Interview

Hiltrud Buddemeier: In Herne wird viel zu viel bebaut

Sie kämpft seit Jahrzehnten unermüdlich für den Umwelt- und Naturschutz in Herne: Hiltrud Buddemeier (79).

Sie kämpft seit Jahrzehnten unermüdlich für den Umwelt- und Naturschutz in Herne: Hiltrud Buddemeier (79).

Foto: Klaus Pollkläsener / FUNKE Foto Services

Herne.  Hiltrud Buddemeier kämpft seit Jahrzehnten in Herne für den Naturschutz. Nun nimmt sie Abschied aus der Politik. Die WAZ traf sie zum Interview.

Hiltrud Buddemeier (79) setzt sich seit Jahrzehnten unermüdlich für den Natur- und Umweltschutz in Herne ein. Nun wurde sie nach 36 Jahren als Vorsitzende des Naturschutzbeirats verabschiedet. Im Garten des BUND an der Biologischen Station in Herne-Mitte traf sie die WAZ zum Interview.

Sie waren 36 Jahre lang Vorsitzende des Naturschutzbeirates der Stadt Herne. Das war sicher eine aufregende Zeit.

Die 80er und vor allem die 90er Jahre waren eine gute Zeit für den Naturschutz, weil wir für zehn Jahre Ökologische Stadt der Zukunft waren. Da ist nicht nur Geld geflossen, sondern ganz viele Mitarbeiter sind gekommen und ganz viele gute Ideen. Da ist ganz viel umgesetzt worden. Ich muss nur leider sagen, als die zehn Jahre um waren, trat ein Wechsel ein. Es kamen neue Dezernenten, neue Amtsleiter. Dadurch sind viele Dinge gar nicht verwirklicht worden. Da hieß es plötzlich, die Wirtschaft muss gefördert werden. Für das Stadtbild haben die zehn Jahre aber viel gebracht.

Was für Projekte waren das?

Im Bereich Wasser ist viel erreicht worden. Man hat strikt angefangen, die Wasserrahmenrichtlinien umzusetzen. Bis 2012 sollte hier kein verschmutzter Bach mehr sein. Das hat leider nicht geklappt, das sehen wir an der Emscher. Aber die kleinen Bäche sind inzwischen alle sauber. In dieser Zeit wurde auch der Landschaftsplan rechtskräftig. Das war 1989. Da wurde festgelegt, was Naturschutzgebiet oder Landschaftsschutzgebiet werden sollte. Als unser Dezernent Herr Terhoeven in den Ruhestand ging, wurde das leider nicht mehr fortgeführt. Was uns Naturschützer und mich besonders bis heute ärgert, ist, dass die Flächen auf der Erwartungsliste nicht geschützt wurden. Die sind mittlerweile alle bebaut worden. Mein schlimmstes Erlebnis war die Fläche an der Bromberger Straße. Da gab es nur einen Kindergarten und ein Haus am Waldrand, und ich bin bis zum Forstamt in Buer gegangen, um die Bebauung zu verhindern. Ohne Erfolg.

Auf was sind Sie besonders stolz?

Auf den Postpark in Wanne. Das wäre ohne uns alles unter Beton verschwunden. Kaufland wollte da unbedingt bauen. Über 10.000 Unterschriften haben wir gesammelt. Wir haben damals selber nicht mehr geglaubt, dass wir die Bebauung abwenden können. Das war, meine ich, Herr Dudda, der sagte, dass wir Grünflächen brauchen. So ist es abgewendet worden und man investierte sogar in den Park. Das hat sich bewährt, dort sind immer Leute. Ein anderer Erfolg war der Eickeler Volkspark, dort spielen wieder Kinder. Da haben wir wirklich gekämpft als Beirat. Man kam damals auf die Idee, man bräuchte nur einen Minizoo, und der im Gysenberg würde reichen. Da haben wir Unterschriften gesammelt. In der Sitzung mit der Offenlage hieß es auf einmal, dass die Pläne nicht weiter verfolgt werden.

Warum geben Sie den Vorsitz jetzt ab?

Ich hatte schon vor Jahren gesagt, wenn ich 80 werde, mache ich nicht weiter. Das kommt auch gerade so hin, dass die Legislaturperiode dann zu Ende ist. Da kamen Freunde, die sagten, das geht doch so weiter. Nein, jetzt ist einmal Schluss.

