Interview

Kfz-Handwerk: „Händler werden von Herstellern geknebelt“

Peter Seck (l.) und Bernhard Kampe vor der Geschäftsstelle der Innung des Kraftfahrzeug-Handwerks

Foto: Sabrina Didschuneit

Peter Seck (l.) und Bernhard Kampe vor der Geschäftsstelle der Innung des Kraftfahrzeug-Handwerks Foto: Sabrina Didschuneit

Herne.   Verkaufszahlen, Dieselskandal und E-Mobilität: Ein Gespräch mit Obermeister Bernhard Kampe und Peter Seck, Geschäftsführer der Kfz-Innung Herne.

Gehört die Zukunft auf der Straße dem Elektroauto? Wie lange läuft der Diesel noch nach dem Skandal um Abgasmanipulationen? Das sind die Fragen, die die Autofahrer derzeit bewegen. Wir wollten wissen, wie sich die aktuellen Entwicklungen auf das Kfz-Handwerk auswirken und trafen uns mit Obermeister Bernhard Kampe und Peter Seck, Geschäftsführer der Kfz-Innung Herne.

Die deutsche Automobilindustrie vermeldet trotz des sogenannten Dieselskandals einen Verkaufsrekord. Wie wirkt sich das auf das Kfz-Gewerbe in Herne und Castrop-Rauxel aus?

Bernhard Kampe: Beim Autoverkauf schwimmen wir mit. Der reine Autoverkauf lohnt sich aber kaum noch. Wir bekommen von den Herstellern so viele Vorschriften für Umbaumaßnahmen unserer Verkaufsflächen, dass wir keine großen Geschäfte machen. Unser Hauptaugenmerk lag immer auf der Reparatur, damit verdient man Geld. Der Verkauf von Autos verlief ganz gut, aber er ist nur ein Zubrot. Die Umsätze sind deutschlandweit zwar gestiegen, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass ein Großteil der produzierten Autos immer noch bei den Händlern steht, und zwar als Tageszulassung. Und das sind einige hunderttausend. Das ist nur ein Trick, um am Jahresabschluss noch die Provision zu kassieren. Die Händler befinden sich in einer unheimlichen Abhängigkeit vom Hersteller. Die müssen eine gewisse Zahl von Autos abnehmen, nach dem Motto: Friss oder stirb!

Haben die Händler nicht auch beim Dieselskandal den Schwarzen Peter in der Hand, weil sie die Autos, wenn sie sie beispielsweise nach drei Jahren Leasing wieder zurücknehmen müssen, unter dem ursprünglich taxierten Wert los werden müssen?

Kampe: Auch da werden die Händler von den Herstellern geknebelt. Beide müssen sich am Ende irgendwie einigen. Der Marktpreis ist im Keller, vor allem bei Euro-5-Autos. Da muss generell eine staatliche Regelung her, das geht so nicht.

Peter Seck: Leute, die sich damals ein Euro-5-Auto gekauft haben, weil es das modernste auf dem Markt war, sind jetzt die Dummen. Es wird noch keine Nachrüstmöglichkeit angeboten. Es muss eine einheitliche Regelung kommen und nicht, dass jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht.

Bei den diskutierten Fahrverboten sollen ja Euro-6-Autos ausgenommen werden, was passiert mit den Euro-5-Fahrzeugen?

Seck: Die sind auf jeden Fall auf einen Schlag 3000 Euro weniger wert, weil die Leute befürchten, sie können damit nicht mehr in die Innenstädte fahren. Die Käufer sind total verunsichert, viele wollen zurzeit keinen Diesel mehr kaufen. Sie fragen, was soll ich jetzt machen?

Fahren die Leute also ihren alten Wagen zuerst einmal weiter und warten ab, wie die gesetzlichen Regelungen sich entwickeln?

Kampe: Die Preise sind im Keller, egal was sie jetzt machen, sie können nur verlieren. Da helfen auch keine Abwrackprämien oder spezielle Rabatte. Die Verunsicherung bleibt.

Angeblich sind die Autos der Zukunft ja sowieso keine Diesel-, sondern Elektrofahrzeuge. Wie wirkt sich das Thema E-Mobilität auf die Betriebe in Ihrem Innungsbereich aus?

Seck: Das ist ein großes Thema, das uns schon seit Jahren betrifft. Wir werden schon seit Langem auf Elektro-Autos geschult. Ein Beispiel: Wir dürfen bei einem Toyota Prius, einem Hybrid-Fahrzeug also, nicht einmal einen Radwechsel machen, wenn wir keine Elektro-Schulung dafür nachweisen können.

Die Kfz-Betriebe sind also fit beim Thema Elektro-Mobilität?

Seck: Weil es ja noch nicht so viele Elektro-Autos gibt, haben wir auch Stützpunkte, wo die Kunden ihre Fahrzeuge warten lassen können.

Wie wird denn die Zukunft im Automobilbereich aussehen?

Kampe: Wir werden weiterhin Diesel-, Benzin-, Hybrid- und zusätzlich Elektrofahrzeuge haben. Das wird sich nur allmählich verändern, in den nächsten zehn bis 15 Jahren. Letztendlich werden die Autos verkauft, mit denen man Geld verdient. Das müssen nicht unbedingt E-Autos sein.

Seck: Wir werden es in 50 Jahren nicht geschafft haben, alle Diesel oder Benziner durch Elektroautos zu ersetzen. Diesel ist ja nach wie vor nicht schlecht, die Effizienz ist super, der Verbrauch heutzutage äußerst gering.

Kampe: Die 50 größten Schiffe produzieren mehr Dreck als alle Autos dieser Welt zusammen, das muss man auch mal sehen.

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