Interview

Herner Band GSG Neun ist für immer Punk

Punk’s not dead: Schmiddi (r.) und Cib beim Auftritt im Dezember 2014 in der Sonne.

Punk’s not dead: Schmiddi (r.) und Cib beim Auftritt im Dezember 2014 in der Sonne.

Foto: Martin Kerstan

Herne.   Eine denkwürdige Band-Geschichte: Gitarrist Cib und Sänger Schmiddi von der Punkformation GSG Neun blicken im Interview zurück auf 36 Jahre.

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Ende 1976 sorgten die Sex Pistols mit ihrer Single „Anarchy in the UK“ für den Punk-Urknall. Knapp vier Jahre später gründete sich in Herne die Punk-Band GSG Neun, löste sich aber fünf Jahre später wieder auf.

Seit der Wiedergeburt im Jahr 2005 tritt das Quartett in Ur-Besetzung auf und hat 2016 sogar sein erstes Album „1982“ herausgebracht. WAZ-Redakteur Lars-Oliver Christoph (51) sprach mit GSG Neun-Sänger Schmiddi und Gitarrist Cib (beide 52).

Wann seid ihr in Herne erstmals mit Punk in Berührung gekommen?

Schmiddi: Das war Anfang der 80er-Jahre. Wir waren damals 16, 17 Jahre alt und gingen alle aufs Haranni-Gymnasium. Ich habe mit unserem Bassisten im Radio donnerstags immer John Peel’s Music auf dem britischen Sender BFBS gehört, wo auch Punk-Songs gespielt wurden. In Herne gab es damals höchstens drei oder vier Punks; Herne war ja eher ein Dorf. Auch in der Schule spielte das keine große Rolle. Man hat dann aber mehr und mehr Punk gehört und immer mehr Menschen getroffen, die sich für diese Musik interessiert haben.

Was habt ihr vorher für Musik gehört? Gab es Lieblingsbands?

Cib: Klar. Bei mir war das Led Zeppelin, die höre ich heute immer noch. Ich fand auch Deep Purple gut. Und Boston, muss ich zu meiner Schande gestehen.

Dead Kennedys sorgten für Initialzündung

Wie kam es zur Initialzündung in Sachen Punk?

C: Als ich zum ersten Mal bei John Peel einen Song der Dead Kennedys gehört habe. Das war die B-Seite der Single „California über alles“, wenn ich mich nicht täusche. „The Man with the Dogs“, ein eher unbekanntes Lied. Dann bin ich sofort zu „Omo“, zu Bernd Schäumer gegangen …

… der bei der Wanne-Eickeler New-Wave-Band The Vorgruppe gespielt hat …

C: Er war damals Plattenverkäufer bei Elpi in Herne, wo ich mir die erste LP der Dead Kennedys dann gekauft habe. Da war mir klar: So muss es abgehen!

Was hast du vor Deiner Punk-Phase gehört?

S: Querbeet. Ich habe erst eher Sachen wie Cure oder Joy Division gehört, bevor ich auf Punk gestoßen bin.

Deutsche Texte, deutscher Bandname

Ihr habt eure Band GSG Neun genannt, nach der berühmt- berüchtigen Anti-Terror-Einheit des Bundesgrenzschutzes. Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

S: Wir hatten zu Beginn einen ganz anderen Projektnamen: Chemical Warfare – nach einem Song der Dead Kennedys. Dann haben wir gedacht: Englischer Name, deutsche Texte – Blödsinn. Wir wollten keine englischen Texte machen, weil unser Englisch so „Can I become a Schnitzel“-mäßig war. Deshalb haben wir nach einem deutschen Namen gesucht, den man kennt.

C: Und der provozieren soll.

S: GSG Neun erschien uns passend. Es war ja die Zeit, in der die GSG 9-Mitglieder Medienstars waren. Der Name war bekannt – und provokant.

War Punk für euch damals „nur“ Musik oder auch ein Stück weit Lebensstil und -einstellung?

C: Ich hatte nie ‘ne Stacheljacke oder einen Irokesen. Die Haare waren kurz geschnitten oder mal blond gefärbt, mehr aber nicht. Wir haben uns hauptsächlich über die Musik definiert. Als Jugendlicher bekennt man sich nun mal gerne zu einer Szene.Wenn wir zehn Jahre früher geboren wären, wären wir Hippies geworden. Und noch zehn Jahre früher wären wir halbstark gewesen und mit Mopeds rumgefahren.

S: Also ich wäre nie Hippie geworden – allein schon wegen der Scheiß-Musik. Ich denke schon, dass uns die Punk-Szene am nächsten stand. Wenn man 15, 16 ist, sucht man sich nun mal eine Szene, zu der man sich bekennen kann. Im Bunker am Westring haben sich die Leute getroffen, die in etwa in die gleiche Richtung - Punk, New Wave, Independent, ein bisschen Gruftie - marschiert sind.

Bunker war ein wichtiger Treffpunkt

Welche Bedeutung hatte der Bunker damals?

C: Der Bunker war für Herne ein extrem wichtiger Treffpunkt. Wenn es den nicht gegeben hätte, hätte es gar keine Szene gegeben – und uns als GSG Neun auch nicht. Willi Zehrt, der frühere Vorsitzende des Herner Künstlerbundes, war im Bunker die treibende Kraft. Er hat auch uns protegiert.

War denn Punk Anfang der 80er Jahre überhaupt noch eine Provokation?

S: Durchaus. 90 oder 95 Prozent der Leute haben gesagt: Was ist das für eine Musik? Was sind das für Typen? Und ein bisschen provokant wollten wir ja auch sein. Wir waren schon etwas anders drauf (lacht).

Um den ersten Auftritt von GSG Neun in der Haranni-Aula ranken sich einige Legenden. Ist es richtig, dass euer Gig mit einem Einspieler von Tony Marshalls „Heute hauen wir auf die Pauke“ eingeläutet wurde?

C: Ja, korrekt - und wir haben den Song dann als Opener in ‘ner GSG Neun-Version gespielt.

Und stimmt es, dass euer Bassist sich direkt vor eurem Auftritt ‘ne Platzwunde zugezogen hat?

C: Auch das stimmt. Wir wollten spielen – und er war gar nicht da. Er hatte sich beim Pogen zum Auftritt von Corny Various, die vor uns gespielt haben, verletzt. Im Krankenhaus wurde ihm die Rübe geflickt, anschließend ist er zu Fuß zurück zum Haranni gelaufen und mit uns aufgetreten.

Punker-Treffpunkt Tchibo

Gab es denn in Herne so etwas wie eine eigene Punk-Szene oder hat sich das mit Nachbarstädten vermischt?

S: Ab und zu hat sich das mal vermischt, aber es gab in Herne sehr wohl so etwas wie eine Szene. Die war relativ groß.

Wo traf sich diese Szene?

C: Bei Tchibo auf der Bahnhofstraße, direkt am U-Bahn-Eingang. Heute ist dort Wurst-König und ein Brillen-Laden. Samstags war es dort so voll, dass es kein Durchkommen mehr gab. 100 bis 200 Leute standen dort. Wir lungerten dort tagsüber rum und tranken ‘ne Tasse Kaffee oder ein Bierchen.

Und wo konnte man als Punk-Band in Herne damals auftreten?

C: Im Bunker am Westring. Sonst gab es eigentlich wenig.

S: Wir sind aber auch mal im Kulturzentrum und im Freizeithaus aufgetreten.

Fanden am Haranni nach eurem legendären Auftritt weitere Konzerte statt?

C: Nein, es gab nach dem Konzert richtig Ärger, weil irgendein Tonti beim Auftritt der Blues-Band Divin’ Duck zwei Eier an die Wand geschmissen hat. Bei der Band spielte auch ein Lehrer unserer Schule mit. Er musste später zum Rapport und war auch nicht mehr lange an der Schule.

„Opel Gang“ im Proberaum

1982 fand nicht nur die Konzert-Premiere von GSG Neun statt, sondern in diesem Jahr gründeten sich auch die Ärzte und die Toten Hosen. Waren diese Bands für euch damals relevant?

C: Na sicher. Ich fand ZK, die Vorgängerband der Toten Hosen, schon super.

S: Ich kann mich gut erinnern: In unserem Proberaum auf dem Stennert haben wir das Tote-Hosen-Album „Opel Gang“ von der ersten bis zur letzten Zeile mitgegrölt.

C: Fünfmal hintereinander …

Und wie war das mit den Ärzten?

C: Ich fand immer die Ärzte besser als die Toten Hosen.

S: Ich kann mich an ein Ärzte-Konzert in der Bochumer Zeche erinnern, bei dem viele Schlüpfer auf die Bühne geflogen sind ... Die Ärzte waren aber nie „meine“ Band, ich fand die immer ‘ne Ecke zu lustig. Trotzdem gibt es 50 coole Songs von denen. Und welche Band kann das schon von sich behaupten.

C: Ich fand die Toten Hosen zwischendurch für 20 Jahre mal richtig Scheiße. Auf der letzten Platte waren aber drei, vier so richtig geile Sachen drauf.

Wiedergeburt nach 23 Jahren

Ihr habt euch 1985 aufgelöst. Warum?

