Pflege

Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist in Herne leergefegt

Das Aufgabenspektrum in der Altenpflege ist sehr umfangreich. Die Begleitung der Patienten gehört ebenso dazu. Oftmals aber sind die Zeitfenster für die Betreuung sehr eng.

Das Aufgabenspektrum in der Altenpflege ist sehr umfangreich. Die Begleitung der Patienten gehört ebenso dazu. Oftmals aber sind die Zeitfenster für die Betreuung sehr eng.

Foto: Britta Pedersen

Herne.   Pflegeeinrichtungen in Herne haben große Probleme, Personal zu finden. Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt. Das sind die Gründe.

Wenn Fachpersonal das Unternehmen verlässt, ist es sicherlich für jeden Arbeitgeber eine Herausforderung, eine geeignete Nachfolge zu finden. Müssen Leiterinnen oder Leiter von Senioreneinrichtungen eine vakante Stelle neu besetzen, „wird es meistens sehr, sehr schwierig“, sagt Martin Krause, Geschäftsführer des DRK. „Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt.“ Doch nicht nur der Mangel an Fachkräften belastet die Heime, die Bürokratie, das Berufsbild und mitunter auch die zu geringe Zahl an zulässigen Stellen sind weitere Erschwernisse. Aber der Reihe nach.

Die Aussagen des Chefs des DRK, das u.a. das Haus am Flottmannpark und das Altenhilfezentrum „Königsgruber Park“ betreibt, decken sich mit den Erfahrungen, die Margret Springkämper, Leiterin des Eva-von-Tiele-Winckler-Hauses, oder auch Gabriele Burchardt, Leiterin des Curanum, gewonnen haben. Der Mangel an Fachkräften hat nach ihren Einschätzungen unterschiedliche Gründe. Als eine wesentliche Ursache nennen sie die Bezahlung von Altenpflegekräften. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat ausgerechnet, dass der Durchschnittslohn eines Altenpflegers bei 2621 Euro liegt, Mitarbeiter auf einer Krankenhausstation bekommen durchschnittlich 200 Euro mehr. Darüber müsse man auch bedenken, dass in der Öffentlichkeit der Beruf des Altenpflegers als nicht besonders attraktiv gelte, sagt Margret Springkämper. Die Belastung, die man mit dem Berufsbild verbinde, sei für das Ansehen nachteilig. Die Leiterin weist aber auch darauf hin, dass ihr Haus und auch viele andere Einrichtungen den Mitarbeitern durch Schulungen und Gespräche Hilfen zur Bewältigung der Aufgaben anbieten.

Heime bilden selbst aus

Um das Problem des fehlenden Personals in den Griff zu bekommen, haben inzwischen viele Heime aus der Not eine Tugend gemacht, und „bilden selbst aus“, sagt Brigitte Bartels, Leiterin des Fachbereichs Soziales der Stadt Herne.

Wenn aber nun in Seniorenheimen die Personaldecke zu kurz ist, sind alternative Lösungen gefragt. In einigen Häusern leistet die Belegschaft dann Überstunden. Manche Einrichtungen greifen aber auch auf Zeitarbeitsfirmen zurück. Sie verfügen – und das erscheint zunächst schon fast kurios – über eine ausreichende Zahl an „Springern“. Warum haben aber nun Personaldienstleister Pflegekräfte, die die Heime suchen? Nach Darstellung eines Anbieters aus der Region können sich in seinem Unternehmen die Pflegekräfte aussuchen, ob sie Schichtdienst leisten wollen, bei den Urlaubszeiten könne man den Wünschen der Beschäftigten entgegenkommen. Ein Vorteil sei für einige Mitarbeiter auch, nicht fest an ein Haus gebunden zu sein, eine Einschätzung, die übrigens auch der DRK-Chef teilt.

Belastung für die Pflegekräfte

Der Einsatz von Personaldienstleistern hat allerdings für die Heime den Nachteil, dass sie „für einen Träger recht schnell teuer werden“, sagt Martin Krause. Die Kosten könne man über den regulären Pflegesatz nicht mehr abdecken.

Wie viele Stellen ein Heim haben darf, wird nach einem komplizierten Berechnungsschlüssel, bei dem die medizinische Situation eines jeden Heimbewohners ausschlaggebend ist, ermittelt. Galten dazu früher Pflegestufen, sind es inzwischen Pflegegrade. Die Folgen für die Heime sind ganz unterschiedlich. Einige Einrichtungen bekamen das Anrecht auf zusätzliches Personal, andere hingegen müssen mit weniger Mitarbeitern auskommen.

Die Belastung für die Pflegekräfte ist nach Aussage von Daniela Lobin von der St. Elisabeth-Gruppe deutlich gestiegen. Zu der Gesellschaft gehören das St. Elisabeth Stift und das Seniorenzentrum St. Georg. Die Versorgung von Menschen, die im Sterben liegen, oder an Demenz erkrankt sind, spiele eine immer größere Rolle.

