Interview am Samstag

Vorsitzender des RV Emscher: „Rudern fördert den Teamgeist“

Dr. Hans-Joachim Siering im Interview am Vereinsheim.

Foto: Ralph Bodemer

Dr. Hans-Joachim Siering im Interview am Vereinsheim. Foto: Ralph Bodemer

Herne.   Dr. Hans-Joachim Siering nimmt Stellung zum zwölften Herner Rudertag am 9. Septemberam RHK und zum Rudern aus sportmedizinischer Sicht.

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Der Sportmediziner Dr. Hans-Joachim Siering leitet seit 17 Jahren den RV Emscher, ist eine regelrechte Institution in dem Club, in dem er seit den 60er-Jahren Mitglied ist. Seine sportliche Vergangenheit kann sich sehen lassen, der 67-Jährige war u.a. zweimal Deutscher Meister im Vierer und WM-Teilnehmer 1973 in Moskau. Auch seine Töchter Charlotte und Constanze rudern in Deutschland ganz oben mit. Wir befragten ihn anlässlich des 12. Herner Rudertages.

Herr Dr. Siering, der zwölfte Herner Rudertag soll bewirken, dass sich der Club für neue Mitglieder öffnet.

Dr. Hans-Joachim Siering: Genau, das ist eine Breitensportveranstaltung, so etwas wird auch an anderen Orten durchgeführt, auch in Castrop-Rauxel und Hamburg. Aber bei uns ist das relativ perfektioniert worden, die Teilnehmerzahlen sind bei uns deutlich höher als in manch anderen Städten. Wir stellen immer mindestens 35 Boote, ausschließlich Vierer. Wir hatten auch schon Rudertage mit über 50 Booten, das war dann aber von der organisatorischen Seite her eine ziemliche Herausforderung.

Kann man sich bei Ihnen auch als Einzelperson anmelden und dann in einem Vierer mitrudern?

Wir wenden uns an Firmen, Behörden und Schulen, also an Institutionen. Einzelpersonen kommen eigentlich nicht in Frage. Ich habe erstmalig eine Anfrage von einem Freundeskreis erhalten, aber dem werden wir wahrscheinlich absagen, da das den Kreis unzulässig erweitern würde. Wir wollen solche Effekte haben wie Teambildung innerhalb eines Betriebes, wir wollen, dass der Arbeitgeber zur Regattafete erscheint, es soll schon eine berufliche Grundlage haben. Die Mitarbeiter der Betriebe sollen in der Freizeit zusammenkommen und Spaß miteinander haben.

Wie sind Sie zum Rudersport gekommen?

Über die Schule, ich habe in Recklinghausen das Gymnasium Petrinum besucht, wir hatten einen ziemlich verrückten Sportlehrer, der hat das vermittelt. Wir haben eine Regatta-Riege gegründet, sind immer mit fünf bis zehn Leuten zum Rudern gegangen. Später bin ich dann in den Verein eingetreten, habe dann fünf, sechs Jahre für den Club gerudert, bis das Studium anfing.

Was ist das Faszinierende am Rudern?

Rudern ist der Mannschaftssport schlechthin. Der Teamgedanke ist in keinem anderen Sport so verwurzelt wie in diesem. Das Problem ist, dass jeder seine eigene Leistungsfähigkeit verbessert, sich dann aber 150-prozentig in den Dienst des Teams stellen muss. Das heißt: Sie werden keinen Namen aus dem Deutschlandachter kennen, weil das Individuum dort im Prinzip untergeht. Aber den Deutschlandachter kennt man als Mannschaft. Wenn Sie beispielsweise Werbung sehen, in der es um Teamgeist geht, dann sehen sie oft ein Ruderboot, aber in der Regel nicht den einzelnen Ruderer.

Beim Rudern spielt die Muskelkraft eine besondere Rolle. Man stellt sich den Ruderer immer ein bisschen breit gebaut vor, wobei die Beine ja auch sehr beansprucht werden. Wie trainieren Sie das im Winter, wenn Sie nicht im Team üben können? Haben Sie zu Hause eine Ruderbank?