C: Schmiddi und unser Schlagzeuger Hannes mussten zum Bund. Es ging dann halt nicht mehr.

S: Später haben wir uns beruflich orientiert. Der eine ging hierhin, der andere dorthin.

Habt ihr bis zur Reunion von GSG Neun im Jahr 2005 in anderen Bands gespielt?

C: Der Schlagzeuger hat weiter in Bands gespielt. Ich habe 15 Jahre lang musikalisch gar nichts gemacht.

S: Auch unser Bassist hat hier und da Musik gemacht. Bei mir war auch erstmal Sense. Ich hatte auch nicht mehr damit gerechnet, dass wir noch mal gemeinsam auf der Bühne stehen werden.

Das war 2005 anlässlich des 40. Geburtstag eures Schlagzeugers.

C: Das sollte eigentlich ein einmaliger Gag sein. Aber wir haben damals so viele Tränchen aus den Drüsen gedrückt und waren so begeistert, dass wir einfach weiter gemacht haben.

Wie viele Konzerte habt ihr seitdem gespielt?

C: Etwa zehn, das waren zunächst aber eher Auftritte im privaten Rahmen. 2016 war unser bisher mit Abstand bestes Live-Jahr.

S: Wir hatten nie den Anspruch, eine Tour zu machen. Selbst wenn wir ab und zu davon rumspinnen, würde das zeitlich aufgrund unserer Jobs gar nicht gehen. Aber wir haben immerhin 2015 unsere erste Platte rausgebracht und im „Schnittpunkt“ von Rolf Buchwald eine Release-Party für unsere Fans veranstaltet.

Neues Album kommt nicht erst im Jahr 2050

Ist euer Publikum mit euch gealtert oder kommen auch jüngere Besucher zu den Auftritten von GSG Neun?

S: Einige schon, aber eigentlich ist es immer mehr so eine Art Familientreffen.

C: Die Jüngeren sind dann meistens die Kinder von denen, die mit uns gealtert sind.

Ihr habe 34 Jahre gebraucht, um euer erstes Album zu veröffentlichen. Müssen wir aufs nächste Album von GSG Neun bis 2050 warten?

S: Ne, ne, das kommt eher. Ich hätte schon noch Lust auf ein weiteres Album.

Was steht sonst an?

S: Wir kooperieren zurzeit mit der Herner Band Huka Seitwärts Durch. Mal sehen, wie es damit weitergeht.

Coole Socke: Charlie Harper

Cib und Schmiddi über:

… die UK Subs

C: Charlie Harper, der Sänger von UK Subs, ist schon eine extrem coole Socke.

S: Zum 70. von Charlie vor zweieinhalb Jahren haben wir auf dem Stennert ein Konzert nur mit Coversongs von UK Subs gespielt. Das kam richtig gut an.

C: Konzerte von UK Subs sind für uns nach wie vor Pflichttermine.

… die Sex Pistols

S: Für mich ist „Never Mind the Bollocks“ von den Sex Pistols die wichtigste Platte überhaupt. Ich fühle mich heute noch inspiriert, wenn ich das Album höre.

C: Die Begeisterung ist bei mir nicht ganz so intensiv. Für mich waren die Dead Kennedys wichtiger.

... Coverversionen

C: Wir spielen live „California über alles“ von den Dead Kennedys. Außerdem covern wir Songs von Bands wie Stiff Little Fingers, Ramones, Sex Pistols oder Der moderne Man. Wir haben uns mal für ein Stennert-Konzert Die Unbekannten Dauerläufer genannt und nur Songs von Der Moderne Man gespielt.

Top 5

Die ganz persönlichen Top 5 der 80er-Jahre von Cib und Schmiddi:

Cib: Dead Kennedys - Fresh fruit for rotting vegetables, Ramones - It’s Alive, Stiff Little Fingers - Nobodys Hero, Der moderne Man - 80 Tage auf See, Discharge - Why.

Schmiddi: Sex Pistols - Never mind the Bollocks, Die Toten Hosen - Opel Gang, UK Subs - Brand New Age, Ramones - It’s Alive, The Damned - Machine Gun Eiquette.

>> INFO

Zur Herner Punk-Band GSG Neun gehören seit der Gründung im Jahr 1980 neben Cib (Gitarre) und Schmiddi (Gesang) Hannes (Schlagzeug) und Käptn W. (Bass).

Zuletzt ist die Band am 16. Dezember bei der „Wild-Christmas-Party“ mit Freunden in der Flottmann-Kneipe aufgetreten.

Mehr Infos: www.gsg-neun.de und auf Facebook.

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