Verkehrswende

Ulrich Syberg (SPD) will keinem Herner das Auto verbieten

Umringt von Autos: Ulrich Syberg ist SPD-Ratsherr, Planungsausschussvorsitzender und Bundesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. Im Interview verrät er, wie er sich eine Verkehrswende vorstellt.

Umringt von Autos: Ulrich Syberg ist SPD-Ratsherr, Planungsausschussvorsitzender und Bundesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. Im Interview verrät er, wie er sich eine Verkehrswende vorstellt.

Foto: Klaus Pollkläsener

herne.   SPD-Ratsherr Ulrich Syberg tritt für die Verkehrswende und mehr Raum für Radfahrer und Fußgänger in Herne ein. Was das für Autofahrer bedeutet.

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Die Stadt spricht von einer Verkehrswende: Der Rat soll in der heutigen Sitzung eine Gesamtstrategie klimafreundliche Mobilität beschließen. WAZ-Redakteur Lars-Oliver Christoph sprach vorab mit Ulrich Syberg. Der 63-jährige Ratsherr ist nicht nur Vorsitzender des Planungsausschusses, sondern auch Bundesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Wollen Sie Herner Autofahrern Parkplätze wegnehmen und sie in langen Staus stehen lassen, um sie zum Umsteigen auf Rad, Bus und Bahn zu bewegen?

Ulrich Syberg: Nein, auf keinen Fall. Wir wollen mit den Bürgern in den Dialog treten. Dabei wird es natürlich auch mal um Parkplätze gehen. Wir werden das Auto aber nicht verteufeln. Ich bin selbst Besitzer eines Automobils. Wie man das Auto nutzt und ob es künftig noch so viele Autos geben wird, ist eine andere Frage.

In der Diskussion über Maßnahmen zur Klimafreundlichen Mobilität ist aber auch signalisiert worden, dass es Zumutungen geben wird. Das klingt jetzt bei Ihnen etwas sanfter.

Klar, denn ich möchte ja alle mitnehmen. Es geht zunächst mal darum, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Konkrete Maßnahmen werden wir dann in den nächsten Jahren diskutieren. Und dann müssen wir natürlich auch den Bürger mitnehmen. Wenn man sagt, wir wollen Parkplätze wegnehmen, dann muss man aber auch mal fragen: Wie viel Raum haben wir den Fußgängern in den vergangenen Jahrzehnten weggenommen und den Radfahrern nicht zugesprochen?

Ganz konkret: Warum muss Herne umsteuern und die klimafreundliche Mobilität fördern?

Wir haben eine Verantwortung für alle Menschen in der Gesellschaft. Wir dürfe nicht nur an die Autofahrer denken. Es gibt viele Menschen, die kein Auto haben. Wir müssen aber allen die Möglichkeit geben, mobil zu sein. Und wir haben eine Verantwortung für nachfolgende Generationen, für eine intakte Umwelt. Auch die Stadt Herne muss hier einen Beitrag leisten und beispielsweise CO2 sparen. Ich bin gewählt worden von Hernerinnen und Hernern und will hier persönlich Verantwortung übernehmen. Dazu gehört auch, Beschlüsse zu fassen, die möglicherweise in Zukunft kontrovers diskutiert werden. Es geht aber gar nicht darum, Menschen das Auto zu verbieten.

Sondern?

Es geht darum, nur ein oder zwei Wege von meinen fünf Wegen in der Woche anders zu gestalten. Es geht darum, Autofahrer aus dem Nahbereich rauszuholen. Es geht um die kurzen Strecken.

Statistiken besagen, dass diese kurze Strecken in Herne besonders gerne mit dem Auto zurückgelegt werden.

Ja, das ist erschreckend. Das ist aber so gewachsen. Ich habe mir mal die Verkehrsentwicklungspläne 1976 und 1996 herausgesucht. 1996 hat der Rat nach zweijähriger Diskussion keinen Beschluss mit konkreten Maßnahmen gefasst, sondern die Analyse nur zur Kenntnis genommen. Es ist versäumt worden, etwas zu regeln. Wir haben praktisch von 1976 bis heute, also 43 Jahre lang keine Regeln gehabt. Da muss man sich nicht wundern, dass der Anteil der zu Fuß zurückgelegten Wege von damals 39 Prozent auf 16 Prozent gesunken ist und die Entwicklung beim Autoanteil genau gegenläufig ist.

Werden Sie den Mut haben, Kontroversen auch schon im anstehenden Kommunalwahlkampf zu führen? Der Vorwurf der Grünen lautet ja: Sie wollen das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten und deshalb erst nach 2020 über umstrittene Maßnahmen diskutieren.

