Jubilare

Kriege prägten das lange Leben von Anni Kalus

Anni Kalus feiert am 12. Oktober ihren 101. Geburtstag.

Foto: Rainer Raffalski

Anni Kalus feiert am 12. Oktober ihren 101. Geburtstag. Foto: Rainer Raffalski

Herne.   Anni Kalus wird heute 101 Jahre alt. Im Zweiten Weltkrieg verlor sie acht Brüder und ihren Freund. Die Jubilarin wohnt im Seniorenzentrum.

Wunderschön sei ihre Jugend gewesen, und die Stadt, in der sie aufwuchs, Ratibor in Oberschlesien. Das allerschönste in ihrem Leben, daran erinnert sich Anni Kalus immer noch mit Verzückung, war, wenn sie nach der Arbeit mit ihrer Freundin zum Tanzen in ein Lokal ging.

Was ansonsten in den 101 Lebensjahren der Jubilarin passierte, könnte bei anderen Menschen, die das gleiche Schicksal trifft, tiefe Depressionen auslösen. Anni Kalus, sie lebt heute im Grete-Fährmann-Seniorenzentrum in Eickel, hat aber immer noch ihre unerschütterliche Fröhlichkeit beibehalten. Und trotz ihres hohen Alters und ihrer körperlichen Gebrechen ist das Geburtstagskind bei – wie man so schön sagt – voller geistiger Gesundheit.

Immer viel gearbeitet

Kriege bestimmten das Leben von Anni Kalus besonders dramatisch. Es war der Erste Weltkrieg, in dem sie geboren wurde und in dem ihr Vater einen Steckschuss im Nacken erhielt. Er erholte sich nie wieder davon und verstarb frühzeitig. „Auch meine Mutter hat nicht lange gelebt“, erzählt Anni Kalus. Sie ist mit ihrem Rollator zu einer gemütlichen Ecke des Seniorenzentrums gefahren und berichtet aus ihrem Leben. Ein hartes Leben. Der Zweite Weltkrieg nahm ihr acht ihrer Brüder, nur der Jüngste ist ihr geblieben und ihre beiden Schwestern, die mittlerweile aber auch verstorben sind.

Für sie gab es immer viel zu tun. Aber sie hat niemals gejammert, hat genauso gerne gearbeitet wie sie tanzte. „Ich musste alle Hemden meiner Brüder waschen und bügeln. Bis ich gesagt habe, zieht was anderes an, das ist mir zu anstrengend.“ Fortan trugen sie ihre Hemden nur noch sonntags, wenn’s zur Kirche ging. Da musste alles picobello sein. „In der Kirche haben die Leute nachgezählt, ob wir auch wirklich alle gekommen sind.“ Ach, der Krieg, immer wieder der Krieg. Auch den Freund hat er ihr genommen, er kam nicht mehr zurück. „Danach wollte ich keinen neuen mehr haben, ich bin mein ganzes Leben lang alleine geblieben.“

Durchgeschlagen hat sie sich in verschiedenen Herner Krankenhäusern, als Mädchen für alles. „Ich haber immer gearbeitet, auch zu Hause habe ich stets zugesehen, dass ich etwas zu tun hatte.“ Und wenn es nichts gab, dann schnappte sie sich eine Rolle, ein Gummiseil und eine Matte und machte gymnastische Übungen. „Das hat mich körperlich fit gehalten“, sagt sie. Sonst noch ein Tipp, wie man steinalt wird: „Ich esse bei der Schweinshaxe am liebsten den Fettrand“, rät sie zu einem eher ungewöhnlichen Jungbrunnen.

Das Essen passt ihr nicht

Das Seniorenzentrum sei zwar nett, trotzdem gefällt ihr das Leben im Altenheim nicht. „Ich kann hier nicht selber kochen, das Essen hier ist nicht fettig genug, das macht meine Verdauung nicht mit.“ Die Schwester müsse ihr deshalb regelmäßig ein Pülverchen geben.

In welchem Umfang sie ihren Geburtstag feiert? Ihr einzig übrig gebliebener Bruder ist schlecht zu Fuß, ihr Betreuer kommt, das weiß sie. „Letztes Jahr, als ich hundert wurde, da war hier die Bude voll. Sogar der Bürgermeister ist gekommen. Der hat mir aber leider nur Blumen mitgebracht, die gehen doch ganz schnell kaputt.“

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