Samstagsinterview

„Es fühlt sich an, als ob das eigene Kind laufen lernt“

Talent-Kolleg-Leiter Frank Meetz (3.v.l.) mit seinem Team. Das ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich gewachsen.

Talent-Kolleg-Leiter Frank Meetz (3.v.l.) mit seinem Team. Das ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich gewachsen.

Foto: Klaus Pollkläsener / FUNKE Foto Services

Herne.  Das Talent-Kolleg Ruhr feiert in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen. Leiter Frank Meetz zieht im Samstagsinterview der WAZ eine Bilanz.

Das Talent-Kolleg Ruhr in Herne feiert den ersten kleinen runden Geburtstag. Kollegleiter Frank Meetz und Hilke Birnstiel ziehen im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann eine Bilanz.

Herr Meetz, Frau Birnstiel, das Talent-Kolleg Ruhr wird in diesen Tagen fünf Jahre alt. Waren diese fünf Jahre ein Erfolg?

Meetz: Das können wir aufgrund des starken Zuspruchs durch die Schülerinnen und Schüler aber auch aus den Schulen ganz klar bejahen. Der Erfolg ist aber auch daran zu bemessen, dass wir das Talent-Kolleg Ruhr in Herne nicht mehr als Projekt auffassen, sondern dauerhaft betreiben und weiter ausbauen wollen. Mit der Stadt Herne wurde bereits eine langfristige Kooperation vereinbart, das Schulministerium hat im Rahmen der Ruhr-Konferenz eine Förderung in Aussicht gestellt. Und hinzu kommen nun Angebote für die Sekundarstufe 1, die wir mit Unterstützung der Stiftung Mercator hier am Talent-Kolleg verankern werden.

Ist der Erfolg angesichts der vielen Jugendlichen, die Sie betreut haben, nicht auch ein Zeichen, dass es in der Bildungslandschaft nach wie vor erhebliche Probleme gibt?

Meetz: Wir bieten Inseln an, die eine Schule in Gänze gar nicht abbilden kann. Wenn alles optimal rund um das Thema des Bildungsaufstieges laufen würde, käme man vielleicht gar nicht auf die Idee, so eine Innovation wie das Talent-Kolleg in die Landschaft zu setzen. Beispielsweise unsere Angebote, gerade im Bereich der Qualifizierung kann eine Schule gar nicht ohne weiteres abbilden. Das Gute ist, dass jede Kooperationsschule sehr individuell mit uns zusammenarbeitet.

Apropos Schule: Wie unterscheiden sich das Talent-Kolleg und die Talentschulen?

Birnstiel: Unsere Maßnahmen der Talentförderung richten sich individuell an engagierte Schülerinnen und Schüler aus weniger privilegierten Familien. Der Schulversuch Talentschulen fokussiert sich hingegen auf Schulen in sozial herausfordernden Lagen. Wir haben also einen unterschiedlichen Zugang zu durchaus ähnlichen Zielgruppen. Wir haben auch Kontakt zu den Talentschulen in Herne und nehmen von dort auch Schüler auf.

Als verkündet wurde, dass die Förderung des Talent-Kollegs dauerhaft gesichert ist, hat der Oberbürgermeister gesagt, dass dies eine Blaupause für das Ruhrgebiet ist. Werden in anderen Städten weitere Talentkollegs entstehen?

Meetz: Ja, über die Ruhrkonferenz sollen bis zu drei weitere Talent-Kollegs gegründet werden. Diese Talentkollegs sollen explizit nach Herner Vorbild gegründet werden. Wir können auf Grund unserer fünfjährigen Erfahrung eine Blaupause zur Verfügung stellen. Wir haben bereits Kontakt zu mehreren Städten, die sich mit dem Gedanken beschäftigen ein Talent-Kolleg zu gründen. Die haben sich auch schon hier in Herne informiert und wir waren dort vor Ort. Dass das Talent-Kolleg eine überregionale Strahlkraft entfaltet hat, zeigt sich auch an der Tatsache, dass 60 Prozent der Jugendlichen aus anderen Städten kommen. Für uns fühlt es sich an, als ob das eigene Kind laufen lernt.

Das Talent-Kolleg füllt ja eine Lücke in der Bildungslandschaft aus. Ist diese Funktion inzwischen in der Politik anerkannt?

Birnstiel: Wir wissen, dass es diese Bildungslücke gibt. Wir realisieren einen praktischen Ansatz, der genau mit dieser Zielgruppe arbeitet, die wegen ihres Lebenskontextes besondere Herausforderungen beim Bildungsaufstieg hat. Wir schauen uns die Lebensumstände der Jugendlichen an und sagen: Hey, Du bringst in Deinem Leben tolle Leistungen, und deshalb arbeiten wir mit Dir und investieren in Deine Unterstützung. Und das tun wir gemeinsam mit der jeweiligen Schule.