Eine zusätzliche Beanspruchung entsteht für die Beschäftigten in den Heimen schließlich durch die Fülle an Dokumentationen, die sie über die Pflegetätigkeit anfertigen müssen. Der bürokratische Aufwand ist in den vergangenen Jahren immens gestiegen. Wer übrigens für eine Zeitarbeitsfirma tätig ist, hat damit auch weniger zu tun.

>> 580 ZUSÄTZLICHE PFLEGEPLÄTZE NÖTIG

Die Zahl der Pflegekräfte ist knapp bemessen und nach Prognosen der Stadt werden noch viel mehr gebraucht. Denn den Berechnungen zufolge müssen bis 2025 rund 580 zusätzliche Pflegeplätze entstehen, für die Personal erforderlich ist.

Die Situation im Einzelnen: Nach Angaben von Brigitte Bartels, Leiterin des Fachbereichs Soziales, hat zwar schon ein neues Heim mit 80 Plätzen seinen Betrieb aufgenommen, für fünf weitere sind in den Stadtteilen Baukau, Herne-Zentrum, Crange und Sodingen erste Planungen angelaufen. Darüber hinaus müssen noch weitere 100 Plätze entstehen. Wer der Anbieter sein könnte, ist noch offen.

Daher besteht die Sorge, dass es in wenigen Jahren zu extrem langen Wartezeiten kommt, bis ein Pflegebedürftiger ein Heim gefunden hat. Auch heute haben die Einrichtungen Wartelisten. Wird momentan ein Platz frei, dauert es zwischen einem und vier Tagen, bis er wieder belegt ist.

Gibt es keine Möglichkeit der Unterbringung in einer stationären Einrichtung, stehen Angehörige vor der Frage, ob sie selbst häusliche Pflege leisten sollen, gegebenenfalls in Kombination mit ambulanten Pflegediensten. Ohnehin werden fast 75 Prozent aller Pflegebedürftigen ambulant, das heißt daheim bzw. in und von der Familie betreut.

Bei den Versuchen abzuschätzen, wie sich die Pflegesituation ganz konkret in Herne in einigen Jahren darstellen wird, gibt es mehrere Unwägbarkeiten: Man weiß, dass die Zahl hochaltriger Menschen zunehmen wird. Wird damit die Arbeit in den Heimen oder auch in den Privathaushalten zwangsläufig intensiver? Und geht damit eine viel höhere Belastung der Betreuer einher?

Eine ganz andere Betrachtungsweise geht davon aus, dass ältere Menschen dank weiterer Fortschritte in der Medizin künftig nicht mehr einen so hohen Pflegebedarf haben wie derzeit noch. Experten sprechen von einer „pflegebedürftigkeitsfreien Lebenszeit“. Sollte es also gelingen, dass Menschen länger gesund bleiben, dann wären in Herne auch 1800 (statt 2300) zusätzliche Plätze ausreichend.

>> AKTEURE SOLLEN BESSER KOOPERIEREN

Über die aktuelle Situation in der Pflegebranche sprach die WAZ mit Ingrid Fischbach, der Patientenbeauftragten der Bundesregierung.

1 Erreichen Sie Beschwerden aus dem Pflegebereich?

Als Pflegebevollmächtigte erhalte ich täglich aus ganz Deutschland Anfragen von Bürgern und Verbänden. Angesprochen werden die unterschiedlichsten Themen, z.B. „Wie bekomme ich einen Pflegegrad?“, „Wie finde ich einen Kurzzeitpflegeplatz?“, „Wie kann ich meine Haushaltshilfe finanzieren?“ Aber natürlich auch E-Mails, die auf personelle Probleme in Einrichtungen oder Arbeitsbelastungen der Pflegekräfte hinweisen. Im Jahr sind das mehrere tausend Schreiben, E-Mails und Gespräche. Ich setze mich dafür ein, dass pflegende Angehörige und Pflegebedürftige selbstbestimmt das Gesundheitswesen nutzen können und ihnen dafür alle Informationen und Strukturen zur Verfügung stehen.

2 Melden sich auch Gewerkschaften oder Einrichtungen selbst zu Wort?

Pflegekräfte und Einrichtungen wenden sich an mich, vor allem zum Thema bessere Arbeitsbedingungen. Aus meiner Sicht müssen alle Akteure besser zusammen arbeiten, um den Pflegeberuf durch vernünftige Löhne und gute Arbeitsbedingungen noch attraktiver zu machen. Von den Gewerkschaften würde ich mir noch mehr Engagement für Pflegekräfte wünschen. Bei der professionellen Organisation der Pflegekräfte ist leider noch viel Luft nach oben.

3 Wie lassen sich Korrekturen erreichen?

In der letzten Legislaturperiode hat die Bundesregierung fünf Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich für die Altenpflege bereit gestellt und die Ausbildung reformiert.

Im Koalitionsvertrag haben wir wichtige Schritte skizziert, unter anderem 8 000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Geld für Pflegepersonal im Krankenhaus und mehr Flexibilität für Pflegebedürftige.

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