Führung

Rathaus Wanne: Ein Gebäude mit bewegender Geschichte

Groß war das Interesse, als die Gruppe „Die Vier“ ins Rathaus Wanne einlud.

Groß war das Interesse, als die Gruppe „Die Vier“ ins Rathaus Wanne einlud.

Foto: Bastian Haumann

Herne.  Die Gruppe „Die Vier“ hat Bürger durchs Wanner Rathaus geführt. Der Experte berichtete dabei auch von Folter im Keller und Bunkern mit Akten.

Das Ansinnen der Gruppe ist schnell erzählt: „Wir wollen die Geschichten erzählen, die sonst in Vergessenheit geraten“, sagt Horst „Graf Hotte“ Schröder, Mitglied der Gruppe „Die Vier“. Gesagt, getan: Das neue Quartett (siehe Kasten) lud zum Rundgang durch das Wanner Rathaus.

Was auf großes Interesse stößt. Bereits um 17.40 Uhr haben sich rund 30 Geschichtsinteressierte unter dem Vordach des Eingangs zum Wanner Rathaus versammelt. Als es um 18 Uhr losgeht, sind es 40 Bürger. „Wir sind heute die Vier plus 1“, sagt Jürgen Hagen und stellt den Mann vor, der an diesem Tag mit seinem Fachwissen auch in die architektonische Geschichte des Wanner Rathauses eintaucht: Thorsten Brokmann, Leiter der Unteren Denkmalbehörde.

Viele Sanierungen nach dem Krieg

Denn beim Wanner Rathaus handelt es sich tatsächlich um ein seit 1985 denkmalgeschütztes Bauwerk. Das Büro- und Verwaltungsgebäude des Amtes Wanne entstand in den Jahren 1903 und 1904 nach dem Entwurf des Wanner Amtsbaumeisters Otto Hahn, lernten die Besucher. Es folgte dem Geschmack der Zeit – Historismus, Kaiserzeit. Architektonisch korrekt nennt man diesen Baustil Neorenaissance.

Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, folgten viele Sanierungen, die zunehmend Denkmalschutz- und Brandschutzbestimmungen berücksichtigen mussten. In den späten 1970er Jahren musste das frühere Amtshaus von Friedrich Winter einem Neubau weichen, der heute das Gesundheitsamt beherbergt. All das erzählt Brokmann lebendig und frisch, im ersten Obergeschoss erkennt er die beiden schlanken Säulen als „Stuccolustro“, also ein – auch in Italien durchaus gängiges – Marmor-Imitat. Die Lichtpolitik sei im Lauf der Zeit umgestaltet worden und heute freundlicher und heller als früher. Auch der verspielten Geländeornamentik wendet er sich zu.

Aufmerksame Teilnehmer

Reden die Teilnehmer zu Beginn der rund eineinhalbstündigen Führung noch teils wild durcheinander („Hier war das Toilettenhäuschen“ – „Nein, da!“) werden sie im Verlauf der erhellenden Geschichtsstunde immer aufmerksamer. Bedrückende Stille tritt ein, als Jürgen Hagen die Geschichte vom Bergmann Johann Maddis erzählt. Er wurde zu Beginn der Nazi-Herrschaft aufgrund haltloser Vorwürfe in den Gefängniszellen des Rathauses gefoltert, berichtet er; sie befanden sich im Keller. 1936 ist er an den Folgen der Misshandlungen gefoltert. Hagen zeigt das Schriftstück.

Im zweigeschossigen Sitzungssaal erläutert Brokmann dann die Bedeutung der drei Rundbogenfenster. „Sie sollten schon von außen die Wichtigkeit des Gebäudes betonen.“ Auch die Passage mit dem lästigen Hausschwamm lässt er nicht aus; dessen Beseitigung kostete immerhin rund drei Millionen Euro.

Turm nicht zugänglich

Dann erzählt er die Geschichte des Bunkers, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs angelegt wurde; er ist noch immer zugänglich – theoretisch, aber von außen kaum zu erkennen. Mutmaßlich lagern dort noch immer Akten, vielleicht welche aus der Nazizeit. Brokmann würde es begrüßen, eine Sichtung zu prüfen. Doch das sei schwierig und aufwändig.

Vor dem Gang in den Dachstuhl, von wo aus es in den für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Turm geht, warnt Hagen: „Hier sollten Sie besser die Köpfe einziehen!“ Mondritter Graf Hotte entgegnet lässig: „Ich hab‘ einen Helm auf!“ Er trägt – wie so oft – einen Zylinder. Es war eine spannende Geschichtsstunde, mit der „Die Vier“ anscheinend einen Nerv getroffen haben. Wanne wird zwar noch lange deutschlandweit als Synonym für die Tristesse des Ruhrgebiets gelten. Aber die Leute haben ja keine Ahnung.

„Die Vier“

„Die Vier“: So nennt sich eine neue Gruppe aus – genau: vier Mitglieder, die sich alle der Stadtgeschichte verschrieben haben. Sie wollen bei bestimmten Projekten zusammenarbeiten, dabei vom Know-how der anderen profitieren. Das Ganze soll aber nicht im stillen Kämmerlein passieren, sondern sie wollen auch Bürgern etwas bieten, etwa Führungen. So wie jetzt durchs Wanner Rathaus.

Mitglieder der „Vier“ sind Jürgen Hagen, der Stadtarchivar, Horst „Hotte“ Schröder, Sänger und Mitstreiter im Verein Mondritter, Roland Schönig vom Portal Mondkanal und Gerd Biedermann, Betreiber der Facebook-Gruppe „Herne von damals bis heute“. „Wir alle haben unsere Netzwerke“, erklärt Stadtarchivar Hagen, „die wollen wir jetzt gemeinsam nutzen“. Also immer dann, wenn einer der Mitstreiter ein Projekt auf den Weg bringt, können ihm die anderen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Regelmäßige Führungen

Einmal im Quartal will das Quartett besagte Führungen anbieten. „Wir wollen zeigen, wie spannend die Geschichte unserer Stadt ist“, sagt Roland Schönig. Die Führungen seien gratis. Die Nachfrage, das zeige der Start, sei riesig. Dadurch, dass je zwei der Vier aus Herne und aus Wanne-Eickel kämen, sagt Stadtarchivar Hagen schmunzelnd, sei auch garantiert, dass dabei beide „Städte“ gleichermaßen berücksichtigt würden. Und wie historisch fundiert seien die Führungen? Sehr, betont Hagen. Alle recherchierten gründlich, nutzten viele Quellen und setzten sich akribisch mit ihnen auseinander. „Wenn ich mit anderen Leuten zusammenarbeite, dann muss ich sicher sein, dass das Ergebnis Hand und Fuß hat“, sagt er.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben