Blick hinter Türen

So leben die Menschen in Hernes größtem Hochhaus

Annegret und Rudi Bartsch wohnen schon seit fünf Jahren im Wohnturm. Enkelin Laura ist regelmäßig zu Besuch.

Foto: Ralph Bodemer

Annegret und Rudi Bartsch wohnen schon seit fünf Jahren im Wohnturm. Enkelin Laura ist regelmäßig zu Besuch. Foto: Ralph Bodemer

Herne.   Die Wohntürme an der Kreuzkirche in Herne-Mitte haben einen umstrittenen Ruf. Diese Geschichten haben uns die Bewohner erzählt.

Der Aufzug rattert ächzend den Wohnturm hinauf. Im Erdgeschoss rahmen ihn verwaschen-braunen 70er-Jahre-Fliesen, oben werden es Kugelschreiber-Kritzeleien auf alt-gelb gestrichenem Beton sein. 165 Wohnungen verstecken sich in Hernes größtem Hochhaus-Komplex direkt neben der Kreuzkirche.

40 Meter hoch, 19 Etagen, dutzende Menschen und -zig Kilometer Ausblick. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Geschichte. Bing! Die Aufzugstüren öffnen sich: 17. Stock.

Der Syrer allein mit seinem kaputten Fernseher

Bitte Schuhe ausziehen! Die Wohnzimmertür ziert ein Koranvers. Was der genau heißt, kann Haydar Qtrano auch mit der Übersetzungsapp im Smartphone nicht erklären. Ein Stück Heimat in der Fremde. Der
32-Jährige sitzt in 53 Quadratmetern auf einem grünen Plastikstuhl. Er wartet auf einen Anruf aus Syrien. Für die kilometerweite Aussicht übers Ruhrgebiet hat er keinen Blick. Der riesige Fernseher ist seit Wochen kaputt.

Vor zwei Jahren kam der Physiklehrer nach Deutschland, er sucht Arbeit, würde so gerne wieder unterrichten. Das habe nicht geklappt, obwohl sein Studium anerkannt sei. Für ihn heißt es: Warten. Nach seiner Flucht aus Syrien landet er in Brandenburg. „Da wurden wir schlecht behandelt, in Herne sind die Menschen freundlicher.“

Auf dem Tisch liegt eine Blockflöte. Der Syrer schiebt sie geradezu verschämt in eine Schublade. „Ich lerne gerade.“ Ab und zu trifft er sich mit der Familie im 19. Stock. Sie kommt aus dem gleichen Dorf wie er – Zufall. Sonst ist Haydar Qtrano viel allein. „Ich sage Hallo, aber ich kenne hier keinen.“

Wohnungen werden renoviert übergeben

Wie viele Menschen in den Wohntürmen leben, möchte die Eigentümergesellschaft Grand City Property nicht verraten. Auch die Stadt will sich dazu nicht äußern – Datenschutz.

Im siebten Stock steht eine Wohnung leer. Zehn sind es in den drei Wohntürmen insgesamt. 240 Euro kosten zwei Zimmer mit Bad, ohne Nebenkosten. Die weiß gestrichenen Wände strahlen. Frisch renoviert ist die Wohnung – „so werden die immer übergeben“, sagt PR-Frau Tanja Ehrlich. Nur von den Spinnweben an der Scheibe soll der Fotograf keine Bilder machen. Die Endreinigung sei noch nicht gewesen.

Das „Objekt“ ist gut vermietet mit „einer ortsüblichen, normalen Fluktuation“, heißt es. Konkrete Zahlen will der Eigentümer nicht nennen.

Auf dem Balkon gegenüber lagert ein Lidl-Einkaufswagen, der Kühlturm des Steag-Kraftwerks spuckt Rauchschwaden aus. Im Innenhof toben Kinder um die Klettergerüst-Insel inmitten von grauem Beton. Gebaut wurden die Wohntürme 1976. Seitdem haben sie häufig den Besitzer gewechselt. Dort wohnen viele Hartz-IV-Empfänger, einige sprechen kein Deutsch. Grand City Property ist seit drei Jahren Eigentümer. PR-Frau Tanja Ehrlich führt aufs Dach. Der Aufzug fährt bis zum 19. Stock.

