Interview

Sascha Regmann sagt: Für die Meere ist es fünf nach zwölf

Ende der Idylle: So wie an diesem vermüllten Strand in Vietnam sieht es an vielen Küsten aus. 

Foto: Sandra Diersche

Ende der Idylle: So wie an diesem vermüllten Strand in Vietnam sieht es an vielen Küsten aus.  Foto: Sandra Diersche

Sascha Regmann von der Herner Meeresschutzorganisation „Project Blue Sea“ erhofft sich konkrete Maßnahmen nach der UNO-Konferenz der Meere.

Am Freitag ist die erste UNO-Konferenz der Meere in New York zu Ende gegangen. Fünf Tage lang haben Vertreter von 150 Nationen darüber beraten, wie sie die Weltmeere schützen können. Jennifer Humpfle hat für die WAZ mit Sascha Regmann, 1. Vorsitzender der Herner Meeresschutzorganisation „Project Blue Sea“, über die Konferenz, die Situation der Meere und die Arbeit der Ehrenamtlichen gesprochen.

Warum gibt es eine solche UNO-Konferenz erst jetzt?

Regmann: Das ist eine sehr gute Frage. Dass es die Konferenz gibt, finde ich sehr gut. Es ist ein Ansatz. Es ist zwar schon fünf nach zwölf, aber es ist ein Ansatz.

Wie steht es denn um die Weltmeere?

Nicht gut. Das Thema Meeresmüll ist zurzeit neben der Überfischung der Meere das Top-1-Thema. Das muss man ganz klar so sagen. Und es wird auch nicht weniger. Es gibt immer mehr Müll. Insofern ist es wirklich wichtig, dass es mit auf die Agenda der UN gekommen ist. Man sieht es täglich in den Nachrichten. Das ist wichtig, damit die Leute einfach sensibilisiert werden für das Thema Meeresmüll.

Worin besteht aus Ihrer Sicht das Hauptproblem?

Vermüllung und Überfischung. Was wir hier sehen, ist wirklich nur die Spitze des Eisberges. Man muss sich vorstellen, dass 70 Prozent des Meeresmülls schon abgesunken sind und man nie wieder drankommt. 15 Prozent ist an den Stränden zu finden. Und 15 Prozent schwimmen auf dem Meer oder den oberen Schichten. Worüber sich noch kaum jemand Gedanken gemacht hat, sind die nicht sichtbaren Stoffe wie zum Beispiel hormonwirkende Mittel von der Pille oder der Chemotherapie oder Nanoplastik, also alles klitzekleine Teile, die unweigerlich in die Nahrungskette gelangen.

Welche Regionen sind hauptsächlich betroffen?

Weltweit sind die Meere betroffen. Bei dieser UN-Versammlung hat man wieder den Zeigefinger erhoben und gesagt, dass es grade in Asien einige Länder gibt, die besonders viel Müll produzieren, die gar keine Systeme haben, um das irgendwie zu recyceln. Aber wir müssen uns nichts vormachen. Hier in Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Als Beispiel: Ein Teil der Kurtaxe, die an der Küste erhoben wird, wird dafür verwendet, jeden Tag die Strände zu reinigen. Das darf man nicht unterschätzen.

Gabuns Präsident Ali Bongo Ondimba möchte nun ein riesiges Schutzgebiet schaffen. Ist das der richtige Weg?

Definitiv ja. Man hat jetzt weniger als vier Prozent Schutzgebiete weltweit eingerichtet und selbst in den bestehenden Schutzgebieten finden zum Teil immer noch menschliche Aktivitäten statt. Wir haben am Sylter Außenriff ein Schutzgebiet, wo immer noch Fischerei stattfindet. Touristen stören die Seehunde, die Heuler werden von ihren Müttern getrennt. Die Einrichtung von Schutzgebieten ist immer gut, aber sie müssen auch wirklich frei von menschlicher Einflussnahme sein.

Was bewirken Schutzgebiete?

Wenn dort wirklich keine Fischerei betrieben wird, also auch keine illegale Fischerei – das ist global gesehen ein riesiges Problem –, dann sind Schutzgebiete dazu da, dass sich die Meeresfauna und -flora erholen kann.

Lässt sich die Einhaltung kontrollieren?

Mittlerweile gibt es viel Satellitentechnik. Ich denke, da muss noch mehr investiert werden, damit man jedes Schiff so ausstattet, dass wirklich nachvollzogen werden kann, wo es sich gerade aufhält und was es da macht.

