Bürgerversammlung

Herner SPD diskutiert kontrovers über Islam und Integration

Kapseln sich Moscheegemeinden zu sehr ab? Diese Klage wurde in der SPD-Diskussion laut.

Kapseln sich Moscheegemeinden zu sehr ab? Diese Klage wurde in der SPD-Diskussion laut.

Foto: Ralph Bodemer, Archiv

Herne.   Die SPD hat in Pantringshof mit rund 50 Bürgern kontrovers, aber sachlich über den Islam in Deutschland und die Integration von Muslimen diskutiert.

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Einen „sachlichen Blick auf eine aufgeregte Debatte“ über den „Islam in Deutschland“ hatte die SPD am Montagabend in Pantringshof werfen wollen. Diesem Anspruch wurde die Partei im rappelvollen Saal der Gaststätte „Zur Schleuse“ in einer 100-minütigen Diskussion weitgehend gerecht, ohne dabei kontroversen Aspekten aus dem Weg zu gehen.

Auf Einladung des SPD-Unterbezirks und der beiden Ortsvereine Horsthausen und Pantringshof lieferte Sarah Jahn vom religionswissenschaftlichen Uni-Institut „Ceres“ (Bochum) vor rund 50 Zuhörern zunächst einen Überblick mit Zahlen und Fakten über den Islam in Deutschland. In der anschließenden Debatte sorgte vor allem SPD-Ratsherr Thomas Spengler für Zuspitzungen.

Ratsherr Spengler spitzte zu

Er sei einst mit türkischen Mitbürgern groß geworden, berichtete der frühere Bergmann. „Die Ängste, die heute da sind, gab es damals nicht.“ Der Terror-Anschlag vom 11. September 2001 habe „den Herd zum Überlaufen gebracht“. Spengler: „Die Integration ist aus meiner Sicht völlig fehlgeschlagen. Da braucht man sich nichts vorzugaukeln.“ Und: Man dürfe Deutsche, die Angst vor Terror und Gewalt hätten, nicht Islamfeindlichkeit vorwerfen und sie pauschal in die rechte Ecke drängen. Der Pantringshofer Ortsvereins-Vorsitzende distanzierte sich auch vom Satz des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Das hätte man anders formulieren müssen, so Spengler.

„Völlig fehlgeschlagene Integration“? Der Einschätzung schlossen sich weder SPD-Vize Hendrik Bollmann und andere Genossen noch Gäste der Veranstaltung an. Selbst Spengler relativierte seine Aussage, indem er positive Beispiele des Miteinanders in Kitas, Schulen und Vereinen anführte.

Trauer über Abbruch von Kontakten

Von konkreten negativen Erfahrungen mit islamischen Gemeinden war an diesem Abend allerdings häufiger die Rede. So berichtete die Horsthauser Friseurmeisterin Bärbel Steinbach, dass es zur Moschee an der Scharnhorstraße unter dem neuen Imam kaum noch Kontakt gebe. Sie habe früher mit muslimischen Frauen gekocht. „Heute haben sie Angst, mit mir zu kommunizieren“, sagte Steinbach. Nur außer Reichweite der Moschee könne man herzlich zueinander sein: „Das macht mich sehr traurig.“

Auch Michael Brandt, evangelischer Pfarrer und SPD-Ortsvereins-Chef in Horsthausen, berichtete, dass sich islamische Gemeinden abkapselten. Die Religionsfreiheit gewähre auch den Moscheegemeinden das Recht, für sich zu sein, konterte Ceres-Mitarbeiterin Sarah Jahn. Sie und auch Besucher warnten davor, zu sehr die Gemeinschaften und nicht den einzelnen Menschen in den Blick zu nehmen: „Soziale Integration findet an vielen Stellen statt“, so Jahn. Seit vielen Jahren werde in Deutschland der Fehler gemacht, dass Integration mit Religion verbunden werde, sagte ein Genosse. Und auch diese These wurde mehrfach laut: Es handele sich weniger um eine Debatte über den Islam und Religion als vielmehr über Traditionen und kulturelle Werte, Frauenrechte und das Patriarchat.

Vereinbarkeit von Koran und Grundgesetz

Den größten Beifall erhielt an diesem Abend Tuncay Nazik vom Vorstand der Islamischen Gemeinde Röhlinghausen. Er habe als Muslim kein Problem damit, den Koran und das Grundgesetz miteinander zu vereinbaren, sagte er. Im Gegenteil: Der Koran lege ihm sogar auf, das Grundgesetz zu achten.

Tuncay Nazik berichtete, dass seine Gemeinde zunächst über viele Jahre vergeblich Kontakt zu Einheimischen gesucht habe: „Erst seit drei Jahren funktioniert es.“ Deshalb könne er nur an andere Gemeinden appellieren, es immer wieder zu versuchen. Auch Deutsche müssten vielleicht mehr auf Islamische Gemeinden zugehen und „einfach mal anklopfen“, räumte SPD-Mann Spengler ein.

Muzaffer Oruc warnt vor Pauschalisierungen

Ein weiterer Aspekt des Abends: der Einfluss des türkischen Staates auf Moscheegemeinden in Deutschland. Integrationsrats-Vorsitzender Muzaffer Oruc stellte klar, dass es aus historischen Gründen seit vielen Jahrzehnten üblich sei, dass die türkische Religionsbehörde Imame in deutsche Moscheen des Ditib-Verbandes entsende. Erst durch die aktuelle Erdogan-Debatte werde dies thematisiert. Oruc: „Ich habe es als Mitglied von Ditib aber nie erlebt, dass Politik gemacht wurde – auch nicht von Imamen.“ Man dürfe nicht pauschalisieren; es gebe offene und weniger offene Gemeinden. Das gelte auch für die christlichen Religionen.

Mittlerweile würden auch an deutschen Universtäten Imame ausgebildet, berichtete Muzaffer Oruc. Ob dies dazu führe, dass diese Imame später dann auch in deutschen Moscheegemeinden predigten, müsse man abwarten. „Das ist ein Prozess. Mehr kann man vielleich in zehn Jahren sagen“, sagte Oruc - und rief damit Horsthauses SPD-Ratsherr Walter Hanstein auf den Plan: „Zehn Jahre sind mir zu lang.“

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