Dort oben laufen die silber-isolierten Heizungsrohre der Wohntürme zusammen. Es ist warm. Was genau dort passiert, kann Tanja Ehrlich nicht verraten. Auch der Hausmeister der Wohntürme darf nichts sagen. Man habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht, heißt es. Der Mann schließt die Tür des Stahlkäfigs auf, über eine Treppe geht’s ganz nach oben. Dort kommt nicht jeder hin, „zu gefährlich“, heißt es. Die Antennen funken übers ganze Ruhrgebiet. Ob sie für Handyempfang sorgen, bleibt ein Geheimnis. Auch was mit dem alten Schwimmbad im Untergeschoss passiert, bleibt unklar. Das sei schon länger nicht mehr in Betrieb. Gucken verboten.

Die beliebte Kioskfrau aus der Türkei

„Scheiß Türke“, zweimal hat Nesrin Curuc das in ihrem Kiosk im Erdgeschoss der Wohntürme gehört. Die 42-Jährige erinnert sich gut dran, verliert für einen Moment ihr strahlendes Lächeln. „Ich hab’ am ganzen Körper gezittert.“ Nesrin ist in der Türkei geboren, hat zwei Töchter und einen Sohn. Hier zwischen Zigaretten, Sekt und Micky-Maus-Heften hat die gelernte Bäckerin Freundschaft mit Leni (81) geschlossen. „Hallo Schätzchen!“ Eine feste Umarmung. Leni hat heute ihre Schwester mitgebracht. „Die soll dich auch kennenlernen!“

Nesrin teilt sich die Arbeit mit ihrem Mann. Der hat früher bei Opel gearbeitet. Eigentlich wollten sie vom Kiosk leben. Jetzt muss Nesrins Mann wieder Autos schweißen. Nach der Frühschicht kommt er in den Kiosk, fällt auf dem Hinterzimmer-Sofa in den Schlaf. Nesrin macht sich Sorgen. Ihre älteste Tochter hat in der Türkei geheiratet, ist ausgewandert. Er ist Bauer, sie zuhause. „Das gefällt mir nicht. Aber das Kind ist ja erwachsen....“

Die kranken Großeltern mit der lebendigen Enkelin

Krach. Die fünfjährige Laura ist vom Sofa gefallen. Im ersten Stock tobt sie Opa Rudi (79) auf dem Schoß herum. Katze Krümel hat sich auf dem Balkon verkrochen. Wenn das Wetter gut ist, sitzen Rudi und seine Frau Annegret dort häufig. Künstliche Orchideen schmücken das Fensterbrett. Rudi sammelt Zinnsoldaten im rustikalen Eichenschrank, seine Annegret (69) Kuscheltiere auf der Sofakante. Sie ist gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen, hatte Hirnblutungen.

Überhaupt, die Gesundheit. „Ist alles nicht mehr wie früher.“ Deshalb habe das Ehepaar ihr Haus verkauft und ist in die zentral gelegene Wohnung gezogen. „Da sind die Ärzte um die Ecke“, sagt Annegret Bartsch. Seit 46 Jahren ist das Ehepaar verheiratet. „Die 50 wollen wir noch schaffen“, sagt Rudi. Demnächst ziehen die beiden um, nach gegenüber, in ihrer alten Wohnung plagt sie ein Wasserschaden – seit drei Jahren.

Das Paar wohnt gerne in den Türmen. „Es hat sich aber auch viel verändert“, sagt Annegret. „Man kennt keinen mehr.“ Die Nebenkosten seien höher geworden, sagt Rudi. Trotzdem: „Wir werden wohl hier wohnen bleiben, kommen ja doch nicht weg.“ Ihren Traum, eine große Schiffsreise, haben Rudi und Annegret längst begraben.

Wohnqualität soll besser werden

> Der neue Eigentümer der Wohntürmer möchte die Häuser „auf gesunde Beine“ stellen. „Wir wollen die Wohntürme langfristig verwalten und die Wohnqualität schrittweise verbessern“, sagt Tanja Ehrlich.

> Seit 2014 gehören die drei Häuser zu Grand City Property. „Eine positive Entwicklung des Wohnumfelds ist uns wichtig“, sagt Tanja Ehrlich. Es gebe regelmäßige Mietersprechstunden und auch einen Hausmeisterservice. „Unser Service führt zu einer hohen Mieterzufriedenheit.“

> Der Eigentümer veranstaltet Aktionen, wie etwa ein Sommerfest. Sie sollen „das Miteinander in der Nachbarschaft stärken“, heißt es.

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