Soziales

Prepaid-Stromzähler: Vorbehalte gegen Herner Pilotprojekt

Die Stadtwerke Herne starten in Kürze ein Pilotprojekt für Prepaid-Stromzähler (hier ein Symbolbild). Das Modell zielt vor allem auf finanzschwache Kunden.

Die Stadtwerke Herne starten in Kürze ein Pilotprojekt für Prepaid-Stromzähler (hier ein Symbolbild). Das Modell zielt vor allem auf finanzschwache Kunden.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Herne.   Die Stadtwerke Herne wollen bis Jahresende Prepaid-Stromzähler für finanzschwache Kunden testen. Warum das Modell auf Kritik stößt.

Die Stadtwerke Herne, Herten und Witten starten in Kürze ein gemeinsames Pilotprojekt mit Prepaid-Stromzählern. Das Angebot richtet sich vor allem an finanzschwache Haushalte, aber auch an Unternehmen. Bei der Schuldnerberatung stößt das Modell auf Kritik.

Vor Jahren hatten die Herner Stadtwerke diese Variante, bei dem Kunden ihren Strom im Voraus bezahlen, noch abgelehnt. Warum nun der Sinneswandel? „Die Technik ist inzwischen viel weiter“, sagt Stadtwerke-Projektleiter Sven Jankowski. Die neue Generation der Prepaidzähler unterscheide sich kaum von „normalen“ Stromzählern; dadurch komme es nicht zur Stigmatisierung. Bezahlt wird der Strom per Handy (PayPal) oder durch Überweisung bei der Sparkasse. Der Einzahlungsschein muss anschließend im Kundencenter vorgelegt werden.

Das Modell habe auch finanzielle Vorteile, betont Kundencenter-Leiter Dominik Lasarz. Denn: Mit Prepaidzählern komme es nicht mehr zu Stromsperren wegen nicht bezahlter Rechnungen und den damit verbundenen (und nicht niedrigen) An- und Abschaltgebühren für die Zähler.

1822 Stromsperren im Jahr 2018

Die hohe Zahl der Stromsperren treibt die Herner Politik seit Jahren um. In 1822 Fällen haben die Stadtwerke im vergangenen Jahr bei Zahlungsrückständen von jeweils über 100 Euro den Strom abgeklemmt. In 1284 Fällen sei der Stromzähler aber wieder in Betrieb gegangen, so die Stadtwerke.

Zurück zum Pilotprojekt: Mit fünf Kunden wollen die Stadtwerke den neuen Prepaidzähler testen. Auch für einige Gewerbebetriebe könne dieses Modell attraktiv sein, so Jankowski. Zum Beispiel für einen Gastronom, der einen Biergarten betreibt und hier nur während der Saison Strom benötigt. Zum Jahresende will das städtische Energieunternehmen überprüfen, ob dieses Modell zum Regelangebot werden soll.

Aus Sicht der Schuldnerberatung besteht durchaus Handlungsbedarf. „Stromschulden sind bei uns ein großes Thema“, sagt der Rechtsanwalt Christoph Hytroski, der als Erstberater seit zwölf Jahren in Herne tätig ist. Prepaidzähler könnten zwar im Einzelfall dazu beitragen, Energiekosten besser zu kalkulieren, lösten aber nicht das grundsätzliche Problem. Die Hartz-IV-Regelsätze für Energiekosten seien viel zu niedrig angesetzt, beklagt Hytroski. So bekomme ein alleinstehender Langzeitarbeitsloser monatlich insgesamt nur 37,60 Euro für den Posten „Strom und Wohnungsinstandhaltung“. Prepaidzähler nutzten vor allem den Energieversorgern, die dadurch „sicher an ihr Geld kommen“. Bei diesem Modell entfielen zudem mehrstufige Mahnverfahren, die Kunden Fristen einräumten und ihnen Verhandlungsmöglichkeiten böten.

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