Das bedeutet aber auch, dass Schulen genau diese Lücke nicht füllen können, oder?

Meetz: Wir mit unserer Außensicht sagen: Ja, da lohnt sich die Zusammenarbeit zwischen Schule und Talent-Kolleg. Aber die Schulen werden wahrscheinlich individuelle Antworten geben. Ein Berufskolleg hat andere Herausforderungen und Stärken im System als ein Gymnasium. Wir sehen bei uns eine Scharnierfunktion bei der Begleitung der Schüler auf ihrem weiteren Weg auch weit über den Schulabschluss oder das Ende der dualen Berufsausbildung hinaus.

Birnstiel: Die Talente selbst wissen, dass bei uns ein Raum für Potenziale und Stärken ist, der an der Schule manchmal zu kurz kommt. Die Schulen sagen, dass sie das, was das Talent-Kolleg macht, gar nicht selbst machen können, weil das Talentkolleg eine neutrale Instanz ist, die einen anderen Blick vermitteln kann. Selbst die engagierteste Lehrkraft könnte das nicht hinkriegen, weil sie am Ende die Person ist, die Noten verteilt.

Zu einer Bilanz gehören auch Zahlen. Wie viele Talente haben Sie seit dem Start betreut?

Meetz: Inklusive des gerade begonnenen Trimesters haben wir die 2000er-Marke geknackt, aber es geht uns nicht um die Zahl. Es geht ja viel mehr darum, wie wir dazu beitragen können, individuelle Bildungsbiografien zu verändern.

Haben Sie Beispiele?

Birnstiel: Es gibt viele und sehr unterschiedliche Biografien. Ein Beispiel ist ein Schüler, der von einem benachbarten Gymnasium zu uns geschickt wurde, weil er wegen unglücklicher Umstände seine Abizulassung nicht bekommen hat. Es war recht schnell klar, dass er ein Faible für Informatik hat. Wir haben ihn bei der Praktikumssuche unterstützt, um den praktischen Teil seiner Fachhochschulreife zu erlangen. Dann hat er sich an der Hochschule Bochum für Informatik beworben, wurde auch genommen und ist mittlerweile Jahrgangsbester. Aus dem verunsicherten und entmutigten Schüler von damals ist mittlerweile ein selbstbewusster Student geworden. Das ist auch Teil der Talentförderung.

Welche Resonanz haben Sie denn im Laufe der Zeit von den Eltern der Talente bekommen?

Meetz: Vielleicht ein Beispiel: Eine Mutter hat mal gesagt: Seit meine Tochter bei Frau Birnstiel in der Beratung ist, habe wir weniger Konflikte zu Hause wegen der Diskussionen über die Zeit nach dem Abi. Die Eltern sind dankbar, dass wir unterstützen. Wir weiten unser Angebot ja jetzt auf die Sekundarstufe 1 aus, da sind wir selbst gespannt, wie sich auch die Zusammenarbeit mit Eltern in Herne weiterentwickelt.

Der Start des Talent-Kollegs fiel in etwa in die Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise. Wie spiegelt sich das in Ihrer Arbeit?

Birnstiel: Zugewanderte Leistungsträger sind selbstverständlich auch Teil unserer Zielgruppe. Uns ist nicht wichtig, woher jemand kommt, sondern welche Leistung er oder sie im Lebenskontext erbringt. Wir begleiten einige dieser Jugendlichen mit unterschiedlichen Biografien. Wir haben Talente, die mittlerweile erfolgreich in der Fachinformatikerausbildung, im Elektrotechnikstudium, Begabtenförderwerk oder im FSJ sind.

Bei all dem Erfolg: Gab es Dinge, die nicht funktioniert haben?

Meetz: Ja, wir haben zu Anfang zu viel gewollt und haben ganz naiv gedacht, dass wir Angebote ohne Ende machen und parallel zu den Schuljahren arbeiten. Wir haben dann auf eine Trimesterlogik, orientiert am Schuljahr, umgestellt mit neun bis zwölf Wochen. Bei den Workshops, die in jedem Trimester laufen, haben wir uns viel stärker fokussiert. Wir schauen, wann welche zusätzlichen Workshops Sinn machen, etwa die Vorstellung von Karrierewegen im öffentlichen Dienst, beispielsweise bei der Bundes- oder Landespolizei. Das wird wieder spannend, wenn wir demnächst an die Realschulen gehen.

Vom Rückblick zum Ausblick: Haben Sie Wünsche?

Meetz: In Herne sind seit 2016 alle weiterführenden Schulen im Talentscouting. Wir wünschen uns, dass wir diese Kooperation halten und ausbauen können. Und es wäre tatsächlich schön, wenn bald auch in anderen Städten ein Talent-Kolleg gegründet würde. Es gibt viele Talente im Ruhrgebiet, für die es sich zu engagieren lohnt.

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