Interview

Dem Herner Bürgermeister seine Frau ihr Mann nimmt Abschied

2019 „kaufte“ Erich Leichner seiner Frau Livia ein Stadion bzw. er erwarb für ein Jahr die Namensrechte für die Sportanlage der Sportfreunde Wanne-Eickel. Das Geld - eine vierstellige Summe- floss in die Jugendarbeit des Vereins.

2019 „kaufte“ Erich Leichner seiner Frau Livia ein Stadion bzw. er erwarb für ein Jahr die Namensrechte für die Sportanlage der Sportfreunde Wanne-Eickel. Das Geld - eine vierstellige Summe- floss in die Jugendarbeit des Vereins.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Herne.  Ratsherr, Bürgermeister, Stadionkäufer, „Arschbomber“ … und mehr war Erich Leichner. Ein Interview zu seinem Abschied von der Herner Politik.

Erich Leichner (SPD) gehörte 26 Jahre dem Rat der Stadt an, davon die letzten sechs Jahre als Bürgermeister. Zum Ende seiner Amtszeit machte der 69-Jährige sogar bundesweit Schlagzeilen, weil er für seine Frau Livia für einen guten Zweck die Namensrechte der Anlage der Sportfreunde Wanne-Eickel erwarb („dem Bürgermeister seine Frau ihr Stadion“). Die WAZ sprach mit dem in der Bevölkerung sehr populären Kommunalpolitiker.

Sie waren 26 Jahre für die SPD Mitglied des Rates und zuletzt sechs Jahre Bürgermeister. Welches Ereignis werden Sie besonders in Erinnerung behalten?

Da gibt es eine ganze Menge (überlegt). Ich fand es schön, dass ich Oberbürgermeister Horst Schiereck verabschieden und Frank Dudda im Rat einführen durfte. Das hat mich schon ein Stück weit stolz gemacht.

Was bleibt negativ hängen?

Ich wollte zu Beginn meiner Amtszeit als Bürgermeister in einem Herner Altenheim – den Namen will ich hier nicht nennen - einer Frau zum 100. Geburtstag gratulieren. Ich bin 20 Minuten durch die Gegend gelaufen, um das Zimmer der Frau zu finden. Es war nichts geschmückt und vorbereitet. Im Zimmer war das Rollo noch unten, auf dem Boden lag ein kaputtes Glas. Und die Frau lag noch im Bett. Das fand ich erschreckend.

Welche politische Entscheidung war für Sie denkwürdig?

Ich war 16 Jahre Vorsitzender des Aufsichtsrates der Herner Bädergesellschaft. Meine Vision war von Anfang an, dass Herne irgendwann mal alle Bäder unter einem Dach führt. Das gelingt ja nun.

Gibt es eine Entscheidung, bei der Sie aus heutiger Sicht sagen: Da lag ich komplett falsch?

Ich hätte ab und zu mal meine Klappe halten sollen (lacht). Für mich war aber von Anfang an klar: Um wirtschaftlich unabhängig zu sein, brauche ich weder die Partei noch die Stadt. Ich hatte meinen Beruf im evangelischen Institut für Kirche und Gesellschaft. Deshalb habe ich mich niemals verbiegen müssen.

Waren Sie denn immer einverstanden mit dem, was Ihre Partei entschieden hat?

Natürlich nicht.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Sie wissen doch, wie das läuft: In der Fraktion wird diskutiert und abgestimmt. Und im Rat wird dann so abgestimmt, wie die Mehrheit der Fraktion es vorgegeben hat. Und wenn man für seine Position keine Mehrheit bekommen hat, schließt man sich eben an. Politik wird ja nicht immer nur in Sitzungen gemacht.

Waren Sie innerhalb der SPD ein Strippenzieher?

Nein, das glaube ich nicht. Ich war ein politisch denkender und vielleicht ein Stück weit auch ein strategisch denkender Mensch.

Welche Themen lagen Ihnen als Kommunalpolitiker besonders am Herzen?

Alle Themen, die direkt die Bürger betrafen. Und natürlich – auch berufsbedingt – die Themen Arbeit, Gesundheit, Soziales und Senioren.

Gibt es etwas, das Sie nicht umsetzen konnten und das Sie als Ratsherr noch gerne mit auf den Weg gebracht hätten?

Vielleicht habe ich mir immer zu niedrige Ziele gesetzt, aber ich kann ruhigen Gewissens aufhören. Obwohl: Die verkaufsoffenen Sonntage konnte ich im Rat nicht verhindern.

Es gibt zunehmend Klagen ehrenamtlicher Politiker über Anfeindungen und Beschimpfungen. Ist da etwas in Schieflage geraten?

Nein, das kann ich persönlich nicht sagen. Es gab ab und zu mal anonyme Kommentare auf der Facebook-Seite meiner Frau oder unter WAZ-Berichten, aber das hielt sich in Grenzen.

