Herne historisch

Stichkanal verband Herne mit Schiffshebewerk Henrichenburg

Dieses Luftbild aus den 1930er Jahren zeigt den Stichkanal in Herne mit der Zeche Friedrich der Große.

Dieses Luftbild aus den 1930er Jahren zeigt den Stichkanal in Herne mit der Zeche Friedrich der Große.

Foto: Stadtarchiv Herne

Herne.  Herne hatte im 20. Jahrhundert zwei Wasserstraßen und wurde deshalb „Kanalstadt“ genannt. Die Geschichte des Stichkanals ist kurz, aber spannend.

Diese Aussage überrascht nun wirklich nicht: „Herne ist Kanalstadt.“ In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aber galt die Aussage in besonderem Maße: Über 20 Jahre lang gab es in Herne zwei Wasserstraßen: den Rhein-Herne-Kanal und – den Stichkana l.

Der Stichkanal oder Zweigkanal sei das Endstück des Dortmund-Ems-Kanals gewesen, erklärt Uli Folta von der Geschichtsgruppe „Die Vier!“. Der Kanal endete demnach an der heutigen Brücke A 42/Bahnhofstraße und war eine rund sieben Kilometer lange Wasserstraße zwischen Baukau und dem alten Schiffshebewerk Henrichenburg. Gebaut worden sei der Kanal von 1893 bis 1896.

Herne: Eisenbahnen waren dem Aufschwung nicht mehr gewachsen

Grund: das gewaltige Anwachsen der Kohle- und Eisenindustrie. Die Eisenbahnen seien dem Aufschwung nicht mehr gewachsen und eine Erweiterung des Schienennetzes nicht möglich gewesen. „Auf Drängen der Industrie wurde zur Bewältigung des Massengüterverkehrs der Stichkanal errichtet“, sagt Folta. Mit Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals 1914 habe Herne an zwei bedeutenden Wasserstraßen gelegen. Oder anders ausgedrückt: „Herne galt als Kanalstadt.“

Die Zeche Friedrich der Große 1/ 2 hatte am Stichkanal einen Hafen. Über die Wasserstraße sei zwischen den Schachtanlagen Friedrich der Große 1/2 in Horsthausen und 3/4 in Börnig die Kohle transportiert worden.

Am Kanalende an der Strünkeder Straße, der heutigen Bahnhofstraße, sei eine Anlegestelle eingerichtet worden: „Neben dem Kohletransport wurden auch Ausflugsdampfer eingesetzt, die sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuten.“ Habe es im Jahr 1911 noch 193 Dampferfahrten gegeben, so seien es zehn Jahre später schon 1846 gewesen. Überhaupt: Der Kanalabschnitt sei in der Bevölkerung sehr beliebt gewesen, gerade auch zum Schwimmen. Von einem „städtischen Volksbad“ sei gar die Rede gewesen.

Stadt Herne wollte Stichkanal zunächst nicht aufgeben

Allein: Der Stichkanal wurde nicht mal 50 Jahre alt. Er habe besonders stark unter Bergschäden gelitten, und seine Instandhaltung habe zu hohe Kosten verursacht. Verhandlungen über ein Aus hätten im Juli 1933 begonnen. „Die Stadt widersprach zunächst, da sie diese althergebrachte Verbindung zum Dortmund-Ems-Kanal und zum Rhein-Herne-Kanal nicht aufgeben wollte“, sagt Folta. Und: „Auch die Baukauer und Horsthauser wehrten sich gegen eine Stilllegung.“

Vergebens: Am 15. Oktober 1937 sei der Stichkanal stillgelegt und am 12. Januar 1938 das Wasser abgelassen worden. Dies habe auch die Schließung des Hafens der Zeche Friedrich der Große 1/2 zur Folge gehabt. Die Stadt habe später beschlossen, die ehemalige Wasserstraße in eine große Kleingarten- und Grünfläche zu verwandeln und deshalb den größten Teil des Kanalbettes gekauft. Der Plan habe aber nur teilweise umgesetzt werden können.

Trasse der A 42 ist heute auf dem Gelände des ehemaligen Stichkanals

Das könne man auch am Verlauf des Emscherschnellwegs sehen: Heute befinde sich auf dem Gelände des früheren Stichkanals die Trasse der A 42: „Von Herne-Baukau kommend in Fahrtrichtung Castrop-Rauxel kann man den Verlauf der ehemaligen Wasserstraße gut an der exakt geraden Linienführung der Autobahn erkennen.“

Er erinnert sich übrigens noch selbst, dass Kinder aus dem Gebiet der Nordstraße das leere Kanalbett für ihren Weg zur Schule Jürgens Hof nutzten. Und auch heute noch gibt es den Kleingartenverein „Im Stichkanal“. Foltas Eltern hätten dort einen Schrebergarten gehabt, „wo die Kinder im Sommer täglich spielten und Gartenarbeit leisteten“.

Bezirksbürgermeister erinnert sich

Auch Eickels Bezirksbürgermeister Martin Kortmann hat besondere Erinnerungen an den trockengelegten Stichkanal, sagt Uli Folta. Kortmann sei in Baukau aufgewachsen. Da seine Eltern die Schule an der Forellstraße für eine „Rabaukenschule“ gehalten hätten, sollte Kortmann die an der Ohmstraße besuchen. Um die Schulbezirke zu umgehen, sei Martin 1967 bei einem Onkel auf der Jobststraße angemeldet worden – und bis 1971 „täglich mit dem Fahrrad durch den trockengelegten Stichkanal zur Schule“ gefahren.

Der Stichkanal sei damals mit Büschen und Bäumen bewachsen gewesen, es habe Müllberge, Schuttablagerungen und Sandberge gegeben: „ein idealer Ort für Kinder zum Spielen und für so manches Abenteuer“, so Folta. „Banden“ hätten das Kanalbett zudem für Spiele genutzt. Als eher nicht so schöne Erinnerung bleibe für den heutigen Bezirksbürgermeister eine Begegnung mit der „Kanalstraßenbande“: Sie habe ihn einmal verdroschen.

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