Stadtgeschichte

Ingeborg Müller-Schuitz beleuchtet Herner Bäckerei-Historie

Walter Müller und seine Frau Ingeborg Müller-Schuitz mit historischen Fotos, die Einblicke in die Arbeitswelt der Bäckereien geben.

Walter Müller und seine Frau Ingeborg Müller-Schuitz mit historischen Fotos, die Einblicke in die Arbeitswelt der Bäckereien geben.

Foto: Alexa Kuszlik / FUNKE Foto Services

Herne.  Das Herner Stadtarchiv kann eine „Gedächtnislücke“ schließen. Ingeborg Müller-Schuitz hat die Historie der Bäckereien in der Stadt aufgearbeitet.

Das Stadtarchiv ist so etwas wie das Gedächtnis der Stadt. In seinen Regalen und Schränken schlummert ein Vielzahl an Akten, Urkunden, Zeitungen und vieles mehr. Dennoch: Es gibt Bereiche, da leidet das Archiv unter einer „Gedächtnislücke“. Eine dieser Lücken ist nun geschlossen worden - die des „weißen Goldes“.

Es ist die Geschichte des Brotes und der Bäckereien in der Stadt. „Die ist in der Vergangenheit nie aufgearbeitet worden“, so Stadtarchivar Jürgen Hagen. Dabei galt gerade Wanne-Eickel in früheren Jahren nicht nur als Stadt der 1000 Gleise (wegen des Güterbahnhofs), sondern auch als Stadt des Brotes. Dennoch sei das Archiv in dieser Hinsicht deutlich unterbelichtet. Lediglich zwei schmale Fundstücke konnte Jürgen Hagen bislang finden.

Fotos im Bildarchiv waren ohne Datierung und Beschriftung

Nun hat er deutlich besseren Überblick. Den lieferte Ingeborg Müller-Schuitz. Die Wanne-Eickelerin hatte sich in der Vergangenheit bereits verschiedenen stadtgeschichtlichen Themen gewidmet, vor dem Hintergrund der Ausstellung „Epilog“ aus Anlass des Ende des deutschen Steinkohlebergbaus nahm sie die Bäckerei-Historie unter die Lupe. Wobei: Das Archiv verfügt schon über Material zu Bäckereien - zahlreiche Fotos. Doch sie seien alle ohne Beschriftung, so dass eine Einordnung sehr schwer falle.

Müller-Schuitz suchte nach Hilfe - und fand sie bei Heinrich Schneider. Diese Bäckerei war drei Generationen lang (1899 bis 2001) an der Roonstraße beheimatet, der pensionierte Bäckermeister konnte die vielen Fotos deuten. Mehr noch: Er stellte eine liebevoll erstellte Betriebshistorie zur Verfügung, die viele Einblicke in eine Arbeitswelt gibt, die mit dem Sterben der selbstständigen kleinen Bäckereien langsam verloren geht. Eine der letzten Bäckereien, deren Ofen für immer erloschen ist, ist Granitzka an der Ecke Westring/Holsterhauser Straße.

Jahresproduktion an Brot lag bei rund 25 Millionen Kilogramm

Doch die Recherchen von Ingeborg Müller-Schuitz brachten viele weitere Ergebnisse hervor. Schon 1925 zählte die Bäckerinnung 104 Mitglieder. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war die Zahl der Betriebe auf 17 gesunken, doch es begann ein neuer Aufschwung. Auf einem Stadtplan von Wanne-Eickel sind jene Bäckereien eingezeichnet, die es zwischen 1949 und 1952 in der Doppelnamen-Stadt gab. 62 Bäckereien existierten in diesen Jahren, hinzu kamen acht Brotfabriken. Damit war Wanne-Eickel die Stadt mit der größten Konzentration an Bäckereien im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

Rund 25 Millionen Kilogramm Brot wurden zu den Boomzeiten Jahr für Jahr produziert - der weitaus größte Teil wurde allerdings jenseits der Stadtgrenzen verkauft. Die großen Hersteller lieferten bis ins Sauerland, ins Rheinland, aber auch in den Osnabrücker Raum. Was während des Wirtschaftswunders üblich war: die Lieferung an die Haustür. Das hätten sogenannte „Kaltbäcker“ gemacht, erzählt Müller-Schuitz. Sie hätten die Brote in der Fabrik abgeholt und ausgeliefert. Damals gab es noch ganz andere Größen. In den 50er- und 60er-Jahren hatte ein Laib auch mal zweieinhalb Kilogramm - und dürfte angesichts des Kalorienverbrauchs der Bergleute nicht lange gehalten haben.

Stadtarchivar: Zuarbeit von Privatleuten ist wichtig für uns

Der langsame Abstieg des Bäckerhandwerks begann Anfang der 70er-Jahre mit dem Aufkommen der ersten Discounter und einer gestiegenen Mobilität der Menschen. Immer mehr Betriebe verschwanden.

Neben den großen Entwicklungen förderte Ingeborg Müller-Schuitz auch Detailwissen zu Tage. Beim Gespräch mit der Herner WAZ-Redaktion präsentiert sie den historischen Kittel einer Bäckereiverkäuferin. Der habe einen besonderen Schnitt gehabt, um die Oberweite nicht zu betonen.

Jürgen Hagen ist dankbar für die Arbeit von Ingeborg Müller-Schuitz. „Das ist ein echter Mehrwert für das Archiv. Die Zuarbeit von Privatleuten, die sich für die Stadtgeschichte interessieren und akribisch recherchieren, ist wichtig für uns“, so Hagen.

Ingeborg Müller-Schuitz hält bereits das nächste Forschungsobjekt in Händen: eine „Bierzeitung“ aus dem Jahr 1925 vom Pestalozzi-Gymnasium. Nun will sie wissen, was dort geschrieben steht (die alte Schrift kann sie nicht entziffern) und was aus den damaligen Schülern geworden ist.

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