Die Beteiligung bei der Kommunalwahl hat sich in Herne bei knapp über 40 Prozent eingependelt. Wie bewerten Sie das?

Ich finde das sehr traurig. In anderen Ländern kämpfen Menschen um ihr Wahlrecht, hier gibt es häufig Gleichgültigkeit.

Ihre Partei hat bei der Kommunalwahl in Herne gegen den Landestrend ihr Ergebnis halten können. War das der Dudda-Effekt?

Das Ergebnis der SPD war auch für mich überraschend; ich hätte mit acht Prozent weniger gerechnet. Ich glaube schon, dass Frank Dudda „gezogen“ hat. Ich war allerdings auch vom schlechten Ergebnis der CDU überrascht.

Wenn SPD-Chef Alexander Vogt nicht wieder in den sozialen Medien böse Sachen über die CDU auf TikTok stellt, wird es im Rat eine Fortsetzung von Rot-Schwarz geben. Wäre Ihnen persönlich die Grünen als Partner lieber gewesen?

Nein.

Sie könnten es ja jetzt zugeben …

Nein, das wäre mir nicht lieber. Das hat aber - wie häufig in der Kommunalpolitik - auch mit den handelnden Personen zu tun. Rot-Grün ist ja 2013 vor allem daran gescheitert, dass einige nicht gut miteinander konnten. Und ich glaube, dass auch Frank Dudda keine Lust auf Rot-Grün hat.

Sie haben 2014 gegenüber der WAZ bei ihrem Antritts-Interview als Bürgermeister gesagt: „Ich glaube, dass ich für Herne einige Akzente setzen kann.“ Ist Ihnen das gelungen?

Das müssen andere entscheiden. Ich hatte mir das Amt zugetraut, sonst hätte ich nicht kandidiert. Und in den sechs Jahren gab es keine Skandälchen oder negative Stimmen.

Und dass Sie das neue Wananas mit einer „Arschbombe“ eingeweiht haben, hat Ihnen auch niemand übel genommen?

Nein, nein. Ich hätte auch gerne noch die neue Rutsche im Lago eingeweiht ...

Haben die sechs Jahre im Bürgermeisteramt Ihr Leben reicher gemacht?

Ja, auf jeden Fall. Und ich hatte mir vorgenommen, authentisch zu bleiben. Das ist mir gelungen.

Betrübt es Sie, dass Ihre Amtszeit durch die Pandemie etwas sang- und klanglos zu Ende geht?

Im Gegenteil: Der Abschied fällt mir dadurch leichter. Allerdings hätte ich noch gerne etwas für die Traditionsvereine in Herne bewegt.

In Herne spricht man nicht nur von Erich Leichner, sondern mindestens genauso häufig von „den Leichners“, weil es Sie oft nur im Doppelpack mit Ihrer Gattin Livia gibt. Wird es künftig nur noch die Leichners geben?

Ja, das wird so sein.

Sie geben öffentlich ein Bild der Harmonie ab. Streiten Sie sich am Küchentisch auch mal über politische Themen?

Natürlich fetzen wir uns mal. Meine Frau ist auch nicht Mitglied der SPD. Ich musste mich oft für Entscheidungen der Politik oder der Stadt rechtfertigen, vor allem in der Kinder- und Jugendpolitik – sie ist ja Leiterin eines Familienzentrums – und zuletzt wegen Corona.

Sie haben Ihrer Frau das Stadion der Sportfreunde Wanne-Eickel „gekauft“ bzw. für ein Jahr die Namensrechte erworben. Haben Sie schon eine neue Überraschung für sie in petto?

Nein, irgendwann muss ja auch mal gut sein (lacht). Im Ernst: Wir hatten uns vorgenommen, mit der Aufwandsentschädigung fürs Bürgermeisteramt in Herne möglichst viel Gutes zu tun. Das ist uns gelungen, nicht nur bei den Sportfreunden und ihrer Jugendarbeit.

Mein liebster politischer Gegner in Herne war …

… der frühere CDU-Stadtverordnete Elmar Hussing. Mit ihm konnte ich mich immer gut in der Sache streiten.

Mein liebster Oberbürgermeister war …

… Frank Dudda.

Mein liebster „Tatort“-Kommissar ist …

… Alex Prahl im „Tatort“ aus Münster. Und Charly Hübner im „Polizeiruf“, der ist volksnah und handfest. Das kommt mir entgegen.

Die Basketballerinnen des HTC werden in dieser Saison …

… bis ins Halbfinale der Playoffs kommen.

Wird man Sie denn weiterhin bei Heim- und Auswärtsspielen des HTC antreffen?

Ja, und zwar noch häufiger als bisher. Ich habe ja jetzt keine Termine mehr die mir vorgegeben werden – zum ersten Mal nach 55 Jahren.

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