Samstags-Interview

„Der Baubereich ist zurzeit sehr stark ausgelastet“

Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft

Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft

Foto: Ralph Bodemer

Herne.   Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, erklärt, wo es bereits zu Engpässen kommt und wie sich Kunden verhalten sollten.

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Das Handwerk hat zurzeit besonders goldenen Boden, so scheint es. Die Wirtschaft brummt, sie sucht in manchen Bereichen händeringend Nachwuchs. Umgekehrt wird es für Bürger schwerer, Handwerker zu bekommen für Renovierungen und Reparaturen am Haus. Wir sprachen mit Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Handwerkernotstand ist zurzeit das große Thema. Wo liegen denn aus Ihrer Sicht die größten Engpässe?

Martin Klinger: Man muss unterscheiden zwischen den unterschiedlichen Gewerken auf der einen und den unterschiedlichen Regionen auf der anderen Seite. Wenn zum Beispiel ein Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Münster verlauten lässt, das Handwerk bewege sich von einem Superlativ in den nächsten, dann ist das sehr schön, aber für das, was das mittlere Ruhrgebiet betrifft, erstens nicht richtig und zweitens kontraproduktiv.

Das heißt also, das mittlere Ruhrgebiet ist keine Boomregion?

Nein, bei uns ist es nicht so wie beispielsweise im Münsterland oder im Emsland, wo sich Unternehmer gegenseitig Mitarbeiter abwerben. Davon sind wir hier weit entfernt. Die Auftragsbücher füllen sich zwar besser als vor Jahren, aber von einem Boom sprechen wir hier nicht. Die wirtschaftliche Situation ist allerdings entspannter als vor zehn oder 15 Jahren. Von einem Notstand, also dass es ein Problem ist für die Bevölkerung, kann nicht die Rede sein.

Man hört aber auch hier von Leuten, die beispielsweise Projekte im Bausektor planen, dass es Engpässe gebe.

Das ist genau der Bereich, der auch bei uns betroffen ist. Da reden wir über die Bauunternehmer, über die Heizungs- und Sanitärtechnik, die Elektrogewerke und über die Dachdecker. Das sind die Bereiche, die auf Grund des momentanen Baubooms sehr stark ausgelastet sind und die natürlich auch schauen, welche Aufträge sie annehmen oder ablehnen, weil der eine attraktiver ist oder größer oder längerfristiger. Alle anderen Gewerke, zum Beispiel in der Lebensmittelbranche, wie Bäcker und Konditoren und Fleischer, sind davon überhaupt nicht betroffen.

Speziell beim Thema Bauboom, was macht der Kunde, wenn er beispielsweise einen Heizungsinstallateur sucht oder der Wasserhahn tropft und er niemanden findet, der ihm ein Angebot macht?

Das einfachste ist sicherlich, die Kreishandwerkerschaft Herne-Castrop-Rauxel im Internet aufzurufen. Auf unserer Seite findet man die angeschlossenen Innungen und Betriebe. Da habe ich eine große Auswahl an Firmen, die ich anfragen kann. Man hat Zugriff auf lokale Unternehmen mit einer hohen fachlichen Kompetenz und unterstützt damit im Übrigen auch Betriebe, die ausbilden. Der Vorteil, Innungsbetriebe zu wählen, besteht auch darin, dass man sich an die Schlichtungsstelle der zuständigen Handwerkskammer wenden kann, wenn man mit der Ausführung der angefragten Arbeit nicht zufrieden ist. Dann gerät man nicht von vornherein in die Situation, rechtlichen Beistand in Anspruch nehmen zu müssen. Man kann unsere Obermeister einschalten, die Gewerke begutachten und kommentieren. Das bietet eine gewisse Sicherheit.

Apropos Sicherheit, gerade nach dem Sturm Friederike hat sich wieder gezeigt, wie wichtig es ist, schnell Handwerker, zum Beispiel einen Dachdecker, zu bekommen, wenn das Dach undicht ist oder Gefahr im Verzug. Sind Ihre Betriebe in diesem Fall sozusagen moralisch verpflichtet, sofort zu helfen?

Grundsätzlich haben sich unserer Dachdecker dazu verpflichtet, gefährliche Situationen als erstes zu beseitigen. Wenn an einem Carport das halbe Dach abgedeckt ist, dann hat das einen anderen Stellenwert als wenn jemand sein Dachgeschoss ausgebaut haben möchte. Es wird nach Dringlichkeit entschieden. Da haben sich beim letzten Sturm die Unternehmen auch untereinander abgestimmt und Aufträge weitergegeben. Die kennen sich ja und arbeiten dann im Interesse der Kundschaft.

Relativ neu sind die Handwerkerportale im Internet wie MyHammer oder Blauarbeit. Das ist relativ komfortabel. Man trägt ein, was man benötigt, wie 100 Quadratmeter Fliesen verlegen, und man bekommt eine Auswahl von Angeboten. Wie bewerten Sie diese Portale?

Wenn wir unsere Unternehmer fragen, dann schimpfen sie darüber. Dort treten Firmen auf, die sich zwar berufen fühlen, aber keine entsprechende Ausbildung haben. Die sagen, nur weil ich zehn Jahre am Bau gearbeitet habe, kann ich genauso Fliesen verlegen wie die Innungsbetriebe. Sie haben oftmals keinerlei Voraussetzungen, bei der Handwerkskammer eingetragen zu sein. 30 Prozent dieser Unternehmen sind unter so etwas eingetragen wie Hausmeisterdienste oder Facilitiy Management und haben nicht die erforderliche Handwerkerqualifikation, in vielen Fällen nicht mal einen Gesellenbrief.

Sie sprechen von 30 Prozent, was ist mit den anderen Betrieben, die sich in den Portalen tummeln?

Natürlich gibt es auch hoch qualifizierte Unternehmen, die sich in den Portalen einstellen, um beispielsweise Leerlaufzeiten zu überbrücken. Als kleiner Unternehmer habe ich nicht die ganz großen Aufträge wie zum Beispiel die der öffentlichen Hand. Da kommt mal mehr und mal weniger. Die haben auch mal zwei Tage nichts zu tun. Wenn ein Unternehmen in die Ausbildung investiert und nach Tarif bezahlt und sämtliche Gewährleistungsvorschriften einhält, hat die Leistung aber auch entsprechend ihren Preis.

Also gehen auch Innungsbetriebe in die Handwerkerportale?

Unter Umständen schon. Dann kann der Kunde aber wählen, ob es sich um einen Handwerksmeister oder lediglich um einen Hausmeisterdienst handelt.

Was raten sie dem Bürger, der einen Handwerker über ein Portal sucht?

Er sollte darauf achten, dass es ein Meisterbetrieb ist, dann kann er Vertrauen haben. Und wenn es dann noch ein Meisterbetrieb der Innung ist, dann kann er Extra-Vertrauen haben. Der Anbieter sollte möglichst aus der Region kommen. Dort ist er greifbarer, ist bei Kollegen bekannt und kann es sich nicht leisten, minderwertige Arbeit abzuliefern. Schließlich hat er einen Ruf zu verlieren.

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