftsidis seinem Bruder Georgios nach. Zu Hause hatte Jannis jeden Hilfsjob angenommen, um die Fahrkarte von Thessaloniki nach Dortmund bezahlen zu können. Doch für ein dreimonatiges Touristenvisum benötigte er zudem 600 Mark, die Hälfte steuerte sein Vater bei - durch den Verkauf einer Kuh. Eigentlich hätte Jannis Laftsidis nach drei Monaten wieder abreisen müssen, doch er hatte seine spätere Ehefrau Bärbel kennengelernt und blieb. 1962 erhielt er seinen ersten Job auf der Zeche Hannibal, später malochte er auf Pluto und Consol. Und er habe richtig malocht, erzählt Maria Laftsidis-Krüger. Ihr Vater, der es vom Schlepper bis zum Ausbilder und Aufsichtshauer brachte, habe mit seinen kräftigen Armen viel im Akkord gearbeitet. Zwei Finger habe er verloren, zahlreiche Schrammen davon getragen. Während sein Bruder es nicht im Ruhrgebiet aushielt und nach Mercedes in Stuttgart weiterzog, blieb Jannis im Pott und auf der Zeche, bis er 1994 in den Ruhestand ging.

Mit dem Buch hält seine Tochter die Erinnerung an ihn wach.

Brunder Jörg arbeitet noch auf Prosper Haniel

Der Bergbau spielt in der Familie immer noch eine Rolle. Maria Laftsidis-Krügers Bruder Jörg ist nach wie vor bei RAG als Reviersteiger auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop beschäftigt.


Maria Laftsidis-Krüger hat bereits mehrere Bücher verfasst, neben einer „griechischen Trilogie“ auch Kochbücher. Außerdem moderiert sie im Radio eine Sendung für Griechenland-Liebhaber. Detail-Informationen unter: www.marias-kosmos.de

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