Theater Kohlenpott

Menschliches Leid als tierisches Freizeitvergnügen

Frau Gott schaut zu, wie Helges Eltern Helga und Helmut ihr Leben vergeuden und ihren Sohn vernachlässigen. Foto: Heide Prange

Frau Gott schaut zu, wie Helges Eltern Helga und Helmut ihr Leben vergeuden und ihren Sohn vernachlässigen. Foto: Heide Prange

Herne.   Unter der Regie von Marie Köhler zeigte das freie Ensemble des Theater Kohlenpott in den Flottmann-Hallen „Helges Leben“. Ein verstörend berührender Abend.

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Gott und Tod präsentieren den geneigten Zuschauern – als da wären: Reh, Tapir, Schnapphamster und seine Mieze: Helges Leben. Die Tiere haben die Weltherrschaft übernommen und Menschen gibt es nur noch als Freizeitvergnügen. Am Wochenende in den Flottmann-Hallen, inszeniert von 13 jungen Darstellern des freien Ensemble Theater Kohlenpott unter der Regie von Marie Köhler.

Nach einem „feinen Verkehr“, kommt Helge auf die Welt. Seine Eltern, die aufgedrehte Helga und der ruhige Helmut können so recht nichts mit ihm anfangen. „Vielleicht später“, denkt Helmut, und Helga ist sowieso mit hochfrequentem Telefonieren und „Lifestyle“ beschäftigt.

Aber ganz auf sich allein gestellt ist Helge nicht: Immerhin hat er die Angst, die jeden seiner Schritte überwacht und ihn im wahrsten Sinne des Wortes daran hindert, den Kopf aus der Kloschüssel zu ziehen. Mit verstörend ausdrucksloser Miene und vom Toilettenwasser nassen Haaren erleidet Helge bis zum Totenbett einen Schicksalsschlag nach dem anderen.

Reh und Tapir kuscheln sich derweil für die Show in ihr gemütliches Wohnzimmer mit gehäkeltem Lampenschirm. „Ach, bring mir doch noch eine Möhre mit“, bittet Tapir sein zuckersüßes Reh, nachdem er 3000 Liter Ambrosia für die Show bei Gott gelassen hat. Das Reh, mit rosa Strumpfhose, Plüschrock, Krönchen und Ohrhängern, die stark an ein Klein-Mädchen-Prinzessinnen-Set erinnern, bügelt zwischendurch oder will lieber tanzen, als Helge bei seinem trostlosen Dasein zuzusehen. Hin und wieder stellt sich das Pärchen an den kleinen Zaun, der das Wohnzimmer von Helges Welt trennt. „Du musst mutiger werden!“, quietscht das Reh. „Geh doch mal angeln“, empfiehlt Tapir. Statt dessen bringt Helge aus lauter Verzweiflung nach seinem Vater auch noch zwei Mädchen um.

Das ganze Geschehen bewacht Frau Gott im rückenfreien Abendkleid, Highheels und laszivem Lächeln. Die Tiere spulen vor, machen überdrehte, knallig-bunte Werbeunterbrechungen oder Frau Tod singt eingängige Schlager.

Das Ensemble setzt das Stück von Sybille Berg stimmig um. Es zeichnet sowohl den schamlosen Voyeurismus der Tiere als auch Helges dumpfen Leidensweg scharf nach. Henrike Pinkal

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