Wie viel Fläche müsste geschützt werden?

Das ist natürlich nur Spekulation, weil es auf die Qualität der Gebiete ankommt. Man kann nicht sagen „Wir haben 60 Prozent der Meere unter Schutz gestellt“, wenn das Gebiete sind, die nicht groß von Belang sind, wie zum Beispiel manche Tiefseegebiete. Das müssten großteilig küstennahe Gebiete sein. Aber da ist es für mich schwer, eine Prozentzahl festzulegen. Selbst bei Schutzgebieten ist das Problem der Vermüllung immer noch zugegen. Müll kennt keine Grenzen.

Können die Beschlüsse der Konferenz Auswirkungen auf die Binnengewässer haben?

Wir müssen uns bewusst machen, dass 80 Prozent des Meeresmülls im Binnenland entsteht und über die Flüsse eingetragen werden. Meeresschutz hat nicht zwangsläufig was mit dem Meer zu tun. Es wird immer von einem global funktionierenden Müllmanagement gesprochen. Aber wie und vor allem wann das umsetzbar ist, das ist das große Fragezeichen. Der Kampf geht nicht ohne die Industrie.

Was sind die Aufgabengebiete von Project Blue Sea?

Meeresschutz hat zig verschiedene Facetten. Wir sind, was unsere finanziellen und personellen Möglichkeiten anbelangt, natürlich limitiert. Deshalb haben wir uns auf zwei Fachgebiete spezialisiert: Meeresmüll und die Rehabilitation von verölten Seevögeln. Wir machen viel Aufklärungsarbeit, haben drei Ausstellungen zum Thema Meeresmüll und mit „PIWI und die Plastiksuppe“ ein Bildungsprojekt, das an die Schulen geht. Wir haben jetzt die englische Übersetzung fertig und haben ein Budget, mit dem wir „PIWI international“ in Angriff nehmen können. Das ist für so einen kleinen Verein eine echt tolle Geschichte, für so viel Furore zu sorgen, dass es in den Schulunterricht aufgenommen wird.

Was finden Sie bei Ihren Reinigungsaktionen?

Wir finden hauptsächlich Alltagsgegenstände wie Feuerzeuge, Luftballons oder Zigarettenkippen. Da macht sich keiner Gedanken. Bei Zigarettenfiltern dauert es endlos lange, bis die verrotten. Was ich ganz schizophren finde, ist diese Hundekot-Geschichte an Stränden. Da macht der Hund an den Strand, dann packen die Leute das in eine Plastiktüte und vergraben diese. Wie viele Hundekotbeutel wir so finden, ist unglaublich. Wie viele unnötige Verpackungen es generell gibt: Letztens hab ich ein Foto gesehen, da waren Bananen abgeschält und in Plastik verpackt. Da schafft die Natur schon die beste Verpackung überhaupt und was macht der Mensch? Packt es in Plastik.

Was kann ich machen, um die Ozeane zu schützen?

Körperpflegeprodukte, die immer noch Mikroplastik enthalten, sollte man meiden und stattdessen Naturkosmetikprodukte verwenden. Auf Internetseiten wie Codecheck, kann man die Produkte eingeben und überprüfen. Es gibt auch eine App, wo man den Barcode direkt scannen kann. Müll sammeln oder sich jeden Tag vornehmen, fünf Müllsachen aufzuheben und wegzuschmeißen. Einfach mal selber den Hintern hochkriegen. Gutes Recycling, auf Umverpackungen verzichten. Alles ist besser als eine Einwegplastiktüte.

>> WEITERE INFORMATIONEN: Zur Person und zum Verein

Sascha Regmann ist 46 Jahre.

Der gelernte Radio-Fernsehtechniker ist als Quereinsteiger zum Umweltschutz gekommen.

„Ich habe meine Passion zum Beruf gemacht“, sagt Regmann. Unterstützt werde er vom europäischen Tier- und Naturschutz e.V.

Die Meeresschutzorganisation „Project Blue Sea“ wurde 2000 als gemeinnütziger Verein gegründet und hat aktuell ungefähr 100 Fördermitglieder und 15 aktive Helfer bundesweit.

Für Müllsammelaktionen gibt es immer ausreichend Freiwillige, so Regmann. Aber für Literatur- und Hintergrundrecherche werden immer Unterstützer gesucht. Weitere Helfer sind aber in allen Bereichen willkommen.

Weitere Informationen zum Verein und zu aktuellen Aktionen gibt es unter www.projectbluesea.de

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