Erinnerung

Herne: Mehr Menschen besuchen „Gottesdienste für Unbedachte“

In „Gottesdiensten für Unbedachte“ wird an jene Menschen erinnert, die einsam sterben.

In „Gottesdiensten für Unbedachte“ wird an jene Menschen erinnert, die einsam sterben.

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Herne.  24 Herner sind zuletzt einsam gestorben. Nun wurde an sie erinnert – in einem „Gottesdienst für Unbedachte“. Die Zahl der Besucher steigt.

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Die beiden Halbgeschwister hatten schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, es gab weder Besuche noch Gespräche. Vor kurzem nun starb der Mann einsam und wurde ohne Trauerfeier beigesetzt. Da waren die zwei Schwestern jetzt froh, dass sie eine Gelegenheit fanden, ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen: Sie besuchten den „Gottesdienst für Unbedachte“.

Vier Mal im Jahr laden die evangelische und die katholische Gemeinde dazu ein, der Menschen zu gedenken, an die wohl sonst niemand mehr denken würde. In den meisten Fällen erfolgte ihre Bestattung, ohne dass Angehörige, Freunde oder Bekannte anwesend waren. So auch bei dem Vater der Halbgeschwister. Mehr noch: Erst durch dessen Tod erfuhren die Angehörigen gegenseitig von ihrer Existenz, wie sie später Pfarrerin Katharina Henke erzählten.

60 Besucher in der St. Konrad-Kirche

Die Krankenhausseelsorgerin gestaltete gemeinsam mit dem katholischen Geistlichen Thomas Horsch die Gedenkfeier, zu der sich nun rund 60 Besucher in der St. Konrad-Kirche auf der Kronenstraße eingefunden hatten. Abwechselnd lasen Henke und Horsch die Namen von 24 Frauen und Männern sowie deren Alter vor. Für jeden Verstorbenen entzündeten sie am Altar eine Kerze – und damit „für einen einmaligen Menschen mit einer einmaligen Lebensgeschichte“.

Vor über sechs Jahren gab die Pfarrerin den entscheidenden Impuls, auch in Herne solche Trauergottesdienste anzubieten. Ihre Arbeit im Evangelischen Krankenhaus bringt sie immer wieder in Kontakt mit Menschen, die am Ende ihres Lebens alleingelassen sind. War es anfangs nur ein kleiner Kreis von Menschen, die das Gedenken aufsuchten, seien die Zahlen deutlich gestiegen, seit die Termine öffentlich mit Anzeigen in der WAZ bekannt gegeben werden, erklärt die Seelsorgerin. Angehörige wie die beiden Töchter kommen zu den Trauerfeiern ebenso wie eine ältere Dame, die in der Nähe der Kirche wohnt. Sie sei in der Annonce auf den Namen einer Seniorin gestoßen, die sie viele Jahre in einem Gemeindehaus regelmäßig getroffen habe. Irgendwann sei die Verbindung dann abgerissen.

Anwesenheit ist ein christliches Zeichen

Für Franz-Josef Wehling (81), der sich in St. Bonifatius sozial engagiert, ist es ein inneres Anliegen, an die Verstorbenen zu erinnern. Bernd-Ulrich Wildenhues gehört zu den aktiven Helfern der Caritas und versteht seine Anwesenheit als christliches Zeichen. „So wie es das Recht auf Menschenwürde gibt, gibt es auch ein Recht, würdig zu sterben“, sagt der 69-Jährige. Er berichtet von der Vinzenzkonferenz – das sind die Männer in der Caritas –, die Toten das letzte Geleit geben, wenn außer dem Bestatter niemand sonst dabei ist. Doch leider erhalte man nur selten Informationen über die Termine der Beisetzungen, sagt Wildenhues.

In ihren Ansprachen heben die beiden Seelsorger hervor, dass die Verstorbenen zum Herner Stadtleben dazugehörten und damit ein Teil der Gemeinschaft gewesen seien. Thomas Horsch erklärt, dass für jeden in der Kirche das gleiche Recht gelte, daher habe auch eine solche Trauerfeier ihren besonderen Stellenwert. Katharina Henke geht darauf ein, dass ein Mensch in seinem persönlichen Rückblick zu dem Eindruck gelangen könne, etwas verpasst haben, aber nun keine Chance mehr sehe, das noch zu ändern.

Bevor sich nach dem Gottesdienst einige Besucher noch zu Kaffee und Gebäck im Pfarrsaal treffen, schauen sich die Gäste das Kondolenzbuch mit Namen der Verstorbenen aus den vergangenen Jahren an. Unter den Namen, die im Gottesdienst vorgelesen wurden, steht: „Ruhe in Frieden, Papa“.

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