Interview am Samstag

Ein Professor mit Eickeler Wurzeln

Prof. Dr. Claus Leggewie, Direktor des KWI.

Foto: Essen

Prof. Dr. Claus Leggewie, Direktor des KWI. Foto: Essen

Herne.   Claus Leggewie leitet das KWI in Essen und schrieb jetzt seine Autobiografie „Politische Zeiten – Beobachtungen von der Seitenlinie“.

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Claus Leggewie ist als Professor und Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen weit über Deutschlands Grenzen bekannt. Dass der 65-Jährige im Eickeler Marienhospital geboren wurde, wurde der Mehrzahl seiner Leser zwischen Berlin, Algier und New York aber erst jetzt bekannt, beim Lesen seiner Autobiografie „Politische Zeiten“. Wir befragten den Gelehrten nach seinen Wurzeln.

Herr Professor Leggewie, Sie sind zwar schon kurz nach der Geburt von der Hauptstraße 1 in Wanne-Eickel weggezogen, aber immer wieder hierhin gekommen, z.B. zu Familienfesten. Wie haben Sie die Stadt in Erinnerung? Außer, dass „millimeterdick Staub auf den Fensterbänken“ lag.

Claus Leggewie: Der Staub, junger Mann, war in den 50ern kein Klischee, schade nur, dass manche Leute das heute noch mit dem Ruhrgebiet verbinden. Das Elternhaus an der Hauptstraße war halb zerstört, im Krieg war der Turm der Johannes-Kirche draufgestürzt. Oben im Haus wohnte Opa Kiesendahl, Frührentner mit Staublunge, unten war der Zigarrenladen meiner Tante, wo die Bergleute ihre Stumpen kauften. Hinter der Hülsmann Brauerei lag ein Bolzplatz, wo ich als Kölner FC-Fan gegen jede Menge Schalker antreten musste.

Gibt es besondere Geschichten, Anekdoten oder Begebenheiten in Wanne-Eickel, die Sie mitgeprägt haben?

Für mich ist Eickel Familienleben, bis in die 70er traf sich fast die ganze Sippe – meine Urgroßmutter hatte 19 Kinder – zu Familientagen, die ich ob der hübschen Cousinen in bester Erinnerung habe. Und mein Onkel Bruno nahm mich im Opel Kapitän mit auf den Ruhrschnellweg, die Tachonadel zitterte bei über 140 Stundenkilometern. Ein anderer Onkel führte einen Briefmarkenladen in Dortmund.

Sie gelten als Linker, haben diese Rolle aber (nicht nur) in ihrer Autobiographie stark relativiert. Was ist an Ihnen heute noch uneingeschränkt links?

Keine Ahnung, was ‘uneingeschränkt links’ sein soll... Der Kopf ist dazu da, dass das Denken seine Richtung ändert, das hat nichts mit Opportunismus zu tun, sondern mit Urteilskraft. Wenn es um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geht, bin ich ‘uneingeschränkt links’, aber Dogmatiker stören mich in jeder Partei.

Zur aktuellen Lebenssituation: Sie schreiben zwar, dass der Zeitpunkt Ihrer Pensionierung genau festgelegt ist, aber wann wird das genau sein?

Das teilt einem der Arbeitgeber schon Jahre vorher offiziell mit: 30. September 2015. Ist aber kein Grund, aufzuhören.

Ihr Ausblick im letzten Kapitel ist etwas vage. Gibt es bereits Projekte, Reisen etc., die Sie planen?

Wenn ich 2017 am KWI in Essen aufhöre, mache ich genauso weiter wie bisher. Ich habe meine Leidenschaften – Schreiben, Lehren, Moderieren, Museen besuchen, Reisen, Bergwandern, Musikhören – zum Beruf machen können, deswegen wird sich, solange ich gesund bleibe, auch im „Ruhestand“ nichts groß ändern. Im September werde ich bei der Ruhrtriennale den „Zukunftsrat Ruhr“ ausrufen, steht dann hoffentlich in der WAZ.

Auszüge

„Beobachtungen von der Seitenlinie“ macht Claus Leggewie gerne, weil er Fußballfan ist, natürlich vom 1. FC Köln. In seiner Heimatstadt, nicht seiner Geburtsstadt Wanne-Eickel, ging er mit Tommy Engel von den Bläck Fööss zur Schule, und der Chef seines Gymnasiums war sein eigener Vater.

Im Gespräch mit der WAZ behauptete der Professor als bekennender Ur-Wanne-Eickeler, schmunzelnd, noch niemals in Herne gewesen zu sein.

Hier ein paar Auszüge mit lokalem Bezug: „Als Wanne-Eickel noch nicht Herne war, lag millimeterdick Staub auf den Fensterbänken, weiße Hemdkragen wurden rasch dreckig – aber gemach, das war schon in den 70ern zu Ende. Die Eickeler Hauptstraße war baumlos, aber gleich um die Ecke breitete sich der Stadtpark aus.

In Wanne-Eickel hatten wir einen Hühnerstall im Garten des Hauses, in dem meine Tante als Kriegerwitwe einen Zigarrenladen führte und hüstelnde Bergleute, in den 50ern noch unbestrittene Arbeiteraristokratie, mit Stumpen versorgte. Im obersten Stock des Hauses lag Opa Kiesendahl mit weißem Unterhemd im Fenster, früh verrentet wegen Silikoselunge, und schaute zu, wie es sich Tanten und Cousins im Schatten einer hohen Brandmauer bequem machten und dick mit Gelatine belegte Erdbeertorte futterten.

In der 70er-Jahren wurde nicht nur das alte Haus der mütterlichen Kaufmannsfamilie Frie abgerissen, es verschwand auch die kleinste deutsche Großstadt mit dem ulkigen Namen von der Landkarte.

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