Selbstverteidigung

Frauen lernen Selbstverteidigung in Herner Kampfkunstschule

Gewusst wie: Wer vorbereitet ist, kann in bedrohlichen Situationen besser reagieren (Symbolbild).

Gewusst wie: Wer vorbereitet ist, kann in bedrohlichen Situationen besser reagieren (Symbolbild).

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Herne.  In bedrohlichen Situationen wissen, was zu tun ist: Das vermittelt der Kurs „Sei überwältigend!“ Frauen in der Kampfkunstschule Zen-Ki-Budo.

Eine Frau wird auf dem abendlichen Heimweg angesprochen, bedroht. Die nächste wird scheinbar beiläufig in der Kneipe angefasst, am Arm, am Po. Eine andere wird von Jugendlichen umringt, die ihr Handy einfordern. Wie soll sie sich verhalten? Soll sie sich wehren, weglaufen, einigeln? Häufig fühlen sich Frauen in diesen Situationen hilflos. Sie haben Angst, dass Schlimmeres passiert, wenn sie sich wehren. Oder sie können sich gegen den körperlich stärkeren Mann nicht behaupten. Der neue Dauerkurs „Sei überwältigend!“ in der Kampfkunstschule Zen-Ki-Budo soll zeigen, wie Frauen sich für solche Situationen wappnen können.

Initiatorin möchte auch Frauen mit Behinderung Mut machen

Die Idee zu einem solchen Kurs treibt Claudia Reichert schon lange um. Sie ist selber Opfer körperlicher Gewalt geworden und möchte andere Frauen stärken, damit sie diese Erfahrungen nicht machen müssen. „Ich habe selber lange Jiu Jitsu gemacht, bis meine Krankheit es nicht mehr zuließ“, erklärt die 43-Jährige, die an Multiple Sklerose erkrankt ist. Kurze Strecken kann sie laufen, ist aber ansonsten auf den Rollstuhl angewiesen. Aber das hält sie nicht auf: „Mir ist das Thema eine Herzensangelegenheit und ich möchte Frauen, die wie ich krank sind oder im Rollstuhl sitzen, Mut machen. Auch sie können sich verteidigen.“

Crash-Kurse zur Selbstverteidigung für Frauen gab es in der Kampfkunstschule Zen-Ki-Budo – ein Verein, den sie 2013 mit ihrem Mann Uwe gegründet hat – schon länger. „Es ist wichtig, die Techniken immer wieder zu üben, damit man sie verinnerlicht“, erklärt Uwe Reichert, der den Kurs mit einer weiblichen Trainerin leitet. „Wir möchten vermeiden, dass Frauen, die negative Erfahrungen mit Männern gemacht haben, sich unwohl fühlen.“ Eine einfache Berührung kann als Trigger wirken. Um die Jiu Jitsu-Techniken aber effektiv anwenden zu können, ist es manchmal nötig, dass Trainer die Haltung korrigieren. „Jede kann entscheiden, ob ich das mache oder meine Kollegin.“

Trainer bringt 13 Jahre Erfahrungen mit

Der 51-Jährige trainiert Jiu Jitsu seit 2007 aktiv. Nach sechs Jahren erhielt er den 1. Dan, 1. Meistergrad. Seit 2009 beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Selbstverteidigung für Frauen. „Der normale Kampfsport besteht aus sehr harten Techniken, die zum Teil für Frauen nicht geeignet sind“, erklärt er. Deshalb hat er Techniken ausgetüftelt, die Frauen gut umsetzen können und die effektiv sind. „Für mich war schon immer wichtig, nicht nur Power zu haben, sondern den Aspekt des Heilens einzubinden.“ So ist er nicht nur Kampfsporttrainer, sondern Trainer für Entspannung und Reha-Sport. Und das obwohl er all das nicht hauptberuflich macht. Eigentlich arbeitet er als Vollziehungsbeamter.

So richtig ins Rollen kam die Idee zum Dauerkurs nachdem eine Firma Kurse für ihre Mitarbeiterinnen buchte: „Eine Frau war im Firmen-Parkhaus vergewaltigt worden und alle hatten Angst“, sagt Claudia Reichert. Der Kurs sei in Auszügen in einem WDR-Bericht gezeigt worden und danach meldeten sich zahlreiche Frauen beim Ehepaar Reichert, die Interesse bekundeten. Der Start des neuen Kurses war eigentlich für Mai geplant, „aber Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

Gefährliche Situationen rechtzeitig erkennen

In dem Kurs, in den Frauen jederzeit einsteigen können, soll es nun vor allem darum gehen, gefährliche Situationen rechtzeitig zu erkennen und sich auf einen eventuellen Angriff vorbereiten zu können. „Dass jemand ohne Vorwarnung zuschlägt, ist selten“, weiß Uwe Reichert. „In der Regel kommt es zu Bedrohungen oder Belästigungen.“ Im Kurs sollen Alltagssituationen durchgespielt werden. „Entweder benennen wir eine Situation und üben dazu vier, fünf Techniken oder wir schauen uns eine Technik an und überlegen, wann man sie einsetzen kann.“ Frauen können konkrete Situationen schildern, die sie erlebt haben und in denen sie nicht wussten, wie sie sich verhalten sollen. Das Training findet nicht nur in der Kampfschule statt, sondern auch draußen, beispielsweise im Parkhaus, um reale Situationen nachzustellen. „Wir richten uns an alle Frauen, egal welcher Herkunft“, betont das Ehepaar. Transgender seien ebenfalls willkommen, wenn sie sich als Frau fühlen. „Wir möchten alle stärken.“

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