Katastrophe

Tochter eines NSU-Opfers verliert bei Brand die Wohnung

Familie Özcan hat bei dem Brand am Montag das gesamte Hab und Gut verloren.

Familie Özcan hat bei dem Brand am Montag das gesamte Hab und Gut verloren.

Foto: Rainer Raffalski

Herne.  Bei dem Brand in einem Haus in Wanne hat auch die Tochter eines NSU-Opfers ihre Wohnung verloren. So geht es ihr und ihrer Familie.

Bei dem schweren Brand mit einem Toten in dem Mehrfamilienhaus an der Wanner Karlstraße am Montag hat auch die Familie eines mutmaßlichen NSU-Opfers ihre Wohnung verloren. Für die 37-jährige Dilek Özcan, deren Vater vor zwölf Jahren von den NSU-Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen worden sein soll, ist es „wieder einmal eine ganz große Katastrophe“.

Ganz gezielt sollen die Rechtsterroristen den damals 50-jährigen Ismail Yasar in seinem Nürnberger Dönerladen getötet haben. Dilek Özcan erfährt kurz nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes von der Tat. Lange steht die Familie des Getöteten selber im Visier der Ermittler. Seit Jahren kämpft die Hernerin vor Gericht für Gerechtigkeit.

Brand in Wanne-Eickel

Bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus in Wanne-Eickel ist am Montag ein Mensch ums Leben gekommen.
Brand in Wanne-Eickel

Der erneute Schicksalsschlag trifft die Familie schwer. Zwölf Jahre haben die Özcans in der Karlstraße gelebt. Vater, Mutter und Sohn Canel (11) im Erdgeschoss, die 15-jährige Ceren und der 16-jährige Cem teilten sich eine Wohnung im ersten Stock.

Piepende Rauchmelder rissen Vater aus dem Schlaf

Vater Tayfur redet nur ungern über das Feuer, das für die Familie einen weiteren Schicksalsschlag bedeutete. Die Bilder gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Piepende Rauchmelder reißen den Familienvater am Montag aus dem Schlaf. Der 39-Jährige rennt die Treppe hoch, holt seine beiden ältesten Kinder aus dem Haus. Er klingelt bei den Nachbarn Sturm, versucht sie zu warnen. „Ich wusste doch, dass die kleine Kinder haben.“ Sie sind nicht zuhause – zum Glück.

Bei dem allein lebenden Nachbarn im zweiten Stock tritt er schließlich die Wohnungstür ein. Eine dichte Rauchwolke kommt ihm entgegen. „Ich habe sogar noch mit ihm gesprochen“, sagt der arbeitslose 39-Jährige. „Der wollte das Feuer austreten, ich hab nur gesagt ‚komm hier raus’!“ Tayfur Özcan erreicht den Mann nicht mehr, zu dicht ist der Qualm. Der 68-jährige Nachbar schafft es nicht aus der Wohnung. Er stirbt.

Tayfur Özcan hat seit diesem Nachmittag nur wenige Stunden geschlafen. „Ich komm’ gar nicht damit klar. Auch die Kinder sind völlig fertig“, sagt der 39-Jährige. Familie Özcan ist mit dem Leben davon gekommen, doch verloren haben sie - wie die übrigen 13 Bewohner des Hauses - trotzdem alles: Wohnung, Kleidung, Erinnerungsstücke. Was nicht von Feuer, Löschwasser und Rauch vernichtet wurde, muss trotzdem im Haus bleiben. Es gilt als einsturzgefährdet. Kein Mieter darf es betreten. „Das ist eine Tragödie. Wieder einmal“, sagt Familienvater Tayfur Özcan.

Stadt bietet Unterkunft in Obdachlosenunterkunft an

Die Stadt hat Familie Özcan und anderen Nachbarn angeboten, in der Obdachlosenunterkunft an der Buschkampstraße unterzukommen. „Das sind katastrophale Zustände, da will ich nicht hin. Das ist nichts für eine Familie“, sagt Tayfur Özcan. Momentan lebt die Familie bei seiner Schwester auf 3,5 Zimmern. Die hat selber Drillinge. „Das geht so nicht lange.“

„Wir haben die Aufgabe, Obdachlosigkeit zu verhindern“, sagt Stadtsprecher Christoph Hüsken. Die Unterkunft an der Buschkampstraße sei sehr einfach, „das ist nur eine Zwischenlösung für die erste Zeit“. Möblierte Wohnungen könne die Stadt nicht anbieten. „Wir versuchen aber, über unsere Kontakte in die Wohnungswirtschaft weiterzuhelfen.“

Die Polizei hat am Donnerstag ermittelt, wie es zu dem verheerenden Feuer kommen konnte. „Wir gehen von einem technischen Defekt im Küchenbereich aus“, sagt Polizeisprecher Volker Schütte. Das Haus gilt indes weiter als einsturzgefährdet.

>> ANWALT RUFT ZU SPENDEN AUF

NSU-Opferanwalt Mehmet Daimagüler hat einen Spendenaufruf für Familie Özcan gestartet. Über www.gofundme.com/hilfe-fur-die-familie-ozcan kann Geld gespendet werden.

Tayfur Özcan freut sich über die Anteilnahme. „Vor allem brauchen wir aber eine neue Wohnung. Das ist für die Kinder und uns erst einmal das wichtigste.“ Die Familie sucht eine 4 bis 4,5-Zimmer-Wohnung in der Nähe ihres alten Zuhauses.

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