Wenn das so wäre, hätten wir das Konzept zur klimafreundlichen Mobilität erst nach der Kommunalwahl im Herbst 2020 auf die Tagesordnung gebracht. Ich freue mich darauf, dass wir jetzt in Ruhe über Maßnahmen diskutieren können. Ich werde darauf drängen, dass Gespräche mit bürgerschaftlichen Gruppen geführt werden – auf welcher Ebene auch immer. Es wäre aber kontraproduktiv, die klimafreundliche Mobilität zum harten Wahlkampfthema zu machen. Ziel muss es sein, alle ins Boot zu holen.

Hätte der Beschluss für ein Gesamtkonzept nicht schon viel eher gefasst werden müssen?

Nein. Ich bin der Meinung, man braucht zunächst mal funktionierende Strukturen in der Verwaltung, bevor man Programme aufstellt. Das ist geschehen. Man sieht beim „Elterntaxi“, wie es nicht funktioniert: Wir haben dieses Thema 2016 besprochen und Handlungsbedarf an den Schulen angemeldet. Dann ist aber erst einmal zwei Jahre nichts geschehen, weil die Zuständigkeiten in der Verwaltung nicht klar waren.

Die Grünen fordern mehr Tempo bei der Verkehrswende ein, die CDU hat sich schon mal als Autofahrerpartei bezeichnet. Wird es nicht schwierig, hier einen Konsens zu erzielen?

Das weiß ich nicht. Als SPD wollen wir auf jeden Fall nicht nur für eine Klientel in Herne zuständig sein, sondern für alle Menschen. Ich möchte gerne alle an einen Tisch holen.

Bekommen Sie denn in der SPD alle an einen Tisch? Man hat bisweilen den Eindruck, dass das nicht immer funktioniert …

So weit sind wir in der SPD gar nicht auseinander – das hat man bei einem Parteitag zum Thema Verkehrswende im Dezember gesehen. Anfang Januar sind wir mit der Ratsfraktion in Klausur gegangen. Wir haben festgestellt, dass wir nicht weit auseinander liegen. Ich habe meiner Fraktion aber auch gesagt, dass beispielsweise das Thema Flächenverbrauch für Autos noch gar nicht in den Fokus geraten ist.

Was meinen Sie damit konkret?

Ich habe ausgerechnet, dass die Zahl der Pkw in Herne zwischen 2016 und 2017 um 772 netto zugenommen hat. Diese entsprechen in der Fläche etwa 9000 Quadratmetern, also einem Fußballplatz. Wenn man dagegen sieht, wie wir um Flächen zum Beispiel für Wohnbebauung kämpfen, sieht man, welche Flächen wir dem Automobil zur Verfügung gestellt haben. Hinzu kommt: Die Autos werden immer größer. Die Stadtgesellschaft muss die Frage beantworten: Wie wollen wir künftig leben? Ich will niemandem Angst machen, sondern eine transparente Diskussionsgrundlage schaffen. Dann kann jeder für sich entscheiden: Steige ich morgens vielleicht mal nicht ins Auto, sondern nehme die 306, die U35 oder den 368er?

Haben Sie sich persönlich schon mal dabei ertappt, dass Sie ins Auto gestiegen sind und hinterher gedacht haben: Das war jetzt eigentlich nicht nötig?

Das passiert in Herne und im Ruhrgebiet immer wieder. Man steht auf einem Parkplatz und denkt: Was hast du jetzt wieder gemacht? Ich habe aber nicht immer ein Auto zur Verfügung. Ich teile mir mit meiner Frau ein Auto. Das Auto wird auch nach wie vor notwendig sein für unser Gemeinwesen. Wir müssen uns aber fragen, wie es jetzt Verkehrsminister Scheuer bei den Taxifahrern gemacht hat, wie wir uns anders organisieren.

Stadt und Politik wollen eine Verkehrswende schaffen, gleichzeitig soll aber bei der Anpassung des Nahverkehrsplans der Takt der Straßenbahnlinie 306 ausgedünnt werden. Wie passt das zusammen?

Das ist eine sehr schwierige Entscheidung. Wir müssen aber auch das Gesamtangebot im Nahverkehr im Auge haben. Und wir müssen jetzt mal einen Beschluss herbeiführen, der Planungssicherheit für die HCR und die Bogestra als Betreiber der Bahn schafft. Natürlich wollen wir alle den 7,5-Minuten-Takt, aber nicht zuletzt müssen wir in Herne auch den Haushalt im Auge haben.

Stichwort Radverkehr: Mit der Situation für Radler in Ihrer Heimat Herne können Sie als ADFC-Bundesvorsitzender eigentlich nicht zufrieden sein.

