Schultour

Musikprojekt erinnert in Herner Schule an jüdische Künstler

Die Pianistin Annika Treutler, vorn, und ihr Ensemble sind in der Mont-Cenis-Gesamtschule aufgetreten.

Die Pianistin Annika Treutler, vorn, und ihr Ensemble sind in der Mont-Cenis-Gesamtschule aufgetreten.

Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services

Herne.  Das #respondinmusic-Ensemble war zu Gast in Herne. Das Projekt soll an jüdische Künstler erinnern, die im Krieg ihr Leben verloren haben.

Unzählige Stimmen wurden im Zweiten Weltkrieg gewaltsam zum Schweigen gebracht. Um sie nicht endgültig verstummen zu lassen, hat die Pianistin Annika Treutler das Projekt #respondinmusic gegründet. Es soll an die zahlreichen jüdischen Künstler und Künstlerinnen erinnern, die nicht die Möglichkeit hatten, ihr Leben und ihre künstlerische Kreativität zu entfalten. Teil des Projekts ist eine deutschlandweite Schultour, die das vierköpfige #respondinmusic-Ensemble unter anderem an die Mont-Cenis-Gesamtschule führt.

Los geht es mit einem eher ruhigeren Stück, der „Moonlight Serenade“ von Glenn Miller. Als die letzten Töne verklingen, dreht sich Annika Treutler vom Klavier zu den Schülern der Q2. „Es geht uns darum, miteinander zu reden“, sagt sie und gibt einen Überblick über ihren Lebenslauf.

Nach Auschwitz transportiert und vergast

„Ich spiele Cello seit ich 4 Jahre alt bin“, verrät Alexey Stadler, der gebürtig aus St. Petersburg in Russland kommt, den Schülern. Pablo Barragán spielt Klarinette, er stammt aus Südspanien. Sopranistin Sarah Aristidou ist in Zypern und Frankreich aufgewachsen.

Es ist kein gewöhnliches Konzert, das die Schüler erleben. Zu jedem Stück erklären die Musiker Hintergründe und fragen die Schüler, was sie beim Hören empfinden, welche Bilder sie sehen, was die Musik mit ihnen macht. „Das nächste Stück wurde von Viktor Ullmann 1939 geschrieben“, erklärt Annika Treutler. „Er wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 nach Auschwitz transportiert und dort vergast.“ Das Stück sei einer Pianistin gewidmet, die große Aussichten für die Zukunft hatte, da sie sehr talentiert war. „Sie hat zur falschen Zeit gelebt. Auch sie wurde in Auschwitz vergast.“

Mal leise, mal laut und bedrohlich, mal fröhlich, mal beklemmend sind die Lieder. Sie erzählen von Trennung und der Hoffnung, sich wiederzusehen, vom „Ende der Zeit“ und von „Youkali“, der Insel auf der alle Wünsche erfüllt werden, die Menschen in Frieden miteinander leben, die aber nur ein Traum ist. Die Schüler erfahren nicht nur etwas über das Leben der Komponisten, sondern auch über das der Musiker.

Unmittelbarer Kontakt zum Publikum

Sarah Aristidou berichtet, wie es für sie war, in Zypern groß zu werden. „Als Kind war es schwer zu ertragen, dass es so viel Hass nach dem Krieg gibt. Eigentlich wünscht sich doch jeder Frieden“, sagt sie und berichtet von der Reaktion eines Schülers aus der vorherigen Gruppe: „Als ich sagte, dass Hass keine Lösung sein kann, sagte er ‘Doch!’, nichts weiter. Das hat mich sehr berührt, weil ich die Verzweiflung gespürt habe.“

Solch einen unmittelbaren Kontakt zum Publikum haben die Musiker normalerweise nicht. „Für uns ist es wichtig, eure Erfahrungen zu hören. Ihr glaubt gar nicht, welche Energie von euch ausgeht.“ Auf die Frage, ob ihre Herkunft eine Rolle spiele, meldet sich ein Schüler: „Ich bin Kurde aus Syrien, dort ist Krieg, ein Teil meiner Familie ist da. Wenn es Anschläge gibt, betrifft uns das sehr“, berichtet er. Im Alltag allerdings mache seine Herkunft nicht viel aus: „Es macht uns doch aus, dass wir multikulturell sind.“

Acht Stücke spielen die vier Musiker

Durch Musik konnte sie die Kultur ihrer Eltern kennenlernen, sagt eine Schülerin, die marokkanische Wurzeln hat. „Musik kann Grenzen überwinden“, sagt Annika Treutel. „Kann sie auch Halt geben oder die Stimmung beeinflussen?“ Ja, das kann sie, sind sich die Schüler einig. „Ruhigere Musik hilft mir, mich abzureagieren“, sagt einer. Musik sei ein Dialog mit sich selbst, sagt Pablo Barragán. „Jedes Stück hat einen bestimmten Kontext. Wir können darin spüren, was in den Menschen vorgeht.“

Die eineinhalb Stunden sind nicht nur für die Musiker emotional. Auch die Schüler und ihre Lehrerinnen Lena Falke und Celine Spieker, die das Ganze organisiert haben, sind ergriffen. Acht Stücke spielen die vier Musiker insgesamt, halten immer wieder Zwiesprache mit den Schülern. „Es ist ein wichtiges Thema“, sagt ein Schüler am Ende. „Musikalisch bleibt es viel tiefer drin, man beschäftigt sich anders damit.“ Ein anderer pflichtet ihm bei: „Ihm Unterricht erarbeitet man Texte. Hier wird es viel persönlicher. Die Musik hilft uns, uns besser mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

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