WAZ öffnet Pforten

Herner Flottmann-Hallen zeigen sich von unbekannter Seite

„WAZ öffnet Pforten": Die Flottmann-Hallen lernte eine Besuchergruppe von einer ungewohnten Seite kennen - hier im Garten der Kneipe.

„WAZ öffnet Pforten": Die Flottmann-Hallen lernte eine Besuchergruppe von einer ungewohnten Seite kennen - hier im Garten der Kneipe.

Foto: Rainer Raffalski / Funke Foto Services GmbH

Herne.  Die Ausstellungshalle und den Theatersaal kennen viele Herner. Künstlergarderobe und Rettungswege bekamen WAZ-Leser jetzt exklusiv zu sehen.

Da sitzen sie also auf ihrem roten Ledersofa, ein Mettbrötchen in der Hand oder ein Glas Sekt, und warten auf ihren Auftritt. Man sieht sie direkt vor sich, die Gastkünstler in ihrer spartanisch eingerichteten Garderobe gleich neben der Bühne, die sonst für Besucher tabu ist. Thomas Witt hat sie an diesem Nachmittag für die WAZ-Gruppe geöffnet, die sich umschaut und gespannt zuhört, wenn der Verwaltungsleiter der Flottmann-Hallen aus dem Nähkästchen plaudert.

Viele Künstler ordern gesundes Essen

Gesundes sei auch bei den Künstlern im Trend, hören sie, „Bitte keine Süßigkeiten hinstellen“ ein oft geäußerter Wunsch. Zu gerne hätte man ja noch gewusst, wer der Künstler war, der sich da eine Flasche Wodka in die Garderobe bestellt und sie leer getrunken hat … Die Feuertreppe hätte er es vermutlich nicht mehr hinunter geschafft.

Die steile Leiter rettet im Fall des Falles nur die Künstler, erfahren die Besucher. Das Publikum wird auf der anderen Seite der Bühne durch einen Notausgang heruntergeführt. Diesen Weg durch das Treppenhaus nehmen jetzt auch die Gäste. Überraschung! Sie kommen am Eingang der Flottmannkneipe heraus.

Bemerkungen zur Geschichte

Aber zurück zum Anfang der Tour. Thomas Witt begrüßt die Gruppe im angenehm temperierten Foyer der Flottmann-Hallen: „Bei 30 Grad sind es hier noch mal 10 Grad mehr“. Das bleibt den Besuchern heute erspart. Witt hat Benjamin Bretfeld mitgebracht, den technischen Leiter der Flottmann-Hallen, und Erika Porsch, die für den historischen und kunstgeschichtlichen Part zuständig ist.

Sie frischt auf, was einigen schon bekannt ist: dass die Hallen 1908 im Stil des Jugendstils und der Neuen Sachlichkeit erbaut worden sind, vier Hallen in fünf Schiffen. Die Bochumer Flottmann-Werke hatten sich da schon im Herner Süden angesiedelt und produzierten dort ihren Bohrhammer. „Revolutionär war, dass die Menschen ihn auf der Schulter tragen konnten“, weiß Erika Porsch. 1983 war Schluss. Was stehen blieb, war das seit 1986 für Theater, Tanz, Musik und Ausstellungen genutzte Gebäude. 200 bis 230 Veranstaltungen im Jahr mit 30.000 Besuchern finden Witt zufolge hier statt.

Scheinwerfer werden gewartet

Vom Foyer geht es die Treppe hoch in den Theatersaal, wo das Theater Kohlenpott regelmäßig Jugendtheater zeigt und ein Teil der Gastspiele stattfindet. Bis zu 145 Zuschauer finden auf der neuen Bestuhlung Platz. Im Moment steht alles voller Scheinwerfer. „In den Sommermonaten werden die Geräte geprüft, gewartet und repariert“, erklärt Benjamin Bretfeld. Erika Porsch lenkt den Blick auf die Architektur, bevor die Gastgeber den sprichwörtlichen Blick „hinter die Kulissen“ gewähren.

Ist das Publikum größer, kommen auch Foyer oder die Halle 4 in Frage. In letzterer dasselbe Bild wie oben: Scheinwerfer überall. 270 Zuschauer können hier untergebracht werden, ohne Tribüne sogar 400. Auch hier wird es demnächst neue Stühle geben, erfährt die Gruppe. Eine Frau fragt nach der Farbe (anthrazit), eine andere nach der Akustik. Was auch immer die Gastgeber erzählen, die WAZ-Leser nehmen es mit lebhaftem Interesse auf. Nebenan in Halle 5, der Sporthalle, sind Judo und Aikido zu Hause, erfahren sie, neuerdings probt hier auch die Tanzcompagnie Renegade.

Dachsanierung soll im Jahr 2021 beginnen

Fehlt noch Halle 1/2. Vier bis fünf Ausstellungen im Jahr werden hier gezeigt. Gerade steht die Halle leer. „Bisher regnete es durch“, erzählt Thomas Witt. Nicht selten sei man „mit dem Eimerchen unterwegs“ gewesen. Dann vor ein paar Monaten „die tolle Nachricht“ von der Dachsanierung, mit der 2021 begonnen werden soll. „Die Herausforderung wird es sein, den Veranstaltungsbetrieb aufrecht zu erhalten“, sagt Thomas Witt.

Nun noch schnell hinaus zum Flottmann-Tor, das allseits bewundert wird. Erika Porsch skizziert seine Geschichte und was es mit der Jugendstil Ornamentik auf sich hat, die sich in dem Mauergemälde von Artur Fast gleich daneben wiederfindet. Auch dieses Graffito wird gebührend bewundert. Dass es bisher von Vandalen verschont blieb, führt Porsch auf den Ehrenkodex der Sprayer zurück.

Doch der Respekt vor der Kunst ist nicht überall verbreitet, das wird nebenan im Skulpturenpark deutlich. Zwei Kunstwerke, sind irreparabel beschädigt worden. Kopfschütteln, Unverständnis bei den Besuchern: „Wer macht so etwas?“

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