Interview

Rochus Wellenbrock: Der Wechsel zu Wewole war notwendig

Im Interview mit der WAZ: Rochus Wellenbrock, Vorstandschef der Wewole-Stiftung.

Im Interview mit der WAZ: Rochus Wellenbrock, Vorstandschef der Wewole-Stiftung.

Foto: Bastian Haumann

Herne.   Wewole-Chef Rochus Wellenbrock spricht über den Anspruch an ein modernes Sozialunternehmen, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und mehr.

Als Rochus Wellenbrock vor gut drei Jahren die Geschäftsführung der damaligen Wohn- und Werkstätten Herne/Castrop-Rauxel, kurz WfB, übernahm, gehörte es zu seinem Auftrag, das Sozialunternehmen modern und zukunftsorientiert aufzustellen. Inzwischen ist aus der WfB die Wewole-Stiftung geworden und der 50-Jährige bekleidet die Stelle des Vorstandsvorsitzenden. Die WAZ sprach mit ihm über Änderungen, Entwicklungen und Perspektiven.

Warum führten Sie Ende 2016 die Wohn- und Werkstätten in der Wewole-Stiftung zusammen?

Weil der Wechsel notwendig war! Die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen wurden 1973 gegründet. Damals galt es, „Behinderte” zu umsorgen, zu behüten und in isolierten Werkstätten zu beschäftigen. Das ist Vergangenheit. Heute haben Menschen mit Behinderung einen Rechtsanspruch darauf, selbstbestimmt zu leben, zu arbeiten, zu wohnen. Das ist ein Paradigmenwechsel, den wir als modernes Sozialunternehmen nachvollziehen. Dafür haben wir mit der Wewole-Stiftung die passenden Strukturen geschaffen.

Wewole, der Name dürfte noch nicht allen Hernern geläufig sein. Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung?

Wewole steht für Werken, Wohnen, Lernen: Diese drei Begriffe sind hier gemeint und sie bringen kurz und präzise die Aufgabenfelder der Stiftung auf den Punkt. 370 Mitarbeiter betreuen rund 1200 Menschen mit Behinderung, sei es in den verschiedenen Werkstätten, die wir haben, von der Gärtnerei bis zur Metallverarbeitung, von der Floristik bis zum Küchenbetrieb, oder sei es in den verschiedenen Wohnheimen und -einrichtungen. Da es für alle Seiten auch immer darum geht, Neues zu entdecken, zu verstehen und zu begreifen, war es uns besonders wichtig, das Wort Lernen in dem Namen zu integrieren.

Integration ist ein gutes Stichwort, auch und gerade, wenn es um Wohnformen für Menschen mit Behinderungen geht. Welche Pläne hat Wewole auf diesem Gebiet?

Bevor ich auf unsere neuen Konzepte eingehe, möchte ich kurz den jetzigen Status erläutern. Wir haben in Herne und Castrop zweierlei Angebote. Da gibt es die stationären Einrichtungen, oftmals mit 24 Plätzen, in denen sich Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Therapeuten um die Menschen kümmern. Während hier eine Begleitung rund um die Uhr gegeben ist, sieht es bei der ambulanten Betreuung anders aus. Die Menschen dort bewältigen ihren Alltag weitestgehend selbstständig. Fachkräfte, wie gerade schon aufgezählt, sind vier bis sieben Stunden pro Woche bei ihnen, um beim Einkauf, Behördengängen oder Arztbesuchen behilflich zu sein. Und nun planen wir sozusagen ein „Zwischending“.

Wie soll das aussehen?

Nun, es gibt einerseits Menschen, die auch außerhalb einer stationären Einrichtung klarkommen und dabei dann etwas weniger Unterstützung erhalten. Andererseits sind Menschen mit geringer Zahl an Betreuungsstunden doch ein wenig überfordert, bräuchten also mehr Hilfe. Deshalb haben wir ein Modell entwickelt, das 15 bis 18 Stunden an Begleitung vorsieht und die ersten Erfahrungen bestätigen, dass das Konzept greift.

Was heißt das genau?

In Herne sind wir vor einigen Monaten mit einem Pilotprojekt gestartet, in der Wohngruppe leben sieben Menschen mit Behinderungen, vier davon waren vorher in Heimen untergebracht, drei waren auf sich gestellt. Die Rückmeldungen zeigen, dass alle froh sind, sich für den Wechsel entschieden zu haben.

Was schätzen Sie, wie viele solcher Wohngruppen wird Wewole in den nächsten Jahren noch schaffen?

Das lässt sich schwer vorhersagen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir in einigen Jahren eine Zahl von zehn erreicht haben.

Wie werden diese Angebote finanziert?

Der Landschaftsverband übernimmt den überwiegenden Teil der anfallenden Personalkosten oder um es genauer zu formulieren: Wir bekommen für die personellen Leistungen entsprechend Geld vom Verband.

Gibt es noch weitere neue Projekte, die Sie derzeit mit den Verantwortlichen in Münster abstimmen?

