Interview

Katrin Linthorst: „Müssen Einschränkungen jetzt durchhalten“

Im Gespräch mit der WAZ: Katrin Linthorst, Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsmanagement der Stadt Herne

Im Gespräch mit der WAZ: Katrin Linthorst, Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsmanagement der Stadt Herne

Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services

Herne.  Über 232 Menschen sind in Herne aktuell an Corona erkrankt. Wie das Gesundheitsamt damit zurecht kommt, erklärt dessen Leiterin Katrin Linthorst.

Die Zahl der Neuinfizierten bleibt in Herne hoch. Mit Dr. Katrin Linthorst, der Leiterin des städtischen Fachbereichs Gesundheitsmanagement, sprach WAZ-Redakteurin Ute Eickenbusch über Kontakte, Quarantäne und Hotspots.

Der Inzidenz-Grenzwert von 50 Fällen pro 100.000 in der Woche ist eingeführt worden, damit die Gesundheitsämter die Infektionen noch nachverfolgen können. Jetzt haben wir fast doppelt so viele Fälle. Wie geht das?

Wir haben in kritischeren Phasen personelle und auch technische Ressourcen zusätzlich zur Verfügung gestellt bekommen. Wir hatten Studierende da, Kollegen und Kolleginnen vom Medizinischen Dienst, aber wir haben auch interne Kollegen und Kolleginnen geschult, damit wir bei Fallzahlen von über 35 oder über 50 noch handlungsfähig sind. Jetzt legen wir den Schwerpunkt auf die Kontaktpersonennachverfolgung. Die ruhigeren Phasen haben wir genutzt, um unsere Prozesse zu hinterfragen und zu gucken, was wir abgeben können. Verwaltende Tätigkeiten lassen sich auch gut auf mehrere Schultern verteilen.

Wie viele zusätzliche Mitarbeiter haben Sie im Moment und woher kommen sie?

Wir haben aktuell alleine 45 zusätzliche Personen. In den letzten Tagen haben wir weiteres Personal in der Stadtverwaltung geschult, so dass die Kontaktpersonennachverfolgung weiterhin sichergestellt werden kann. Gleichwohl merken wir, dass es schwieriger wird, Personen für medizinische Aufgaben zu gewinnen. Das thematisieren wir aber regelmäßig im Krisenstab und ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird auch hierfür zusätzliches geschultes Personal zu erhalten. Mit dem Kooperationspartner DRK konnten wir unser Abstrichzentrum in einer ehemaligen Schule sehr gut ausbauen. Zeitweise haben wir nur zwei Tage die Woche Kontaktpersonen getestet. Mittlerweile streichen wir bei durchgetakteter Terminierung fünf bis sechs Tage die Woche ganztägig ab, inklusive eines mobilen Teams.

Mal angenommen, ich wäre positiv getestet worden. Wie kämen Sie mit mir in Kontakt?

Wenn Sie beim Hausarzt aufgrund von Symptomen abgestrichen wurden, wird er Sie informieren, dass Sie sich absondern und ihre Krankheit auskurieren sollen. Dann warten Sie auf das Abstrichergebnis. Wir bekommen von allen Hernern die positiven Befunde. Dann rufen wir Sie an, und werden sehr intensiv mit Ihnen sprechen, fragen wie es Ihnen geht. Dann bekommen sie die eine oder andere Hausaufgabe.

Und zwar welche?

Fragen wie „Wann haben die Symptome angefangen?“, „Mit wem hatten Sie Kontakt?“, „Wie sah der Kontakt aus?“. Für uns sind die 48 Stunden vor Symptombeginn relevant.

Es werden Namen genannt?

Ohne das geht es nicht. Sie sind auch dazu verpflichtet, uns Ihre Kontakte zur Verfügung zu stellen. Dann werden wir alle Kontakte abtelefonieren und sie einstufen. Wichtig ist immer: Wie lange? Wie intensiv? Saßen Sie in einem Raum? Wie wurde der Raum belüftet? Von uns gibt es dann die Hinweise zum richtigen Verhalten in der Quarantäne und natürlich auch die aufrichtigen Wünsche, gesund zu bleiben bzw. schnell wieder gesund zu werden. Benötigen Sie ärztlichen Beistand, sollten Sie den Arzt informieren - oder, wenn Sie den Notruf anrufen, die Leitstelle - dass Sie positiv getestet oder eine Kontaktperson sind, damit Schutzvorrichtungen getroffen werden.

Hat eine betroffene Person immer den gleich Ansprechpartner im Gesundheitsamt?

Das ist unser Ziel, weil es den Menschen hilft, immer mit derselben Person zu sprechen. Wir betreuen die Fälle gut, aber Sie werden von uns nicht regelmäßig kontaktiert. Wir rufen Sie an bestimmten Tagen noch mal an, auch Ihre Quarantäne wird mit unserer Ärztin oder unserem Arzt festgelegt. Dann bekommen Sie von uns eine Ordnungsverfügung, in der steht, dass Sie in Quarantäne sind, und eine Telefonnummer, unter der Sie uns erreichen. Auch die Kontaktpersonen erhalten eine Ordnungsverfügung. Da ist der telefonische Austausch noch mal wichtig.

