Tanz

Herner Tanzcompagnie Ensample beeindruckt mit „Stück04“

Das Tanzcompagnie Ensample bei der Premiere des Tanztheaters „Stück04“ in den Flottmann-Hallen.

Das Tanzcompagnie Ensample bei der Premiere des Tanztheaters „Stück04“ in den Flottmann-Hallen.

Foto: Klaus Pollkläsener / FUNKE Foto Services

Herne.  Nach 50 Minuten bleibt ein von 300 Schuhpaaren bedecktes Feld zurück. Was die junge Herner Tanzcompagnie Ensample mit ihrem „Stück04“ erzählt.

Als hätte die Pandemie überall verstreute Brandherde offengelegt, entzünden sich derzeit soziale Konflikte wie ein globaler Flickenteppich, unter den viel zu lange Ängste, Sorgen und Nöte der Menschen gekehrt wurden. In den Fußstapfen einer Chronologie in der Inkubationszeit von Lockdown zu Lockdown tanzt die Tanzcompagnie Ensample in wütenden Choreografien die Geschehnisse des wohl noch lange anhaltenden Wanderjahres 2020 nach und bringt somit am vergangenen Freitag die Flottmann-Hallen mit ihrem „Stück 04“ zum regelrechten Erbeben.

Und wo die vom kalten Licht durchdrungene Nebelwand langsam auf dem Boden zerfließt und nicht verortbare, knarzende Schritte in Dauerschleife durch die Halle schallen, betrachtet der Zuschauer sechs einsame Paar Schuhe im angemessenen Sicherheitsabstand zueinander, die der mystischen Tristesse so etwas wie Leben verleihen.

Für die Verlorenen und Weggegangenen

Nicht etwa als reine Dokumentation gedacht, brechen die 13 Tänzerinnen und Tänzer den Stillstand immer weiter auf und verleihen, unter der künstlerischen Leitung von Kama Frankl-Groß, all den Unterdrückten, Verlorengegangenen und Weggesperrten Ausdruck, die bald zuhauf in Gestalt jener Schuhpaare die Bühne säumen, von ihren Puppenspielern über die Hände gezogen, als stünden sie plötzlich Kopf. Einen Turm aus funkelnden High Heels, Badeschlappen und durchgelatschten Sneakers errichten sie im gleißend hellen Licht, das auf sie niederfällt, umgarnen ihr Werk als grau-brauner Klumpen, aus dem sich der Einzelne in kräftigen Schwingungen anfängt zu lösen.

Einer bleibt in zuckenden Bewegungen stehen, die in einer beeindruckend verständlich und nachvollziehbaren Dramaturgie vom Befreiungsschlag gegen die Gleichschaltung erzählen. Szenisch bauen sich Momentaufnahmen zusammen, die etwa mit lethargisch gesprochenem Text von John Lennons „Imagine“ starke Empfindungen wie Unwohlsein und Hoffnung gegenüberstellen und zeitgleich gegeneinander ausspielen.

Schuhe im Freundeskreis zusammengetragen

Die Zeit vergeht wie im Flug, und nach etwa 50 Minuten bleibt ein von etwa 300 Schuhpaaren bedecktes Feld zurück. Wie die Toten nach einer Schlacht ruhen sie dort. Die Schuhe seien im Bekanntenkreis und bei Resteverkäufen zusammengetragen worden, erzählen die Choreografen Kwame Osei und Hendrik Michalski nach der mit Standing Ovations umjubelten Premiere. Wie Kama Frankl-Groß zeigen sie sich mehr als zufrieden. Zwar habe bereits vor dem Ausbruch der Pandemie das Thema Unruhen festgestanden, doch hätten sie nicht gewusst, was da auf sie zukomme, so das Trio weiter. Mit freudigem Tanz hat diese Inszenierung tatsächlich nichts gemein, um so energischer lässt sie Verstummte zu Wort kommen.

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