(atmet tief durch) Ich mache seit 25 Jahren in Herne Radverkehrspolitik. Der Radverkehr hat etwas zugenommen, aber nicht in dem Maße, wie ich mir das damals vorgestellt habe. Wir haben es in der Politik zumindest geschafft, mit der seit 18 Jahren bestehenden Projektgruppe Radverkehr ein Bewusstsein zu schaffen. Am Radverkehr kommt in der Verwaltung und der Politik keiner mehr vorbei. Eine signifikante Steigerung hat aber nicht stattgefunden, weil die Infrastruktur sehr stark auf den MIV, den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet ist.

Wenn ich Ihr politischer Gegner wäre, würde ich sagen: Der Syberg turnt als Radlobbyist in der Weltgeschichte herum, in Herne ist die Situation aber inakzeptabel. Was entgegnen Sie?

Es ist schlecht, dass ich das in Herne als Bundesvorsitzender des ADFC nicht besser hinbekomme. Das ärgert mich. Bei der Radverkehrspolitik ist die Ebene Bund sehr abstrakt, aber wir haben hier einiges erreicht. Auf der Landesebene haben wir als ADFC ein gutes Verhältnis zur Landespolitik. Die Musik spielt aber in der Kommune. Das ist Sisyphus-Arbeit, auch in Herne. Ich würde als Planungsausschussvorsitzender gerne die gesamte Stadt umbauen. Ich würde sofort ein Radverkehrskonzept entwickeln, das wir für Milliarden Euro umsetzen. Das geht aber nicht: Ich bräuchte dafür Mehrheiten und vor allem Geld.

Spinnen wir doch mal ein bisschen rum: Wenn Sie unbegrenzte finanzielle Mittel hätten und drei konkrete Radprojekte umsetzen könnten – welche wären das?

Ich würde riesengroße Fahrradabstellanlagen am Hauptbahnhof Wanne und am Herner Bahnhof bauen. Abstellanlagen sind der Schlüssel. Es gibt gruselige Anlagen in Herne, aber auch positive Beispiele – wie die Abstellanlage bei Lidl an der Holsterhauser Straße, die nach meinen Vorstellungen gebaut worden ist.

Das zweite Projekt?

Ich würde eine Öffentlichkeitskampagne starten und aus allen Rohren schießen. Ich würde auf Gefahren für Radfahrer hinweisen. Und ich würde fordern, dass im Stadtlogo „Mit Grün. Mit Wasser. Mittendrin.“ irgendwie noch das Fahrrad auftaucht. Und die dritte Maßnahme: Ich würde mit Kindern und älteren Menschen viele Projekte starten und zahlreiche Schulungen anbieten, um Ängste zu nehmen.

Wie viele Fahrräder besitzen Sie persönlich?

Nur zwei.

Ist ein Pedelec für Sie ein Thema?

Ja. Ich habe einmal auf so einem Ding gesessen – und war „verdorben“. Ich stehe jetzt vor der Frage, ob ich noch einmal 500 Euro in mein altes Rad investiere oder mir ein Pedelec kaufe.

Die schlimmste und schönste Straße für Radfahrer

Die schlimmste Straße für Radfahrer in Herne und Wanne-Eickel ist …

… die Hauptstraße. Der Radweg wird in Höhe Solbad sehr eng. Auf der Straße kann ich dort nicht fahren, weil mich die Autos weghupen. Das macht mir Stress.

Die schönste Straße für Radfahrer ist …

Ich bin immer noch sehr stolz auf den nördlichen Teil der Bahnhofstraße. Ich hatte dazu mal einen Bürgerantrag gestellt, der dann später umgesetzt wurde. Die durchgängige Radverkehrsanlage vom Kreisverkehr am Bahnhof bis zur Forellstraße ist schon sehr entspannt.

Richtig oder falsch: Als Radfahrer fahre ich auch schon mal bei Rot, wenn kein Auto in der Nähe ist.

Falsch!

In der Verkehrspolitik stehen mir die Grünen näher als die SPD.

Falsch. Meine Genossen stehen mir näher. Ich sehe bei der Verkehrspolitik einen spannenden Veränderungsprozess in der Fraktion und der Partei. Und ich halte nichts von einer Bevormundungspolitik.

>> Zur Person: Seiteneinsteiger, Ingenieur, Vater

Der gebürtige Castrop-Rauxeler Ulrich Syberg war bereits in Juso-Jahren SPD-Mitglied, trat dann aber aus. Seit 2001 gehört er der Partei wieder an. 2004 zog er nicht zuletzt auf Initiative des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden und späteren OB Horst Schiereck in den Rat ein.

Seit 2010 führt Ulrich Syberg ehrenamtlich den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Er arbeitet beim Kreis Recklinghausen als Ingenieur für Vermessungstechnik. Syberg lebt in Eickel, ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

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