Warum?

Die Personen sind unterschiedlich im Bilde und reagieren unterschiedlich sensibel. Da können dann noch mal organisatorische Fragen gestellt werden, angefangen damit, wie der Haushalt zu organisieren ist.

Ich könnte mir vorstellen, dass ich erstmal einen Schreck kriege, wenn das Gesundheitsamt anruft.

Wenn Sie positiv getestet sind, dann rechnen Sie ja mit einem Ergebnis. Bei den Kontaktpersonen haben wir unterschiedliche Erfahrungen. Es kann sein, dass der Betroffene schon etwas hat läuten hören, die meisten erwarten unseren Anruf. Für uns ist es wichtig, viele Informationen zu bekommen. Deshalb appellieren wir an die Menschen, sich zu erinnern: Wie waren die Kontakte? Keiner möchte 14 Tage in Quarantäne. Wir machen das nur dann, wenn es notwendig ist. Das ist eine sehr einschränkende Maßnahme, deswegen sind die Kollegen dabei sehr gewissenhaft in der Abwägung.

Über 200 Menschen sind momentan erkrankt, wie viele sind darüber hinaus noch in Quarantäne?

Wir haben knapp über 1000 Menschen in Quarantäne. Die Dauer ist vom Einzelfall abhängig. Wir gehen von 14 Tagen ab dem letzten Kontakt mit einem Infizierten aus, aber es können dann auch zehn oder sieben Tage sein. Bei den Infizierten kommt es stark auf den Krankheitsverlauf an. Wir setzen nicht fahrlässig jemanden in Quarantäne, genauso wenig wie wir fahrlässig darauf verzichten. Da bitte ich, das Vertrauen in die Kollegen zu setzen, dass sie das mit guter Fachlichkeit und sehr viel Gewissen bewerten. Daher auch der Appell, wirklich ehrlich zu sein. Wir wollen die Menschen nicht aus dem Verkehr ziehen, sondern Infektionsketten unterbrechen. Gerade bei Jüngeren, die nur leichte oder keine Symptome haben, geht es darum, dass sie unsere Empfehlungen ernst nehmen. Wichtig ist es, zu prüfen, wie war der Kontakt, und sich dann an die Absprachen zu halten, damit man beispielsweise nicht seine Großeltern oder die ältere Nachbarin in Gefahr bringt.

Wo bin ich denn als Hernerin am meisten gefährdet?

Sie hätten gerne einen Hotspot, den haben wir aber nicht. Wir haben Orte von Schule bis zu Einrichtungen, die gut verteilt sind, wir können das keinem Hotspot zuordnen. Die Situation wie bei Tönnies in Gütersloh haben wir in Herne im Moment nicht. Auch unsere Kliniken sind keine Hotspots.

Aber Sie halten doch fest, ob sich jemand im Supermarkt oder im Schwimmbad angesteckt hat?

Das wären nach allen Erfahrungen eher ungewöhnliche Orte für eine Infektion. Im Moment haben wir vor allem die familiären Bezüge, überall wo sich Menschen nahe kommen.

Wer kann sich denn zurzeit wo testen lassen?

Wenn Sie einen unmittelbaren Kontakt oder Symptome haben, werden Sie definitiv abgestrichen. Darüber hinaus, wenn Sie in ein Krankenhaus oder ein Pflegeheim aufgenommen werden müssen. Natürlich sind auch Abstriche möglich, wenn Sie reisewillig sind, dann aber bei den niedergelassenen Ärzten. Die Abstriche aus unserem Abstrichzentrum haben den Fokus auf Kontaktpersonen zur Unterbrechung von Kontaktketten. Es sind immer ärztliche Entscheidungen, die da zugrunde gelegt werden. Das andere ist die Testung von Personal in Kita und Schule, das machen die Hausärzte. Mein Appell ist, prinzipiell die Sinnhaftigkeit zu prüfen: Warum lasse ich mich testen?

Es gab am Wochenende Beschwerden, dass man sich nicht testen lassen konnte. Ist das schwierig?

Nach dem Landeserlass vom Freitag, den Reisewilligen Tests zu ermöglichen, haben die niedergelassenen Ärzte schnell reagiert. Am Samstag war eine Infektpraxis geöffnet, und die Kassenärztliche Vereinigung hat eine Liste von niedergelassenen Ärzten veröffentlicht, die testen, samstags wie in der Woche.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Herne seit Tagen diesen Spitzenwert in NRW hat?

Nein. Es war ja prognostiziert, dass Herbst und Winter wieder für mehr Fälle sorgen. Warum sollte es uns anders gehen als den anderen? Wichtig ist es, die einschränkenden Maßnahmen durchzuhalten und mit den Lockerungen verantwortungsbewusst umzugehen. Das Bedürfnis zu sagen, „Wann ist denn mal Schluss?“, kann ich gut nachvollziehen. Aber ich habe leider auch keine Glaskugel.

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