Langzeitarbeitslose

Speeddating soll Langzeitarbeitslosen Jobchancen bieten

Norman Fretwurst hat beim Speeddating des TÜV Nord Bildung mehrere Gespräche mit Unternehmen geführt. Danach war er zuversichtlich, dass er eine Stelle antreten kann.

Norman Fretwurst hat beim Speeddating des TÜV Nord Bildung mehrere Gespräche mit Unternehmen geführt. Danach war er zuversichtlich, dass er eine Stelle antreten kann.

Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services

Herne.  Der TÜV Nord Bildung hat am Donnerstag ein Speeddating für Langzeitarbeitslose und Firmen veranstaltet. Die WAZ sprach mit einem Bewerber.

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Speeddating - das wurde einst ersonnen, um einsamen Herzen die Möglichkeit zu eröffnen, in kurzer Zeit mögliche Partner kennenzulernen. Doch längst hat dieses Format weitere Verwendungszwecke gefunden. Auch und gerade in der Arbeitswelt. Vor einigen Wochen trafen junge Menschen auf Unternehmen, um vielleicht einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Am Donnerstag lud der TÜV Nord 80 Langzeitarbeitslose ins Veranstaltungszentrum Gysenberg, um beim Wiedereinstieg in den Beruf anzuschieben.

Einer von ihnen ist Norman Fretwurst. 38 Jahre jung ist er, und wenn er so erzählt, offenbart sich schnell, dass er in mehrfacher Hinsicht schon jetzt ein bewegtes Leben gehabt hat. Dass er nicht aus Herne stammt, sondern aus Dessau in Sachsen-Anhalt, provoziert selbstverständlich die Frage, ob er vor oder nach dem Mauerfall nach Herne gekommen ist. Die Antwort ist eine dieser atemberaubenden Geschichten aus der Zeit des Mauerfalls. Denn seine Mutter sei mit ihm und seinem Bruder am 8. November 1989 Richtung Prag gefahren, um über die dortige deutsche Botschaft nach Westen zu gelangen. Dass einen Tag später die Mauer fallen würde, erleichterte die Umsetzung des Plans.

Etwa 100 Bewerbungen in zwei Jahren geschrieben

Mit einer abgeschlossenen Ausbildung zum Beton- und Stahlbetonbauer hatte Fretwurst eigentlich alle Chancen für eine stete berufliche Laufbahn. Doch sein Abschluss fiel in jene Zeit, in der reihenweise Baukonzerne in Knie gingen. Fretwurst reagierte schnell und ließ sich zum Sport- und Fitnesskaufmann umschulen. Doch 2004 sei seine Mutter pflegebedürftig geworden, er habe sich weit über zehn Jahre ausschließlich um die Pflege kümmern müssen. Seit etwa zwei Jahren hat er Hilfe - und seitdem will er wieder in Teilzeit arbeiten.

Rund 100 Bewerbungen habe er in den vergangenen zwei Jahren geschrieben, nicht einmal sei er eingeladen worden. Er vermutet, dass die Lücke in seinem Lebenslauf zu groß gewesen sei. Er betont, dass er auf jeden Fall arbeiten wolle, er sei sich für nichts zu schade. Ob Lagerhelfer, Bürokaufmann oder im Sicherheitsbereich - das sei egal. Fretwurst: „Der Mensch muss arbeiten. Wenn man nichts zu tun hat, altern Menschen schnell, werden depressiv und gehen kaputt.“ Deshalb sei er heilfroh über das Speeddating. Hier könne er direkt mit möglichen Arbeitgebern sprechen und ihnen seine persönliche Situation erläutern. Am Ende der Kennenlernrunde ist Fretwurst zuversichtlich, dass er in den kommenden Wochen wieder einen Job antreten kann.

Unternehmen reisen den TÜV-Speeddatings teilweise hinterher

Tritt Fretwurst tatsächlich eine neue Stelle an, würde er zu jenem Viertel der Teilnehmer, die es nach einem Speeddating des TÜV Nord in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Das Unternehmen veranstalte diese Art der Jobanbahnung regelmäßig, erzählt Hermann Oecking, Mitglied der Geschäftsführung von TÜV Nord Bildung. Pro Jahr nähmen rund 10.000 Langzeitarbeitslose an einem Speeddating teil. Die Nachfrage sei auf beiden Seiten vorhanden, sonst würde es nicht funktionieren. Größere Unternehmen würden den Veranstaltungen teilweise hinterher reisen, um Kandidaten zu sichten. Am Donnerstagmorgen sind in Herne unter anderem der Discounter Tedi, das Sicherheitsunternehmen Kötter oder die Bäckerei Büsch vertreten.

Auch die Motivation der Bewerber sei hoch. Es gebe keinen Zwang zur Teilnahme, „das funktioniert nur mit Leuten, die Lust auf Chancen haben“, so Oecking. Norman Fretwurst ist die Lust auf seine Chance deutlich anzumerken.

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