Die individuelle Leistungsentwicklung ist maßgeblich. Die kann auch überprüft werden. Wir haben Ruderergometer, die finden sie in jedem gut eingerichteten Fitness-Studio. An den Geräten kann die Leistungsfähigkeit genau gemessen werden. An solchen Geräten gibt es mittlerweile sogar Deutsche Meisterschaften und Weltmeisterschaften.

Der ambitionierte Ruderer, sitzt der mehr an Land oder im Boot?

Er macht seine Kilometer schon hauptsächlich auf dem Wasser. Aber auf den Ergometern wird auch sehr umfangreich trainiert. Meine Töchter haben das ja gemacht, in der Spitzenklasse sitzt man anderthalb Stunden mehrmals pro Woche auf den Ergometern. Für den Laien ist das kaum vorstellbar, es ist sehr eintönig. Ich habe auch so ein Gerät zu Hause, wenn ich 20 Minuten darauf trainiere, reicht es mir. Man muss schon den Fernseher dabei anschalten, sonst wird das zu langweilig.

Eine Frage an Sie als Sportmediziner: Was zeichnet das Rudern aus sportmedizinischer Sicht aus?

Kraft und Ausdauer spielen eine große Rolle. Das Interessante ist, dass sich Kraft und Ausdauer widersprechen. Der Gewichtheber hat beispielsweise reichlich Muskeln aufgebaut, ist aber mit einem Fünf-Kilometer-Lauf deutlich überfordert. Der Marathonläufer hat eine Super-Ausdauer, wird aber wahrscheinlich mit einer 50-Kilo-Hantel schon einige Probleme haben. Der Ruderer muss beides trainieren. Im Rudertraining ist es im Winter beispielsweise üblich, eine Zehn-Kilometer-Strecke zu laufen.

Wo lauern die Gefahren im Rudersport?

Sie müssen schon ein vernünftiges begleitendes Athletik-Training machen, vernünftige Technik im Kraftsport haben, Gewichtheber-Techniken beispielsweise. Sie müssen verschiedene Muskelgruppen richtig trainieren. Wenn Sie das bewusst machen, dann besteht beispielsweise für den Rücken kaum eine Gefahr. Wenn sie breitensportlich rudern, dann reicht es allerdings aus, ausschließlich zu rudern. Dann haben Sie auch noch eine gute Gleichgewichtsübung, gerade für ältere Menschen spielt das eine besondere Rolle. Rudern ist ja eine Lifetime-Sportart, von acht bis 80 oder sogar noch länger.

Letzte Frage: Sind Sie schon einmal im wahrsten Sinne des Wortes untergegangen?

(lacht): Da sprechen Sie ein Thema an, das in Ruderer-Kreisen gerne bei einem Glas Bier angesprochen wird. Mein erstes Erlebnis dieser Art ist allerdings nicht zum Lachen gewesen. Es war im Einer im Februar, das muss Anfang 1967 gewesen sein, zwei-, dreihundert Meter von diesem Steg entfernt in Richtung Gelsenkirchen. Das war eine typische Anfängersituation, ich dachte, es geht ja schon ganz gut und bin leichtsinnig geworden. Plötzlich lag ich im eiskalten Wasser. Wenn sie außerhalb der Sommermonate in den Kanal fallen, befinden Sie sich automatisch in Lebensgefahr. Man kann sich schon nach kurzer Zeit wegen der Kälte kaum noch bewegen, und man kommt schlecht raus aus dem Kanal. Als ich wieder hochkam und wieder Luft holen konnte, habe ich um mich geschaut, bin mit meinem Boot im Schlepp zu einem Schiff geschwommen, auf den Anker geklettert und dann wieder in mein Boot gestiegen. Die Geschichten, die ums Umkippen mit dem Boot grassieren, sind teilweise lustig, aber wie man sieht nicht immer.

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