Kabarett

Herne: William Wahl überzeugt mit feinen Songs am Klavier

William Wahl am Mittwoch in den Flottmann-Hallen: Den „Tegtmeier“-Preisträgern ist dort je ein Soloabend reserviert.

William Wahl am Mittwoch in den Flottmann-Hallen: Den „Tegtmeier“-Preisträgern ist dort je ein Soloabend reserviert.

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Herne.  Solo-Abend für den „Tegtmeier“-Gewinner: William Wahl war bei Flottmann als vielseitiger Künstler und Erzähler feiner Geschichten zu erleben.

Ein kariertes Hemd hat er schon im November getragen. Als das Publikum ihn im Kulturzentrum als „Tegtmeiers Erben“ feierte, und Stargast Thomas Gottschalk dem Mann am Klavier ein spontanes Kompliment machte. Am Mittwochabend kehrte William Wahl mit seinen „Wahlgesängen“ zurück nach Herne, diesmal in die Flottmann-Hallen, wieder im karierten Hemd. Ich bin nichts Besonderes, scheint es zu sagen, dabei ist er ein Großer, virtuos am Klavier und Erfinder feiner Geschichten.

Mitsing-Kracher und stille Lieder

Vielleicht war es der Mitsing-Kracher mit Amelie, die die Skier ihrer Amme lieh, der damals beim Wettbewerb das Publikum von dem Klavierkabarettisten überzeugte. Sicherlich auch das Spott-Lied „Schicke Kita“, das die Vorzüge kindlicher Früherziehung mit Baby-Yoga und Englisch ab dem 16. Monat preist. Das sind Songs mit Reichweite, und wohl nicht zufällig hielt William Wahl diesmal die „Chiquitita“-Neufassung als zweite Zugabe zurück.

Aber der Kölner kann auch leiser. Bei Flottmann dominierten die ruhigeren Stücke, vorgetragen mit sanfter Stimme am angestrahlten Flügel inmitten des fast dunklen Theatersaals. Kaum vorstellbar, dass Wahl in der a-Cappella-Formation „basta“, mit der er immer noch tourt, ohne das Instrument auskommt, mit dem er wie verwachsen scheint.

Junggesellinnen auf dem „Pfad der Misere“

Seine Texte sind kleine melancholische Geschichten, so komisch wie traurig. Der Junggesellinnenabschied in Gütersloh etwa: junge Frauen auf dem „Pfad der Misere“, die sich mit Keksbrüsten und Strohhalmen in Penisform der Illusion der Verwegenheit hingeben. Meistens enden die Songs unerwartet, so wie das liebevolle „Ich will, dass du glücklich bist“ des frisch Getrennten nach drei Strophen zum hassverzerrten Fluch wird. Und die „Picture Postcards from L.A.“ sendet in seiner Version eine gewisse Angie aus Berlin in die Uckermark.

Wenn William Wahl dann noch von seiner Kindheit erzählt, ist man geneigt, ihm alles zu glauben, so nett kommt er rüber. Nicht immer günstig, erfährt man später: Beim Autoverkauf legte er noch sieben Euro drauf. Und schon wird ein neues Lied draus, darüber, wie „ein kleines bisschen Hass“ und Niedertracht das Leben würzen. Wahl schmäht das Diktat der Schönheitsindustrie und philosophiert über Selfies und das „Ereignisloch“, wenn keine Push-Nachricht kommt („Dann wünscht man sich dass Trump was gesagt hat oder Helene Fischer gestorben ist“), und selbst diese oft strapazierten Themen bringt er frisch auf den Tisch.

„Du spielst toll Klavier und du bist nicht dumm“, hatte Thomas Gottschalk dem Preisträger mitgegeben. Treffender geht es nicht.

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