2 bis 3 Uhr

Guter Geist sorgt nächtens für die WAZ zum Frühstück

Ob eisige Kälte oder tropische Temperaturen: „Hauptsache trocken“, sagt Karl Bretschneider , der seit 14 Jahren die WAZ zu den Abonnenten bringt.

Ob eisige Kälte oder tropische Temperaturen: „Hauptsache trocken“, sagt Karl Bretschneider , der seit 14 Jahren die WAZ zu den Abonnenten bringt.

Foto: Dominik Loth

Herne.   Seit 14 Jahren trägt Karl Bretschneider die WAZ aus. Um 1 Uhr nachts beginnt seine Schicht. Vor allem am Wochenende erlebt er nicht nur Schönes.

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Karl Bretschneider eilt über die spärlich beleuchtete Straße. Seine schwarze Umhängetasche schlägt gegen die Hüfte, sein schwarzer Anorak raschelt in der Dunkelheit. In der Hand hält er eine WAZ, frisch gedruckt vom Druckhaus Hagen, frisch gefaltet von Bretschneider aus Wanne-Eickel. Die Zeitung landet im Briefkasten, in einem von zehn Schlitzen an der Tür eines Mehrfamilienhauses. „Das ist mein Revier. Ich mach das jetzt seit 14 Jahren. Die Adressen hab ich alle im Kopf.“ Bretschneider verschwindet so schnell wie er gekommen ist, ein Geist der Nacht.

Der 61-Jährige ist sowas wie ein Eckfeiler der Zeitung. Wenn es ihn nicht gäbe, könnten Sie diesen Artikel nicht gedruckt lesen.

Gegen eins beginnt Bretschneiders Schicht, sechsmal die Woche, wenn kein Feiertag ist. Im Gepäck hat er die WAZ, aber auch andere Zeitungen – und einen Schlüsselbund.

Die Adressen der Abonnenten kennt er auswendig

Mit den Schlüsseln kann er die Türen der Mehrfamilienhäuser öffnen, damit er niemanden weckt. Hunde werden natürlich trotzdem wach. „Einmal stand so’n Kalb vor mir“, sagt Bretschneider und zeigt die ungefähre Höhe an. Der Hund sei aber ganz friedlich gewesen und wieder weggegangen. Mit anderen Gesellen wird Bretschneider nicht so leicht fertig - Betrunkene.

„Am Wochenende ist es schlimm. Da hab’ ich schon Sachen erlebt...“ Oft wird er angemacht, einmal wurde er sogar angegriffen, musste die Polizei holen. Ein anderes Mal habe er einen betrunkenen Mann bewusstlos auf der Straße liegen sehen. „Ein Hüne“. Den habe er gar nicht erst angerührt und direkt die Polizei gerufen. „Der wacht sonst auf und denkt, ich will was klauen“, habe er damals gedacht. Die Welt bei Nacht, sie ist nicht immer eindeutig.

Früher war er Schlosser unter Tage

Manchmal erlebt Bretschneider aber auch die netten Seiten der Nacht. Gerade stürmt er über den Rasen zu einem anderen Mehrfamilienhaus, macht einen Briefkasten auf. Eine Weihnachtskarte fällt ihm zu. Er nimmt sie, steckt sie in die Innenseite seiner Jacke, macht den Reißverschluss zu und läuft unaufhaltsam weiter. „Sowas kommt meistens von den Älteren“, sagt er. Er habe auch mal einen Nikolaus und eine Sektflasche bekommen.

Karl Bretschneider war früher Schlosser unter Tage. Das sei harte Arbeit gewesen. Als er in Rente ging, brauchte er Geld für die Familie – Bretschneider hat zwei Kinder -- und bewarb sich als Zusteller. Nachts aufstehen und für zwei Stunden arbeiten, damit habe er keine Probleme. „Der Vorteil ist, dass man eigenständig arbeiten kann.“ Und man sei an der frischen Luft. „Es gibt Schlimmeres.“

Eine Lieblingsjahreszeit hat er nicht

Zum Beispiel den Winter. „Vor einigen Jahren hatten wir mal minus zwanzig Grad. Da haben sich etliche die Beine gebrochen.“ Bei Wind und Regen verteilt der 61-Jährige die Zeitung. Welche Jahreszeit seine liebste sei? „Überhaupt keine. Hauptsache trocken.“

Seine sechs Jahrzehnte merkt man Bretschneider kaum an. Er steigt die Treppen hoch, bückt sich, um die Zeitung reinzuschieben, alles ohne Stöhnen, eilt hinunter, zum nächsten Haus, in die nächste Seitenstraße. Ein Wunderwerk auf zwei Beinen. Nur sein Gesicht, das zeugt von einem Leben voller Arbeit. In den 14 Jahren als Zusteller sei er nur fünf Wochen krank gewesen, sagt er.

240 Zeitungen liegen an einer zentralen Stelle

Gegen 9 lege er sich zum Schlafen hin. Wenn er nach seiner Schicht zurückkomme, sitze er noch ein, zwei Stunden vorm Computer und lege sich wieder hin. „Ich störe meine Frau nicht.“

Bei 240 Zeitungen könne ihm schon mal ein Fehler unterlaufen. Aber das sei die Ausnahme. Jede Nacht holt er seine Stapel vor dem Aldi-Markt an der Cranger Straße ab. Dabei liegt ein Zettel mit aktuellen Informationen, wer im Urlaub ist, wer die Zeitung abbestellt hat. „Zu- und Abgänge“ nennt Bretschneider das. Den Rest habe er sich über die Jahre gemerkt. Donnerstags muss er Fernsehzeitungen verteilen, die er vorher sortieren muss. Die Tasche auf seiner Schulter ist ziemlich schwer. „Ach was. Weißt du, was man früher unter Tage alles mitschleppen musste?“

Gleich hat Karl Bretschneider Feierabend und fährt nach Hause, setzt sich noch etwas vor den Computer. Ganz leise natürlich, damit er seine Frau nicht stört.

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