Wir sprechen derzeit mit dem Landschaftsverband über den Bau eines Hauses speziell für Menschen mit Behinderung, die an Demenz erkrankt sind. Denn die Betreuung und Pflege der Betroffenen ist insgesamt mit besonderen Erfordernissen verbunden.

Ist schon geklärt, wo dieses Haus seinen Platz haben wird?

Einen konkreten Standort haben wir noch nicht ausgeguckt, aber fest steht schon, dass wir das Haus in Castrop-Rauxel bauen wollen. Mit dem Landschaftsverband sprechen wir über die genauen Baupläne, die Einrichtung und die gesamte Umsetzung des Vorhabens.

Schauen wir nochmal nach Herne. Hier hat Wewole vor kurzem mit einem besonderen Projekt von sich Reden gemacht, als die Stiftung das öffentliche Betriebsrestaurant im Technischen Rathaus übernahm. Wie sieht denn eine erste, vorsichtige Bilanz aus?

Die Wewole-Stiftung betreibt seit kurzem auch das Restaurant im neuen Technischen Rathaus in Wanne-Süd. Im Bild: Mitarbeiterin Alexandra Rinas Foto: FUNKE Foto Services GmbH

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mit diesem Betrieb bewegen wir uns am freien Markt und erhalten keine Subventionen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass genau das passiert, was wir uns auch ein wenig erhofft hatten. Die Mitarbeiter nutzen die Angebote, aber eben nicht nur sie, sondern auch Nachbarn aus der Umgebung. Das mag vor allem daran liegen, dass in dem Quartier eher weniger gastronomische Angebote vorhanden sind.Die Wewole-Stiftung betreibt seit kurzem auch das Restaurant im neuen Technischen Rathaus in Wanne-Süd. Im Bild: Mitarbeiterin Alexandra Rinas Foto: FUNKE Foto Services GmbH

Es gab doch auch mal Überlegungen, dass Wewole Einkaufsläden in der Siedlung Constantin und in Herne-Süd betreiben will, um die Nahversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Was ist aus diesen Plänen eigentlich geworden?

Wir haben uns nach reiflicher Überlegung und vor allem nach genauer Standortüberprüfung und Wirtschaftlichkeitsberechnung von beiden Vorhaben verabschiedet. Die Zahlen besagten ganz klar, dass wir in beiden Fällen ein Verlustgeschäft gemacht hätten. Damit war die Entscheidung klar.

Aber beim Bahnhof in Castrop-Rauxel haben Sie solche Bedenken nicht?

In der Tat wollen wir im Empfangsgebäude ein Café mit Innen- und Außengastronomie sowie einen Kiosk einrichten. Dazu werden leerstehende Räumlichkeiten umgebaut und saniert. Aber hier haben die Analysen ergeben, dass sich das Vorhaben durchaus rechnen wird. Im Übrigen wird das gleiche Prinzip wie bei Schmackofatz gelten, also dem öffentlichen Betriebsrestaurant im Technischen Rathaus: Als Beschäftigte sind Menschen mit Handicap im Einsatz, begleitet von Fachpersonal.

Wewole hat angekündigt, dass Anfang Oktober eine Beratungsstelle im City-Center eingerichtet werden soll. Was versprechen Sie sich davon?

Ich habe lange nach einem Standort gesucht, damit Wewole mitten in der Stadt präsent ist. Durch Gespräche kam die Idee auf, das City-Center in Anspruch zu nehmen. Hier sollen Menschen mit und ohne Behinderung eine Anlaufstelle haben. Uns kommt es auf ein niederschwelliges Angebot an, wenn es darum geht, Hilfe zu leisten beim Knüpfen von Kontakten zu Behörden oder auch nach passenden Freizeitmöglichkeiten zu suchen. Ferner soll eine Leseecke mit Büchern ihren Platz haben, die in einfacher Sprache geschrieben sind. Ein Verlag hat sich auf solche Ausgaben spezialisiert. Ein Veranstaltungsbereich, den auch Herner Vereine und Verbände nutzen können, ist ebenso vorgesehen wie ein kleines Café. Zwei Sozialpädagoginnen, die in Kürze ihren Dienst beginnen, kümmern sich um die Beratungsstelle.

Worin liegt eigentlich für Sie persönlich das Motiv, diese Vielzahl von Projekten nach vorne zu bringen?

Die UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderung hat es nun einmal verdient, sich für sie zu engagieren und somit auch für die Menschen selbst Einsatz zu zeigen. Sie haben einfach das Recht, dass ihnen Teilhabe in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens ermöglicht wird. Aber mal von solchen Überlegungen abgesehen, in Kürze treten auch Gesetze in Kraft, beispielsweise im Bereich Wohnen, die Änderungen einfordern.

>> INFO: Zur Person

Rochus Wellenbrock (50) ist studierter Sozialpädagoge und arbeitet seit 23 Jahren für Menschen mit Behinderung.

Vor seiner Aufgabe in Herne war er als Werkstattleiter der Prospex gGmbH im Kreis Heinsberg tätig.

Rochus Wellenbrock ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

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