Seit wann engagieren Sie sich für den Naturschutz?

Als ich drei, vier Jahre alt war, war ich schon ein unheimlicher Tierfreund. Und ich hatte eine Hilfe, meine Oma. Die hatte immer Dackel, und ohne die ging es nirgendwo hin. Als mein Vater im Krieg war, lebten wir bei meiner Oma in Neuhaus. Die Oma hatte einen großen Garten, die kriegte das auch nie geregelt, genau wie ich. (lacht) Da gab es immer Stellen, wo es wild aussah.

Also hat Ihre Oma Sie geprägt?

Das war eine schöne Zeit in meinem Leben. Ich weiß noch, dass meine Lehrerin, als ich im zweiten Schuljahr war, mich fragte: ,Woher kennst du denn schon so viele Pflanzen?‘ Da habe ich gesagt: von meiner Oma, mit der musste ich sonntags immer durch die Senne laufen und unterwegs die Pflanzen benennen. Die Oma war richtig gebildet. Die hatte etwas, was damals wirklich nicht viele hatten, eine Mittlere Reife. Ich habe mir später viel über Botanik selber beigebracht. Engagiert habe ich mich schon im Studium. Als ich 1963 in der Schule anfing, legte ich als erstes einen Schulgarten an.

Wie sind Sie zum BUND gekommen?

Der BUND hat sich in NRW erst relativ spät gegründet. Als ich in der Zeitung las, dass sie in Herne 1981 eine Gruppe aufmachen wollen, bin ich Mitglied geworden. Das war anfangs nur ein ganz kleines Häufchen. Der Oberstadtdirektor Kirchhoff hatte sich damals dafür eingesetzt, dass das leerstehende Haus Vinckestraße 91 für uns Naturschützer vom BUND, Nabu und der Tierschutzjugend hergerichtet wurde.

Wie hat der Naturschutz sich verändert?

Was jetzt gut ist, ist der Bereich Umweltschutz, auch technischer Umweltschutz. Da haben wir Leute, die sich da gut auskennen. Die haben sich zum Beispiel mit Suez und den Problemen der Zentraldeponie Emscherbruch befasst. In bestimmten Bereichen achten die Menschen mehr auf den Naturschutz. Was mir auffällt, ist, dass die Leute beim Tierschutz sehr sensibel sind. Wenn es aber um eine Wespe geht, fehlt das Verständnis. Bestimmte Tierarten werden hochgelobt, andere sind nichts wert. Was ganz furchtbar ist, sind die Schottergärten. Da hat sich nichts geändert über die Jahre.

Was wünschen Sie sich von Ihrem Nachfolger und für die Zukunft?

Ich wünsche mir jemanden, der die Natur an die oberste Stelle stellt. Die Leute sollen der Natur mehr freien Lauf lassen. Man sollte nicht überall eingreifen, schon gar nicht mit Herbiziden oder Pestiziden.

Sie engagieren sich beim BUND, organisierten den Umwelttag mit und sitzen im Umweltausschuss und das mit fast 80 Jahren. Ist es Ihnen auch manchmal zu viel?

Den Umwelttag haben wir nicht mehr. Der Umweltausschuss wird ohne mich neu gewählt. Das ist jetzt genug. Ich hab ja auch hier den ganzen Garten noch, da sollten mir eigentlich alle helfen. Wo ich gefragt bin, ist bei Fridays for Future.

Ein Leben ohne Tiere können Sie sich nicht vorstellen?

Nein! Das könnte ich nicht. Tiere pflegen und aufnehmen, mache ich weiter. Gerade habe ich Igelbabys, die im Gewerbegebiet an der Gewerkenstraße gefunden wurden. Einer ist mir heute Nacht abgehauen, aber der war stabil und hat gute Chancen. Die anderen muss ich sicherlich noch vier Wochen aufpäppeln, dann setze ich sie hier im Garten aus.

Wenn Sie Umweltdezernentin in Herne wären. . .

Es wäre schön, wenn der aktuelle in Rente geht (lacht). Was ich mir wünschen würde, wäre, dass endlich diese starke Tendenz zur Bebauung jeder Kleinfläche aufhört. Dass die Natur etwas Luft noch schöpfen kann. Muss man denn alles bebauen? Wir können machen, was wir wollen, 1000 Samentütchen streuen, aber bestimmte Arten sind einfach weg.

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