Festival

Tage Alter Musik: Göttlicher Zorn zur Festivaleröffnung

Das Ensemble Polyharmonique gab mit dem Orkiestra Historyczna in der Kreuzkirche das Eröffnungskonzert.

Das Ensemble Polyharmonique gab mit dem Orkiestra Historyczna in der Kreuzkirche das Eröffnungskonzert.

Foto: Rainer Raffalski

Herne.   Mit dem Ensemble Polyharmonique und dem Orkiestra Historyczna haben in Herne die 43. Tage Alter Musik begonnen. Ihr Thema: „Todsünden“.

Der göttliche Zorn als maßvolle Gerechtigkeit war das Thema des Eröffnungskonzerts der Tage Alter Musik am Donnerstagabend in der gut besuchten Kreuzkirche mit dem Ensemble Polyharmonique und dem Orkiestra Historyczna.

Einen musikalischer Assoziationsbogen über menschliche Verfehlungen und ihre Ahndung spannen Werke aus dem 17. Jahrhundert von italienischen und deutschen Meistern. Die Stimmung schwankt zwischen Verdammung und Vergebung, Klage, Buße und Reue.

Ankündigung eines Zornesausbruchs

Unerwartet ruhig, wenn auch voll latenter Spannung gestalten die beiden Ensembles mit kammermusikalischer Zurückhaltung und Intimität das „Dixit Dominus“ des venezianischen Komponisten Francisco Cavalli (1602-1676). Hier liegt etwas in der Luft, die engen Tonschritte der kunstvoll verflochtenen Stimmen künden mit ihren harmonischen Reibungen einen bevorstehenden Zornesausbruch an. In erregten Melodieketten fallen sich dann die Stimmen gegenseitig ins Wort, hektisch agierende Streicher in herabstürzenden Motiven lassen die Wogen hoch schlagen, bevor das Werk mit einem ausgewogenen Klangbild in ein befriedendes „Amen“ mündet.

Zwischen Spätrenaissance und Frühbarock bewegt sich die Motette „Exaudi Deus“ von Alessandro Grandi (1577-1630). In ihrem hymnenartigen Thema tritt vor allem ein schlank geführter und doch volltönender Countertenor hervor, dunkle Klänge des Cellos steuern einen klagenden Ton bei.

Spannung und Ausdruck werden intensiver

Atmosphärische Dichte bei verhaltener Ruhe entwickeln die Musiker in der Sonata für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo des deutschen Komponisten und Geigers Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704). Spannung und Ausdruck werden immer intensiver, vor allem durch die fast schmerzlich einschneidende Klarheit der elegischen Motive der hohen Streicher. Eine Prophezeiung des göttlichen Zornes, durch die Trauer über die menschlichen Sünden gebändigt und gerade durch diesen Ernst bezwingend, ist das „Dies irae“ von Giovanni Legrenzi (1626-1690) mit seinen an ein Tribunal erinnernden Dialogen.

Ausdrucksstark sind auch die erregten Diskussionen in Francesco Cavallis „Dies Irae“ und Biagio Marinis (1594-1663) Sonata Terza für Violine mit ihrer konstant durchgehaltenen Spannung, die den gebändigten göttlichen Zorn Klang werden lässt.

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Zum 43. Mal gastieren internationale Ensembles bei den Tagen Alter Musik in Herne und stellen geistliche und weltliche Werke aus Renaissance und Barock zum Thema „Todsünden“ vor. Veranstalter sind der WDR und die Stadt Herne.

Zorn, Hochmut, Wollust, Neid, Völlerei, Faulheit und Geiz werden hier musikalisch ausgestaltet. Höhepunkte sind die Konzerte „Amare e fingere“ von Alessandro Stradella, ein buntes Kaleidoskop französischer und deutscher Unterhaltungsmusik des Barock unter dem Motto „Völlerei“ sowie Antonio Vivaldis „L’ Olimpiade“ als musikalische Verkörperung der Wollust.

Karten kosten 21/11 Euro an der Abendkasse.

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